Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316584--57190-3375640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

312 DIE LT Nr. 10 die Kenntnis der Thora in die entferntesten Gegenden der westlichen Länder verpflanzte. Die Persönlichkeit und das Wirken R. Gerschoms wird der Autor in dem nächsten Hefte des „Haschiloah" würdigen. — Von den übrigen Aufsätzen des vorliegenden Heftes seien hervorgehoben: die Skizze vonr M. Seco „Eine jüdische Tochter", aus dem Leben ukrainischer Dorfjuden; eine bemerkenswerte Studie von A. Z. I d e 1 s o h n über die Aussprache des Hebräischen bei den verschiedenen Gruppen der europäischen und orientalischen Judenheit; eine Untersuchung von Gerson Stern über „Die Frau in der Bibel und in der Aggada"; zwei Gedichte palästinensischen Inhalts („An der. Trümmern Jerusalems" und „Blüten der Wiedergeburt") von A. Kaminka; eine Würdigung des Goldsteinschen „Kunstwart"-Aufsatzes, die zugleich eine scharfe Kritik der Halbheiten des westlichen Nationaljudentums enthält, das nicht den Mut und die Kraft hat, den Rückweg zur hebräischen Kultur zu finden; eine interessante Charakteristik des amerikanischen Judentums von G. Bublik; Betrachtungen zum Balkankriege von Dr. Josef Klausner; eine kritische Uebersicht der jüdisch-wissenschaftlichen Neuerscheinungen des Westens, endlich Novellen von G. Schoffmann und N. Pucheczewski. Die allgemeine Revue („Al Hamizpeh") in Nr. 6 des „Haolam“ enthält Betrachtungen über die Boykottbewegung in Polen und die echt-russischen Formen, die sie in letzter Zeit angenommen hat. Als es vor 2—3 Jahren immer klarer zutage trat, daß auch die fortschrittlichen polnischen Politiker von tiefem Judenhaß erfüllt sind und diese Feindseligkeit ungescheut in Taten umsetzen, da empfanden die Juden diesen „Kulturantisemitismus" weit schmerzlicher als das wüste judenfeindliche Treiben der russischen Reaktionäre, das sie eben als einen Ausfluß niedriger, pöbelhafter Triebe ansahen. Den Hooliganismus mit Vernunftgründen zu bekämpfen, erschien ihnen töricht und nutzlos, während sie es allerdings für erforderlich erachteten, dem „zivilisierten" polnischen Antisemitismus mit geistigen Waffen entgegenzutreten, die öffentliche Meinung Polens aufzuklären, die Angriffe und Verdächtigungen zu entkräften. Nunmehr hat jedoch der polnische Antisemitismus die Maske gelüftet und sich in seiner ganzen Bestialität enthüllt, die derjenigen der „echt-russischen" Leute in nichts nachsteht. Die Klarheit, die dadurch geschaffen ist, erscheint immerhin wertvoll. Mit tiefer Verachtung wendet sich das jüdische Volk auch von diesem Feinde ab, vergeudet seine Kräfte nicht mehr in zweckloser Abwehr, sondern geht zur Tagesordnung über — zur inneren nationalkulturellen und politischen Arbeit. — Es folgt eine treffende Geißelung gewisser kraß materialistischer und assimilatorischer Erziehungstendenzen, die in weiten Kreisen der russischen Judenheit vorherrschen. Zahlreiche Eltern, die ihre Kinder noch dem Judentum erhalten sehen möchten, setzen gleichwohl ihr höchstes Streben und ihren höchsten Stolz darein, ihre Söhne in judenreinen „echtrussischen" Gymnasien unterzubringen, wo sie von Kindheit an mit Haß und Verachtung gegen ihr eigenes Volkstum durchtränkt und systematisch zum Abfall erzogen werden. — B. Goldberg liefert auf Grund der Angaben des diesjährigen Handbuches der russischen Presse eine interessante ziffernmäßige Darstellung des gegenwärtigen Standes der jüdischen Presse Rußlands. — Dr. S. J a m p e 1 steuert einen populär-wissenschaftlichen Aufsatz über die alten Hebräer bei. — M. Ussischkin richtet namens des Odessaer Komitees einen Appell an alle Palästinafreunde, am bevorstehenden Purimfeste Spenden für den J erusalem-Fonds der russischen Chowewe-Zion zu sammeln, der für die materielle und geistige Hebung der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung bestimmt ist. Es sollen neue hygienische Wohnviertel in Jerusalem geschaffen, in der Umgebung der Stadt jüdische Gartensiedelungen mit Gemüsebau, Obstzucht und Milchwirtschaft eingerichtet werden usw. — Die Nummer enthält ferner einen interessanten Brief aus Rumänien, eine Novelle von Scholem-Aleichem, einen Aufsatz über den Balkankrieg von Bar-Tobia und die üblichen Rubriken: Zionismus, Palästina, Rußland, Aus dem Auslande. Die russische Duma hat vorige Woche einen „denkwürdigen" Tag gehabt: zum ersten Male seit ihrer Eröffnung hat sie eine gesetzliche Beschränkung gegen die Juden beschlossen. Es handelte sich um die Majoratsgüter in Polen, bezüglich deren vorgeschlagen wurde, daß sie nicht an Juden verpachtet werden dürfen. Trotz der energischen Bekämpfung dieses Vorschlages durch den jüdischen Abgeordneten Dr. Born asch und mehrere Redner der Linken wurde derselbe mit den Stimmen der Oktobristen und der rechtsstehenden Parteien angenommen. Diesen Dumabeschluß beleuchtet der „Fraind“ in einem „Das erste Zeichen“ überschriebenen Leitartikel, in dem die antisemitische Resolution als Maßstab für den wahren Charakter der gegenwärtigen Duma bezeichnet wird. Man habe in manchen Kreisen eine Vereinigung der Oktobristen mit den linksstehenden Parteien zur Verwirklichung der im Oktobermanifest versprochenen Freiheiten erhofft. Der erwähnte Dumabeschluß habe nun deutlich gezeigt, daß die Oktobristen von ihrer judenfeindlichen Gesinnung nicht abgewichen sind. Von einer antisemitischen Parlamentsmehrheit könne man aber keinerlei Beschlüsse im Geiste der Freiheit und des Fortschritts erwarten. Die früher in Petersburg erschienene Monatsschrift „Die Jüdische Welt“, welche die besten schaffenden Kräfte der jüdischen Literatur zu vereinigen strebte, mußte nach kurzer Zeit ihr Erscheinen einstellen. Jetzt hat diese gediegene Zeitschrift unter einer neuen Redaktion in Wilna wieder zu erscheinen begonnen, — und das erste Heft zeigt, daß auch die neue Schriftleitung an der ursprünglichen Richtung festhält. Das Heft enthält u. a. folgende Beiträge: J. L. Perez: Der Prozeß mit dem Winde (ein Volksmärchen). — Schalom Asch: Die Zerstörung Jerusalems (Roman). — Ch. D. Nomberg: Die Familie (Schauspiel). — S. Niger: Der Dichter der Sehnsucht und Trauer (D. Einhorn). — L. König: Samuel Hirszenberg, der jüdische Künstler. — Baal-Dimjon: Chajim Schitlowsky (Zu seinem Jubiläum). — Nathan Birnbaum: Aus dem Westen. — Ch. D. Hur.witz: Das Jüdische Leben (Uebersicht) — D. Hochberg: Die Konferenz der Bildungsgesellschaft. Von diesen Beiträgen sind namentlich die belletristischen zum Teil von bleibendem literarisch-künstlerischem Werte. Die publizistischen Abhandlungen bieten zwar wenig neue Anregungen zu den aktuellen Problemen, zeugen jedoch von ernstem nationalen Streben. In Wilna ist eine neue jüdische Tageszeitung „Der Stern“ begründet worden. In der ersten Nummer gibt die Redaktion ihre Absicht kund, das Blatt in allgemein-jüdischem Geiste zu leiten und keiner Partei dienstbar zu machen. Alle Strömungen und Erscheinungen im jüdischen Leben sollen darin eine gerechte objektive Würdigung finden. Im „Canader Adler“ beschäftigt sich der bekannte Schriftsteller Rüben Brainin, der seit einiger Zeit an diesem Blatte als Redakteur wirkt, mit der „Agudath Israel" anläßlich ihres Beschlusses, für die Ansiedlung von Talmudjüngern aus Jerusalem als Kolonisten in Palästina 50 000 M. zu stiften. Brainin hebt die Verdienste der jüdischen Orthodoxie in Deutschland um die Erhaltung des Judentums hervor, glaubt jedoch nicht recht an eine erfolgreiche Tätigkeit der „Agudah", die den Gang der Entwicklung und der modernen Lebensforderungen aufhalten wolle. Ebenso bezweifelt er die Zweckmäßigkeit des erwähnten Beschlusses. Die „Agudah“ täte besser, Kolonisationswerke anderen Organisationen zu überlassen, die auf diesem Gebiete kompetenter sind und mehr Erfahrung besitzen, und sich selbst mit der Hebung des jetzt darniederliegenden Thorastudiums in Jerusalem zu befassen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.