Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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336 DIE3§ffiLT Acher, „der älteste Student“, wurde unter stürmischen Ovationen zum Ehrenpräsidenten der Konferenz gewählt. Die Verhandlungen vom Sonntag wurden durch ein Referat des Herrn G o r d o n über die Aufgaben des zukünftigen Verbandes eingeleitet. In diesem Referat, wie in den Debatten, die sich daran anschlossen und auch in der Montags Sitzung fortgesetzt wurden, wurde als wesentliche Aufgabe der Organisation bezeichnet: die Schaffung eines Zentralbureaus, das die kulturelle Arbeit innerhalb des Verbandes zentralisieren soll: durch Errichtung einer Karthotek der Bibliotheksbestände der Vereine, Organisierung von Vortragszyklen, Herausgabe eines Verbandsorganes. Die Diskussion über die Gestaltung dieser Verbandszeitschrift entwickelte sich zu einem lebhaften Redekampf zwischen den „Jiddischisten“ und „Hebraisten“. (Die Verhandlungen wurden fast ausschließlich in jiddischer Sprache geführt.) Geber alle in dieser Debatte behandelten Organisationsfragen soll nun eine von der Konferenz gewählte siebengliedrige Kommission der Plenarversammlung bestimmte Anträge unterbreiten. Die Sitzungen der folgenden Tage -- die Verhandlungen werden voraussichtlich erst Donnerstag zu Ende gehen — hatten vornehmlich die Besprechung der ökonomischen Lage der jüdischen Studenten und die Frage der jüdisch - gesellschaftlichen Arbeit zum Gegenstand. Die wirtschaftliche Lage der in Deutschland studierenden ausländischen Juden — vornehmlich im Zusammenhang mit dem „Klinikerstreik“ — wurde in einer Sondersitzung der Delegierten aus den deutschen Universitätsstädten separat besprochen. Mehrere öffentliche Versammlungen begleiteten die offizielle Tagung. Am Vorabend der Konferenz sprach Matthias Acher im „Olivenbaum“ über: „Das jüdische Volk und die jüdische Intelligenz.“ Am Samstag Nachmittag fand ein Meeting im „Volkshaus“ statt, in dem Herr S i n g a 1 o w s k y- Halle und Matthias Acher sprachen. Für den Sonntag Abend hatte das „Jüdische Bildungskomitee“ zu einem „jiddischen Unterhaltungsaoencl“ emgeiaaen. Im Konferenzsaal findet während der Tagung eine Ausstellung des „Jüdischen Verlags“ statt. Die Berufsgliederung der osteuropäischen Juden in Paris (Von unserem Berichterstatter.) Paris. Einen Versuch zur Feststellung der Berufsgliederung der eingewanderten Juden in Paris unternimmt „Speisers Kalende r“. Bei dem Mangel an amtlichem Material ist die kurze statistische Arbeit als einzige ihrer Art interessant. Dieselbe ist auf Grund sorgfältiger privater Ermittlungen und namentlich der Mitteilungen der gewerkschaftlichen Organisationen aufgestellt. Nach dieser Statistik sind die aus Osteuropa (inkl. Türkei) eingewanderten Juden tätig als: Bäcker selbständig . . 12 f Lederarbeiter.600 ,. Arbeiter . . . 70(?) Mechaniker und Schlosser 1200 Buchdrucker selbständig 10! Metzgerraeister .... 12 .... Arbeiter . 35 (V); Mützen- und Hutmacher . 1460 Bürstenmacher .... 65 do. ungelernte .... 500 Drechsler. 400 . Pelzarbeiter.1400 Gamaschenstepper . . 300 1 Photographen und Zahn- Göldärbeirer .... 1200 techniker (Angestellte) . 200 Haarfärber.60 I Schneider, gelernte . . . 6300 Händler aller Art ca. . 5000 } „ ungelernte . - 600 Angestellte bei solchen . 400! Schuster.900 Händler in Goldwaren j Spielwarenarbeiter ... 200 und Edelsteinen . . 1000 j Sonstige (Barbiere. Kellner Angestellte bei solchen . 3000 etc.).350 Holzschnitzer .... 400 in freien Berufen tätig ca. 1000 Installateure .... 2500 Dieser Statistik ist eine Aufstellung der in den verschiedenen Industrien üblichen Arbeitslöhne beigegeben. Die- Nr: 11 selben schwanken zwischen 2,50 bis 5 Frs. (ungelernte Arbeiter) und 8 bis 15 Frs. (Pelzarbeiter) pro Tag. Ein allgemeiner Bund jüdischer Hilfsorganisationen London. In der Sitzung des Board of Deputies vom 2. d. M. teilte der Vorsitzende, Mr. Alexander, mit, daß seit einiger Zeit Verhandlungen zwischen den Vertretern jüdischer Hilfsorganisationen in verschiedenen Ländern im Gange seien, die die Schaffung eines allgemeinen Bundes jüdischer Hilfsorganisationen zum Gegenstand haben. In dem neuen Bunde sollen folgende Organisationen vertreten sein: Die Jewish Colonisation Association, die Alliance Israelite, der Hilfsverein der deutschen Juden, das vereinigte Komitee der Anglo-Jewish Association und des Board of Deputies, die Israelitische Allianz in Wien, das American Jewish Committee und das Hilfskomitee in Frankfurt. „Jewish Chronicle“, das führende Organ der englischen Juden, kritisiert den Plan dieses neuen Bundes in entschiedener Weise. Es weist darauf hin, daß einige der bedeutendsten und einflußreichsten Organisationen, wie die B’nai B’rith und die zionistische Organisation, anscheinend von der projektierten Vereinigung ausgeschlossen bleiben sollen. Die sieben Gesellschaften, die den Bund bilden sollen, könnten in keiner Weise Anspruch auf eine Vertretung der jüdischen Gesamtheit erheben. Außerdem tadelt das Blatt die Geheimniskrämerei, mit der die vorbereitenden Schritte betrieben würden. Blutige Konflikte zwischen polnischen und jüdischen Hörern der Lemberger Universität (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. Montag, am 3. März, kam es zwischen polnischen und jüdischen Hörern der medizinischen Fakultät der Lemberger Hochschule zu einem heftigen Zusammenstoß. Die Ursache ist eigentlich noch in den Tagen der russischen Revolution zu suchen. Im Jahre 1904 begann in Russisch-Polen der Boykott der russischen Schulen. Die Polen begründeten damals polnische Privatschulen, und auch die Juden versuchten, jüdische Schulen zu gründen. Zunächst arbeiteten beide Nationen friedlich nebeneinander. In den nächsten Jahren fiel die Führung der polnischen Politik jedoch in die Hände der Allpolen, die sich den Bestrebungen der Juden um bürgerliche und nationale Gleichberechtigung widersetzten und auch den Gedanken einer jüdischen Schule bekämpften. Es ergab sich damit für die Juden eine traurige Lage. Man verlangte von ihnen den Boykott der russischen Schulen, in die polnischen fanden sie keinen Einlaß, das Entstehen der jüdischen wurde verhindert. Die Angelegenheit griff dann auf galizischen Boden über, wo viele aus Kongreß - Polen stammende junge Leute, darunter auch nicht wenige Juden, studieren. Im Jahre 1909 beschlossen die Polen in Zakopane, jene jüdischen Universitätshörer zu verfolgen, die den über die russischen Schulen verhängten Boykott gebrochen hätten. Unter diesem Vorwurfe standen im vorigen Jahre neun jüdische Hörer in Krakau vor einem polnischen Studentengericht. Dieses „verurteilte“ sie, trotz ihres Protestes, die Krakauer Universität sofort zu verlassen, und man zwang sie mit Gewalt, diesem „Urteile“ Folge zu leisten, indem man die neun jüdischen Hörer aus dem Hörsaaie vertrieb. Zwei von ihnen bezogen in diesem Jahre die Universität in Lemberg; ihnen gesellten sich einige jüngere Studenten zu, die ebenfalls das russische Gymnasium absolviert, also' den Boykott-