Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11 DIE^ELT beschluß nicht gehalten hatten. Dies ließ aber den Polen mosaischer Konfession keine Ruhe, ihr Verein „Z j e d n o c z e n i e“ erließ einen Aufruf, in dem die genannten jüdischen Hörer denunziert wurden. Die polnische Jugend fühlte sich nun veranlaßt, Stellung zu nehmen. Eine Versammlung wurde abgehalten, ein Gericht eingesetzt, und die bereits in Krakau „Abgeurteilten" aufgefordert, sofort die Hochschule in Lemberg zu verlassen. Die jüdischen Hörer blieben die Antwort nicht schuldig. Sie beriefen eine Versammlung und beschlossen, auf der Bildung eines gemeinsamen Gerichts zu bestehen. Als Montag, den 3. März, die „Verurteilten" im Vortragssaale erschienen, wurden sie von den Polen gewaltsam herausgedrängt. Die anwesenden jüdischen Hörer nahmen sich ihrer Brüder an. Es kam zu einem Zusammenstoß. Auf beiden Seiten gab es Verwundete. Die entschlossene Haltung der Juden veranlaßte die sofortige Einstellung der Vorlesungen. Am nächsten Tage konnten die Juden aus Russisch-Polen unter dem Schutze ihrer in großer Zahl erschienenen galizischen Kollegen sich ruhig auf der medizinischen Fakultät bewegen. Die polnische Jugend war um eine Lehre reicher und wagte nicht mehr, die Juden zu überfallen. Das jüdische Komitee hat im Senat wie auch im Unterrichtsministerium Schritte eingeleitet, um den Polen die Ueberzeugung beizubringen, daß ihr Vorgehen ungerechtfertigt ist. Die entschlossene Haltung der jüdischen Studentenschaft verdient jedenfalls volle Anerkennung. Ein ungarisches Kulturbild (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Unlängst verschied in Paris der Dozent an der Sorbonne. Prof. Dr. Ignäc Kont, ein namhafter Philologe. An der Sorbonne dozierte er ungarische Literaturgeschichte. Sämtliche Blätter zollten dem Andenken des trefflichen Mannes das größte Lob. Vor einigen Tagen fand die Generalversammlung der Ungarischen Philologischen Gesellschaft statt, bei welcher Gelegenheit der Vorsitzende dem Andenken des Verstorbenen einen überaus warmen Nekrolog widmete, aus dem folgende Sätze hervorzuheben sind: „Neben den klassischen Sprachen war die deutsche Philologie das Lieblingsfeld seiner Betätigung. Er erwarb sich denn auch nach der Doktorprüfung neben der Befähigung für die klassischen Sprachen auch die Befähigung zu einem Lehramte für die -deutsche und französische Sprache und erhielt sogar kraft seiner Gelehrsamkeit kurz nachher eine Privatdozentur an der Universität Budapest. Doch alles umsonst! Weder seine glänzenden Befähigungsnachweise, noch seine literarische Tätigkeit, ja nicht einmal die Anerkennung der angesehensten Faktoren konnten ihm die bescheidene Stellung eines Gymnasiallehrers, ja nicht einmal die viel bescheidenere Stellung eines Bürgerschullehrers verschaffen. Die entscheidenden Faktoren des ungarischen Unterrichtswesens waren zu jener Zeit (in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Anm. d. Red.) solche begeisterte Rechtgläubige, daß aus diesem Lande, wo seit uralten Zeiten so viele Analphabeten zu gut dotierten Stellungen kommen können, dieser arme Judenjunge auswandern mußte, um sich und seine noch ärmeren Ettern erhalten zu können . . Der diese Worte sprach, ist der berühmte Philologe Prof, a. D. Ministerialrat Gustav Heinrich, zugleich Generalsekretär der kön. ung. Akademie der Wissenschaften. Eine Persönlichkeit also, der man die Kompetenz, über Kulturzustände ein Urteil zu fällen, nicht absprechen kann. Es ist noch zu bemerken, daß die Leiter der ungarischen Unterrichtsangelegenheiten nicht nur in jener Zeit solche begeisterte Rechtgläubige waren. Minister a. D. Graf Johann Zichy Die wechselvollen Vorgänge der ungarischen Politik brachten jetzt den Rücktritt des Ministers für Kultus und Unterricht, Grafen Johann Zichy. Dieser Staatsmann war vor Jahren Präsident der klerikalen und stramm antisemitischen V olkspartei, verließ aber diesen Parteiverband und stand auf Grundlage eines katholisch-konservativen Programms jahrelang außerhalb der Parteien, schloß sich endlich vor drei Jahren der neugegründeten Regierungspartei an, in deren Kabinett er auch eintrat. Den jüdisch-konfessionellen Angelegenheiten — wie überhaupt allen konfessionellen Angelegenheiten - stand er überaus wohlwollend gegenüber. Die staatlichen Zuschüsse zu den jüdisch-konfessionellen Kultusausgaben wurden während seiner Amtsperiode erheblich erhöht, einzelne Posten sogar verdoppelt. Die jüdische Konfession wird zwar auch jetzt noch sehr stiefmütterlich behandelt, immerhin wurde aber ein Fortschritt erzielt, den man früher nicht erhoffen konnte. Auch die Errichtung eines jüdischen Gymnasiums in Budapest beschleunigte er durch die Gewährung einer staatlichen Beihilfe von 490 000 Kr. Knapp vor seinem Rücktritt wurde nun bekannt, daß er beschlossen habe, die einzige jüdische Lehrerpräparandie, welche sich bisher in dem etwas altmodischen Gebäude des Rabbinerseminars befand, in einem neuen modernen Gebäude unterzubringen. Bis die Verhältnisse die Durchführung dieses Planes gestatten, hat der Minister, um die unbemittelten Zöglinge der Anstalt nach Möglichkeit von ihren Lebenssorgen zu befreien, angeordnet, daß ein Internat errichtet werde, in dem vom September dieses Jahres angefangen dreißig Zöglinge unentgeltlich, weitere dreißig gegen halbe oder volle Gebühren vollständige Verpflegung erhalten-, die ärmeren Zöglinge werden .schon in diesem Studienjahre mit Kost versehen. Die Kosten betragen 29 100 Kr. pro Jahr, die von der Subvention des israelitischen Landesschulfonds und der israelitischen konfessionellen Staatsunterstützung bezahlt werden. Wie ersichtlich, war dieser streng katholisch-konservativ gesinnte Staatsmann, der niemals mit dem Liberalismus liebäugelte, ernstlich bemüht, auch der jüdischen Konfession Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Anläßlich seiner Ernennung wurden — eingedenk seiner Vergangenheit — Befürchtungen laut, doch enttäuschte er in der angenehmsten Weise. Wir können seinen Rücktritt nur bedauern, da er, im Gegensatz zu den meisten seiner Vorgänger, die sich als stramme „Liberale" gebärdeten, sich als ein Mann der Tat und nicht der Phrase erwies. Die russische Akademie der Wissenschaften und ein jüdischer Gelehrter Budapest. Auf dem letzten Kongreß des internationalen Bundes wissenschaftlicher Akademien, der in Rom stattfand, wurde beschlossen, den nächsten Kongreß im Mai dieses Jahres in Petersburg abzuhalten. An den Verhandlungen werden Vertreter von 22 Akademien teilnehmen. Die ungarische Akademie der Wissenschaften hat nun den hervorragenden Orientalisten Prof. Ignaz Goldziher zu ihrem Delegierten gewählt. Da jedoch Goldziher Jude ist und als solcher einer besonderen Erlaubnis zur Ueberschreitung der russichen Grenze bedürfte, lehnte er die Wahl kategorisch ab. Daraufhin verzichtete auch der zweite Delegierte der ungarischen Akademie, Prof. Julius König, auf die Teilnahme an dem Petersburger Kongreß. Infolgedessen wird die ungarische Akademie auf dem diesjährigen Akademikerkongreß nicht vertreten sein. Einem ungarischen Journalisten erklärte Prof. Goldziher, er persönlich hätte zwar als Mitglied der russischen Akademie, die ihn schon vor zwanzig Jahren gewählt hat, das Privileg des unbeschränkten Aufenthalts in Rußland, und es hätte darum gar nicht erst der Aktion be-