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Die Welt · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 10 311 der Juden der Neuzeit“. Vas Hauptkontingent der jüdischen Auswanderer liefert Rußland; in der überwiegenden Zahl wenden sie sich den Vereinigten Staaten zu. Auf Grund vieler authentischer Zahlen und Daten kommt der Verfasser zur Ueberzeugung, die jüdische Auswanderung aus Rußland sei trotz den Schwankungen der Ziffern „keine sporadische, durch vorübergehende Umstände herbeigeführte, sondern eine systematische, tief im Wesen des jüdischen Lebens in Rußland liegende Erscheinung“, welche eine Tendenz zum Steigen hat. Im Lustrum 1881—1885 betrug die jährliche durchschnittliche Ein wanderzahl der Juden aus Rußland nach Amerika 12 865, dagegen in der Zeit von 1906—1910 schon 82223! Wie sieht aber der Charakter dieser Massenwanderung aus? Aus dem Grade der Beteiligung der Frauen und Kinder an dieser Auswanderung und zugleich Einwanderung nach Amerika zeigt sich, daß sie keine vorübergehende ist; der Jude will sich auf immer in der neuen Heimat niederlassen. Die Zahl derjenigen, die zurückkehren, oder schon einmal in Amerika waren, ist bei ihnen sehr klein. Die jüdische Einwanderung ist keine „Saisonwanderung“, der Jude hat im Gegenteil den Wunsch, sich auf immer niederzulassen. Die jüdische Wanderung ist eine „Familienwanderun g“, denn es beteiligen sich an ihr eine große Majorität der Kinder und .Frauen. Die finanzielle Lage der jüdischen Einwanderer ist sehr ungünstig; die Zahl derer, die 50 oder mehr Dollar mitbringen, beträgt jährlich nur 5 Prozent! In den letzten zwei Jahren stieg die durchschnittliche Summe des durch die Juden mitgebrachten Geldes bis zur ungewöhnlichen Höhe von 21,5 Dollars pro Kopf, was aber durch die sehr strenge Handhabung der Einwanderungsgesetze zu erklären ist. — Die jüdische Einwanderung hat einen ausgesprochenen Arbeitscharakter. An der Spitze der Statistik der gewerblich vorgebildeten Immigranten stehen eben die Juden, erst dann kommen die Engländer. In der russisch-jüdischen Auswanderung sind sehr stark (mehr als es ihrer Zahl entspricht) die Vertreter der Intelligenz vertreten, dagegen sind die ökonomisch am meisten bedrängten Handeltreibenden achtmal so wenig beteiligt, als sie eigentlich ihrer Stärke nach auswandern sollten. Die Handeltreibenden wechseln nicht gerne ihren Absatzmarkt und sind auf die Massen ihrer Volksgenossen angewiesen. Außerdem hoffen sie, das wirtschaftliche Aufblühen Rußlands zu erleben. Einen großen, tragischen Nachteil hat für die Emigration die Tatsache, daß die im Bekleidungsgewerbe tätigen jüdischen Handwerker an der Einwanderung in die Vereinigten Staaten in viel stärkerem Maße, als dies ihrer Zahl entspricht, Anteil nehmen. So entstand jener fatale Umstand, daß mehr als die Hälfte des arbeitenden New Yorker Ghettos sich dem Schneiderhandwerke ergibt und eine furchtbare Konkurrenz schafft. — Das Erscheinen des Werkes von Kaplan-Kogan über die Emigration erwarten wir gespannt, denn der hier vorgeführte Auszug spricht von einer vorzüglichen Kenntnis des Problems und des jüdischen Lebens in Rußland und Amerika. Im Januarheft finden wir eine gediegene Abhandlung des bekannten Statistikers Dr. Jacob Segall über die „Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Berlin“. Der Verfasser nimmt als Ausgangspunkt den Erlaß des Judenedikts vom 11. März 1812 und schildert die Geschichte des Wachstums und Gedeihens einer der wichtigsten jüdischen Gemeinden. So betrug im Jahre 1811 die absolute Zahl der Juden in Berlin — 3292, dagegen im Jahre 1910 über 90 000; die Zahl hat sich also in 100 Jahren verdreißigfacht. Den Höhepunkt erreichte das Wachstum im Jahre 1895, von da ab begann eine abnehmende Tendenz und 1910 war schon der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung genau so hoch wie Anno 1871! Die Zahl wäre ohne die Zuwanderung der Juden aus anderen Provinzen und Ländern noch mehr zurückgegangen. Im Jahre 1905 betrug die Zahl der jüdischen Reichsausländer in Berlin 18 316, d. h. 18,4 Prozent aller Juden . Berlin«; Seit den neunziger Jahren beginnt die Zunahme der Bevölkerung wie die der Juden nachzulassen, dagegen entwickeln sich die Vororte, von denen Wilmersdorf gegenwärtig den größten Prozentsatz der Juden aufweist. — Die Abhandlung über Berlin entstammt der Idee, alle wichtigen jüdischen Gemeinwesen in besonderen Monographien zu besprechen, was natürlich sehr viel zur Kenntnis der Juden frage beitragen wird. Das Februarheft bringt drei Abhandlungen, die das jüdische Leben in der Diaspora und in Palästina behandeln. Dr. Rosenfeld schreibt über die Juden in den Städten Galiziens, worüber schon die „W e 11" einen Aufsatz von Ben- Koach veröffentlichte. B. Goldberg (Wilna) berichtet über die „Unterrichtsstatistik für das Jahr 1910 in Rußland“ und „U eber den jüdischen Landbesitzin Palästin a“. Den ersten Aufsatz Goldbergs wollen wir bei einer anderen Gelegenheit ausführlicher besprechen, jetzt möchten wir einige Ziffern aus Palästina, die der Verfasser den authentischen und offiziellen Quellen entnimmt, mitteilen. Im Jahre 1912 stellte eine spezielle Kommission in Jaffa fest, daß der jüdische außerstädtische Landbesitz 439 952 Dunam, d. i. 40 344 Hektar Landfläche beträgt. Die Zahl der Kolonien ist 40, deren Durchschnittsfläche rund 11000 Dunam ausmacht. Die kleinsten Kolonien hat Judäa (Pflanzungen), die größten Ober- Galiläa (Getreidekultur); die Rothschildschen Kolonien sind mit Boden reich versehen. Die größte Kolonie ist Rosch-Pina (38 649 Dun.), die kleinste Moza (1095 Dun.). Wenn wir das Gebiet Palästinas (das sich schwer definieren läßt) mit 36 400 Quadratkilometern annehmen, ergibt sich, daß „der gegenwärtige jüdische gesamte Landbesitz 1,11 Prozent des Gesamtbodens Palästinas bildet.“ Die „Zeitschrift für Demographie und Statistik“ arbeitet sehr tüchtig für die Beschaffung von statistischem Material zur Erörterung der jüdischen Frage und wir wissen diese Leistung auch zu würdigen. Wir möchten nur wünschen, daß sie des öfteren Abhandlungen über das jüdische Leben in Palästina bringt. Das Schebat (Januar)-Heft der hebräischen Monatsschrift „Haschiloah“ bringt an leitender Stelle anstatt des üblichen publizistischen Aufsatzes eine gewaltig ergreifende Dichtung S. Schneiurs, des dämonischesten unter den junghebräischen Lyrikern unserer Tage. „Bei den Klängen der Mandoline“ einer glutvollen Tochter Roms läßt ein junger Jude den gigantischen weltgeschichtlichen Kampf unserer heldenhaften Ahnen gegen die überwältigende, alles zermalmende Waffenmacht des Römerreiches von neuem aufleben. Rom zwingt mit eiserner Faust den jüdischen Trotz nieder, aber Judas Feuergeist stürzt die römischen Götter von ihren Thronen und unterwirft alle Welt der Herrschaft seines Gottes, seiner Heiligtümer. Der ewige Haß, der seither das Erbe des ewigen Volkes ist, — er stellt gleichsam die ohnmächtige Rache der für immer vernichteten hellenisch-römischen Götterwelt dar, und die wutschnaubende Rache, die Roms Idole in ihrer Sterbestunde dem Volke der Bibel zugeschworen haben, er hat das Blut der nichtjüdischen Völker vergiftet, vergiftet insbesondere das Christentum, das aus dem Schoße Israels emporgewachsen, zur grimmigsten Feindin unseres Volkes wurde. — Naftali ben Samuel entwirft in dem darauf folgenden Aufsatz eine lebensvolle Schilderung des Zeitalters der „Leuchte des Exils", Rabbenu Gerschom ben Jehuda aus Mainz (gest. 1040). An Hand eines reichen Quellenmaterials beleuchtet der Autor den vergeblichen Kampf der uralten babylonischen Lehrhäuser und des babylonischen Gaonats um die Aufrechterhaltung ihrer Hegemonie gegenüber den Autonomiebestrebungen der in den europäischen Ländern neu aufgeblühten Gemeinden und Talmudschulen. Einen der einflußreichsten europäischen Mittelpunkte jüdischer Gelehrsamkeit und jüdischen Lebens bildete vom 10. Jahrhundert ab die Gemeinde Mainz, in der Rabbi Leontin (Jehuda ben Melr Hakohen) und sein Schüler, der erwähnte R. Gerschom, einem weit berühmten talmudischen Lehrhause vorstanden, das

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