Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 11 (14.3.1913)
- Date
- 1913-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 11 LT 335 o \[ □ □ □ □ □ D WELTCHRONIK ft □□□□□□]! Das Jubiläum des Hauses Romanow (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. Seit Monaten wurde in der russischen Öffentlichkeit und in der Presse das Thema der „Amnestie“ lebhaft debattiert, ln weiten Kreisen setzte man große Hoffnungen in die anläßlich des dreihundertjährigen Jubiläums des Hauses Romanow in Aussicht gestellten Gnadenakte. Man gab sich der Erwartung hin, daß die Regierung die Gelegenheit ergreifen würde, um anläßlich des seltenen Festes des monarchistischen Rußland die derzeitige Machtlosigkeit der revolutionären Bestrebungen und die ruhige Sicherheit der bestehenden Staatsordnung durch einen weisen, wohlwollenden Versöhnungsakt kundzutun. Was speziell die jüdische Bevölkerung anbetrifft, so wurde zwar vor einiger Zeit bekannt, daß die ursprünglich von der Jubiläumskommission geplanten Begünstigungen auf dem Gebiete des Wohnrechts und des Schulwesens an dem Widerstand der Herren Minister scheiterte; trotzdem glaubte man allgemein, daß die kaiserliche Gnade auch die völlig Enterbten unter den russischen Untertanen nicht meiden würde. Namentlich glaubte man, daß die widersinnige Dreihundertrubelstrafe für die Verwandten der Militärpflichtsäumigen, ähnlich den verschiedenen Steuer- und Strafrückständen für die Zeit bis zum 21. Februar a. St., aufgehoben werden würde. Aus gutunterrichteter Quelle wurde auch versichert, daß sämtliche in dem bekannten Moskauer Dentistenprozeß verurteilten Personen begnadigt werden würden. Nun haben wir bereits das Jubiläum und die „Amnestie“ hinter uns. Leider aber hat es sich gezeigt, daß unsere Staatslenker auch in solchen seltenen Momenten nicht imstande sind, von ihrer kleinlichen Rachepolitik Abstand zu nehmen. Das Allerhöchste Manifest brachte allerdings zahlreiche Begünstigungen, leider aber hauptsächlich nur für den Adel und den Bauernstand. Zahlreiche Verbrecher verschiedener Art wurden zwar begnadigt; diese Gnade wurde aber nur ganz ordinären Verbrechern zugewandt, für politische „Verbrechen“, mit Ausnahme von Preßvergehen, blieb die kaiserliche Huld aus. Ueber das Zahlenverhältnis der verschiedenen Kategorien von Begnadigten informieren am besten praktische Beispiele. So wurden in Kiew z. B. am 21. Februar 500 Personen aus dem Gefängnis entlassen, darunter nur zwei „politische“. Und während z. B. Laritschkin, der Mörder des Dumaabgeordneten Herzenstein, auf freien Fuß gesetzt wurde, hat die „Amnestie“ unseren Freunden, die wegen „Zugehörigkeit zu nicht genehmigten Gesellschaften“ verurteilt wurden bzw. sich zu verantworten haben, keine Begnadigung gebracht. In gleicher Weise haben auch die Hoffnungen hinsichtlich der verurteilten Dentisten und der Dreihundert rubelstrafe fehlgeschlagen. Uebrigens haben die Juden in diesem wichtigen Augenblick ihre Pflicht und Schuldigkeit als loyale Bürger getan. Aus zahlreichen Städten wurden nach Petersburg spezielle Abordnungen entsandt, um „zu Füßen Sr. Majestät“ usw. In zahlreichen Gemeinden wurden anläßlich der Jubiläumsfeier verschiedene gemeinnützige und mildtätige Stiftungen ins Leben gerufen. Während der Jubiläumswoche befleißigten sich die jüdischen Wohltätigkeitsanstalten einer erhöhten Aktivität „ohne Unterschied der Konfession“. Eine Bevölkerungsgruppe Rußlands hat freilich allen Grund, stolz und zufrieden zu sein. Es ist dies der „Verband des russischen Volkes" und seine nächsten Gesinnungsgenossen vom Schwarzen Hundert. Ihnen gegenüber war man freundlich und zuvorkommend genug. Ihr während der Jubiläumswoche in Petersburg abgehaltener Kongreß war Gegenstand rührender Reverenzen. Der Minister des Innern Maklakow erschien persönlich in der Mitte der glorreichen Pogromhelden, begrüßte sie aufs herzlichste und verschaffte ihren Wortführern eine huldreiche Audienz in Zarskoje Selo. Das Ende des Beilisprozesses? In hiesigen gut informierten Gerichtskreisen wird auf das bestimmteste versichert, daß die Befreiung Beilis’ nahe bevorsteht. Der Untersuchungsrichter Maschk e w i t s c h soll zu der Ueberzeugung gelangt sein, daß es sich bei der Ermordung des Knaben Justschinski wohl um einen Ritualmord handeln könne (!), daß aber Mendel Beilis an dem Mord unschuldig sei. Die chemische Untersuchung des Lehms, der an den Kleidern des ermordeten Knaben gefunden wurde, soll unzweifelhaft ergeben haben, daß dieser Lehm von anderer Beschaffenheit ist, als der in der Saizewschen Ziegelei (wo Beilis beschäftigt war) gebrauchte. Damit entfällt das Hauptbelastungsmoment gegen Beilis. — Wie ferner berichtet wird, soll in den nächsten Tagen ein offizielles Communique über den Gang der Untersuchung veröffentlicht und zu gleicher Zeit der arme Beilis, der seit mehr als anderthalb Jahren im Gefängnis schmachtet, auf freien Fuß gesetzt werden. Konferenz der osteuropäischen nationaljüdischen Studenten (Von unserem Berichterstatter.) Am Freitag, den 7. März, trat hier die erste Konferenz der in Westeuropa studierenden nationaljüdischen Studenten aus Osteuropa zusammen. — Bereits Ende 1912 beschloß eine Vorkonferenz, die von Vertretern der Vereine in Straßburg, Darmstadt, Heidelberg und Zürich beschickt war und ebenfalls in Zürich tagte, dem einzuberufenden allgemeinen Kongreß der im Westen studierenden jüdischen Akademiker aus Osteuropa die Gründung eines allgemeinen zentralistisch organisierten Verbandes vorzuschlagen. Jetzt geht dieser Plan seiner Verwirklichung entgegen und die nationaljüdische akademische Jugend des Ostens dürfte bald in einer neuen großen Organisation zusammengeschlossen sein. Die Verhandlungen wurden in einer würdigen Form und in begeisterter Stimmung geführt. Die Konferenz war von 28 Vereinen aus 25 Städten beschickt. 43 Delegierte aus Deutschland, Belgien, der Schweiz, Oesterreich und Frankreich waren anwesend. In der Eröffnungssitzung am Freitag Vormittag begrüßten die Konferenz im Aufträge des Schweizerischen Zionistenverbandes dessen Vizepräsident Herr Dr. D. Strauß -Zürich und für den Bund Jüdischer (Korporationen Herr Dr. Hermann D u k a s - Zürich. Begrüßungsschreiben hatten u. a. gesandt: David Wolffsohn, S. Dubnow, Schalom Asch, Gorelik, die Schweizerische „Ito", das „Kartell Zionistischer Studenten aus Rußland in Deutschland“ und das Zionistische A. C. Als dessen Vertreter begrüßte in eindrucksvoller Rede Herr Berthold F e i w e 1 in der Samstagsabendsitzung die Konferenz. Zu Vorsitzenden der Tagung wurden gewählt: die Herren Char asch-Zürich, G o r d o n - Heidelberg, Rokach- Die kurze N achmittagsSitzung vom Freitag füllte ein Referat Matthias A chers über den jüdischen Studenten und seine Aufgaben aus. Matthias