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Die Welt · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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316 .- ■■ --- ■ ■ DIEIqHELT — Nr. 10 President und neunmal Vice President einer politischen Society. Bei der hochentwickelten politischen Kultur in dieser jüdischen Republik ist jede Society, selbst wenn ihre Aufgabe darin besteht, den Preis der Hoschanoth in die Höhe zu treiben, eminent politisch. So z. B. gehört zum Kapitel innere Politik: 1. die Mikwahreform, für die Rabbi H u r w i t z wie ein Held kämpft, Massenmeetings einberuft, Resolutionen faßt und gegen die allerhöchsten Kreise der United Synagogue fürchterliche Drohungen ausstößt, 2. scharfsinnige Spekulationen über die Aussichten und die zukünftige Tätigkeit des neuen Chief-Rabbi, 3. die Frage der elektrischen Schabbes-Backöfen, 4. das neue jüdische Spital, gegen das Lord Rothschild wie ein Löwe kämpft, damit die Engländer ja nicht sagen, daß die Whitechapler keine echten Engländer seien, 5. das alt-neue jüdische Theater, das noch nicht „mechule" gegangen ist, 6. die neu zu errichtende Schneider-Universität, um die sich Rabbi Jung verdient gemacht, 7. die neueste Rabbiner-Organisation, die bezweckt, den Suffragetten zu ihrem Rechte zu verhelfen und 8. „Gewalt! Wo nimmt man Brot". Alle diese weltbewegenden Fragen werden von einem hohen politischen Gesichtspunkt erörtert, am meisten wird aber naturgemäß die letzte Frage diskutiert. Alle politischen Fragen in Whitechapel sind lösbar, ausgenommen die achte Frage, die unlösbar ist. Woran das liegen mag? Der Generalfeldmarschall der United Synagogue, Mr. Davis, meint, weil die Whitechapler nicht religiös genug seien, Hampsteader Damen führen den Whitechapler Dalles auf die Unsauberkeit der dortigen Frauen zurück, während die Whitechapler selbst, die doch am besten „die Seele ihres Viehes" kennen und denen die Angelegenheit sehr am Herzen liegt, behaupten, daß sie im Trödlergeschäft weniger Glück hätten als die Ahnen der Hampsteader israelitischen Adeligen. Auch verstünden sie vom Viehhandel und vom Pfandleihgeschäft weniger als die Väter der jüdischen Sirs und Baronets und Lords. Um aber diese schwierige Frage doch einmal zu lösen, haben es die Whitechapler schon einigemal unternommen, sie gewaltsam aus der Welt zu schaffen, und zwar 1. durch die feierliche Erklärung, daß sie ebenso tadellose Gentlemen seien, wie die Hampsteader Israeliten und ein gleiches Recht auf ein menschenwürdiges Dasein hätten, 2. durch die Drohung, eine eigene Schechita einzuführen, und 3. durch die Drohung, den neuen Chief-Rabbi nicht anzuerkennen. Die erste Erklärung ist jedoch im letzten Jahr von Lord Rothschild zurückgewiesen worden, da er ihnen nachweisen zu können glaubte, daß sie keine Gentlemen seien, sondern einfach russische Deserteure. Auch die Drohung, eine eigene Schechita einzuführen, hat nicht viel genützt, da die großen Herren von der Kehilla wohl wissen, daß die Whitechapler ohnedies schon eine eigene Schechita haben, denn sie Schächten ihre Salzheringe selber und werden wegen des Ochsenschwanzes für das sabbatliche Schalet wohl keine eigene Viehschlächterei einrichten. Was aber die dritte Drohung anbetrifft, so wissen die „United-Synagogue"-Magnaten, daß die Whitechapler auf das Cief Rabbinate ohnehin gründlich pfeifen, und daß ihnen der zukünftige jüdische Bischof nicht einen Bogen Papier zum Niederschreiben einer Protestresolution wert ist. Sollten sie trotzdem Radau machen, dann wird dieser Schritt mit einer Konferenz gegen den polnisch-jüdischen Mädchenhandel beantwortet werden, auf der gegen die Un Sittlichkeit der Polacken protestiert und die sittliche Erhabenheit der echt englischen Leute israelitischer Konfession ins hellste Licht gesetzt werden wird . . . Bis jetzt haben sich alle Versuche, die Dallesfrage in Whitechapel zu lösen, als unzureichend erwiesen, und selbst) die zwölf blühenden Territorien, die ihnen Mr. Zangwillj in Uganda, Westaustralien, Nordafrika, Südangola usw. in sichere Aussicht stellte, haben den unsterblichen Dalles in Whitechapel nicht auszurotten vermocht. Da nun einmal die „Brotfeste" nicht im Sturm genommen werden konnte, haben die biedern Whitechapler beschlossen, sich auf Einzelangriffe zu verlegen. Alk* Berufsstände sollen politisch organisiert und Trade Unions geschaffen werden. Diese politisch-ökonomische Organisation ist bis jetzt so weit gediehen, daß selbst Mohelim, Zizisverkäufer, Kaschruthinspektoren, Schadchonim, Totengräber und Vize-Chief-Rabbi-Kandidaten sich zu geschlossenen Trusts vereinigt haben. Selbst die Besitzer von Losen der Hamburger Pferdelotterie haben sich zu einer Art Genossenschaft vereinigt . . . Dieser politischen Betriebsamkeit ist es zu verdanken, daß der echte Whitechapler Bürger alles andere eher empfindet, als Langweile. Im besten Falle geht er zu einem Meeting und im schlimmsten Falle tut er das gleiche. Auf einem Meeting ist er ebenso willkommen, wie der zehnte Mann zu einem Minjam . . . Die Meetings selbst werden nach streng parlamentarischen Regeln geleitet. Da muß jemand einen Antrag „proposen", ein anderer „seconden", ein dritter „Supporten", da wird in etwas lebhaftem Berditschewer Esperanto „gemovet“ und „gevotet“, wie es sich für ehrenwerte Gentlemen geziemt . . . Die vielen polischen Meetings, die jeden Tag stattfinden, ersparen den Besuchern das Abendessen und oft auch die Feuerung ihrer Wohnung So hat der gütige Gott auch im unfreundlichen und feuchten Whitechapel für seine geliebten Kinder gesorgt. Was hätten all diese Gentlemen an den langen Novemberabenden angefangen, wenn in Whitechapel die politischen Meetings nicht im vollen Schwange wären? Auch noch in einer anderen Beziehung haben die politischen Meetings in Whitechapel ihre „gute" Seite. Schon mancher kleine Vice President einer noch kleineren Society hat sich im Laufe der Jahre aus Whitechapel emporpolitisiert, und ist in die Reihen der Hochgeborenen aufgerückt, so z. B. der Sohn eines Kleinviehschächters aus Polen, der heute als Londoner Stadtrat „von unserer englischen Rasse und von den Juden slawischer Rasse" spricht und nicht durchgeprügelt wird. Die innere Politik wird das ganze Jahr hindurch ohne Unterlaß zum Hunger- oder zum Zeitvertreib, oder um Karriere zu machen, betrieben, während die hohe auswärtige Politik nur zu Wahlzeiten im Schwange ist. An dieser Politik beteiligt sich in Whitechapel alt und jung, Mann und Weib, Baby und Großvater. Jeder ist Wahlagent, jeder sammelt Stimmen, jeder agitiert für einen gewissen Kandidaten bei Leuten, die in der Regel gar nicht naturalisiert sind und gar kein Wahlrecht haben. Schulbuben durchziehen die Straßen mit Fahnen und demonstrieren für einen bestimmten Kandidaten, der Metzger in Brick Lane teilt etwas langsamer das Fleisch an seine Kundinnen aus, um die Gelegenheit wahrzunehmen bei Mrs. So rach oder Tauchern für seinen Kandidaten ein gutes Wort einzulegen. Angeengländerte Burschen stehen in einem wackligen Wagen, dem eine alte Stute vorgespannt ist, und donnern in einem entsetzlichen Jüdisch für diesen und gegen jenen Kandidaten. Der eine schimpft auf die Liberalen, die „das Land an den Feind ausliefern", der andere lobt die Bibelfreundlichkeit der Tories, bis ihn eine hinzukommende alte Frau unterbricht und ihm entgegenhält, daß es die Tories waren, die die Alienbill eingeführt, was für sie zur Folge hatte, daß ihre einzige Tochter nicht landen konnte und nach Rußland zurückmußte. Ein Bengel kommt hinzu und vergleicht die konservative Partei mit der alten Schindmähre, die dem Wagen vorgespannt ist zum Gaudium des Publikums und zum größten Aerger des „Wahlagenten". Es ist keine Seltenheit, daß „geschworene Anarchisten", die das ganze Jahr eine Bombensprache führen

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