Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 10 307 PALASTINA-BUNDSCHAU r (Von unserem Berichterstatter.) Gründung eines neuen hebräischen Tageblattes in Palästina In letzter Zeit werden in Jaffa Beratungen gepflogen, um die Gründung eines neuen hebräischen Tageblattes in die Wege zu leiten. Es ist nicht so sehr der Umstand, daß Jerusalem drei hebräische Tageszeitungen — „Haor", „Hacheruth“ und „Moriah" — hat, während in Jaffa bloß ein Wochenblatt erscheint, der zur neuen Gründung anspornt. Auch geben die Initiatoren des neuen Unternehmens selbst zu, daß Tageszeitungen in Palästina nicht gerade eine unbedingte Notwendigkeit bilden. Das palästinensische Leben bietet an sich einer Tageszeitung nicht genug Stoff und mit dem Ausland gibt es nur zweimal in der Woche Postverkehr, was für eine täglich erscheinende Zeitung sehr störend ist. Da nun auch die Postverbindung zwischen Judäa und Galiläa auf dem Seewege vor sich geht, so ergibt sich, daß eine in Judäa erscheinende Tageszeitung nur ein- oder zweimal wöchentlich in Galiläa ein trifft, was dort natürlich wenig zum Bezüge der Zeitung verlocken kann. Dies alles wissen auch die Herren, die sich jetzt um die neue Gründung bemühen. Die treibende Kraft bildet also nicht die Einsicht von der Notwendigkeit einer Tageszeitung im allgemeinen, sondern die starke Unzufriedenheit mit den bestehenden Jerusalemer Tageszeitungen. In der Tat: Während die palästinensische Wochenpresse, namentlich der „Hapoel Hazair", in Palästina sowohl als auch im Auslande in bezug auf ihren literarischen Gehalt, ihren Ernst in der Behandlung öffentlicher Fragen und ihrer publizistischen Ehrlichkeit sich eine geachtete Stellung zu wahren wußte, ist bei der palästinensischen Tagespresse kein Fortschritt wahrzunehmen,'ja sie sinkt sogar immer mehr in der allgemeinen Achtung. Dieses Schicksal teilt sie übrigens mit der arabischen Tagespresse in Palästina. Zum Teil sind die Gründe für diese Erscheinung bereits angedeutet: Mangel an einem reich bewegten öffentlichen Leben und schlechter Postverkehr mit dem Auslande. Die Tageszeitung wird hier für einen Metallik (5 Pf.) verkauft, aber trotz dieses billigen Preises fällt es schwer, mehr als 1000 Exemplare abzusetzen. Ebenso ist natürlich das Annoncenwesen sehr mangelhaft entwickelt. Unter diesen Umständen ist natürlich eine Zeitungsgründung auf rein geschäftlicher Basis so gut wie ausgeschlossen. Zum großen Teil sind daher in Palästina Tageszeitungen Unternehmungen von Druckereien, die froh sind, ihre Arbeiter dauernd beschäftigen zu können. Daß man da keine tüchtigen Mitarbeiter heranziehen kann, ist ja klar. Kaum daß der Chefredakteur ein geringfügiges Salair bezieht. Und auch dafür sind Beziehungen zu dem einen oder dem anderen Kolel notwendig. — Immerhin wird selbst das unter diesen Umständen Erreichbare nicht geboten. So gibt es mitunter fast gar keinen Nachrichtendienst in den Städten und Kolonien. Man kann oft tagelang die Zeitungen lesen, ohne das mindeste von dem zu erfahren, was wirklich in Palästina vorgeht. Die wenigen Nachrichten, die dennoch den Weg in die Tagespresse gefunden haben, sind entweder aus der Wochenpresse entnommen oder sind unzuverlässig. Zugleich ist der Stil dieser Zeitungen der denkbar verwahrloste, was für die Renaissance der hebräischen Sprache eine wahre Kalamität bedeutet. Rechnet man noch die Neigung zu maßloser Uebertreibung, zu ewigen Zänkereien und andererseits die Lobhudeleien hinzu, die diese Zeitungen auszeichnet, so hat man alle Gründe beisammen, die in den ernsten Kreisen eine ständige Unzufriedenheit nähren und die jetzt zu einer Art Abwehraktion durch Gründling einer neuen Tageszeitung geführt haben. Freilich bleibt noch abzuwarten, ob der eingeschlagene Weg zum Ziele führen wird. Die objektiv ungünstigen Verhältnisse werden für die neue Zeitung ebenso wie für die alten gelten. Die Initiatoren sind sich auch darüber klar, daß, wenn die neue Zeitung von besserer Beschaffenheit sein soll, sie mindestens im ersten Jahre ein Defizit von 10 000 Fr es. haben wird. Sie beabsichtigen, den Fehlbetrag in der Weise zu decken, daß sie 5000 Frcs. durch Zeichnungen in Palästina auf bringen wollen und 5000 Frcs. von unseren nationalen Institutionen zu erhalten hoffen. Selbst aber, wenn sie sich darin nicht täuschen sollten, ist es noch immer fraglich, ob dies der richtige Weg ist. Eine Zeitung kann in Palästina nur dann die volle Achtung des Publikums genießen, wenn man, wie bei der Wochenpresse, von ihrer Unabhängigkeit überzeugt ist. Auch die Tagespresse soll nach der Ansicht des Publikums die öffentliche Meinung unverfälscht zum Ausdruck bringen und eine Art Kontrolle über die verschiedenen Institutionen bilden. Ferner ist noch zu bedenken, daß für eine Tageszeitung immer noch Jerusalem mit seinen 50 bis 60 000 jüdischen Einwohnern in erster Linie in Betracht kommt. Faktisch werden auch jetzt in Jerusalem beinahe soviel Exemplare von der Tagespresse abgesetzt, als im ganzen übrigen Palästina. Schon die Stellung, die die Jerusalemer Juden im politischen Leben einnehmen, spricht dafür, daß ein geachtetes Tageblatt nur dort am Platze ist. Es war beispielsweise auch politisch unklug, daß erste Hebräische Gymnasium in Jaffa und das Technikum in Haifa anstatt in Jerusalem zu bauen. Derartige Fehler sollten bei Neugründungen vermieden werden. Aus den Kolonien Chederah. Nachdem die Wohnungsfrage der Jemeniten hier einigermaßen geregelt wurde, und zwar in der Weise, daß mehrere Familien in drei guten Baracken mit 24 Zimmern untergebracht wurden, beginnen sie sich auch hier besser zu fühlen. Es gibt hier keinen einzigen Jemeniten, der der Wohltätigkeit zur Last fiele. Die Mehrzahl unserer Jemeniten gehört einer Einwanderergruppe an, die seinerzeit in Haifa landen mußte. Ein Teil dieser Gruppe ging nun nach Untergaliläa, während die unserigen lieber nach Chederah gehen wollten, „weil es näher nach Jerusalem ist". Leider hatten sie in der ersten Zeit ca. 25 Todesfälle (zumeist kleine Kinder, die besonders unter den schlechten Wohnungsverhältnissen zu leiden hatten) zu verzeichnen: Auch der Bau der 20 Jemenitenhäuschen, die hier der Nationalfonds errichtet, nähert sich der Vollendung. Erfreulich ist, daß auch sonst in unserer Kolonie eine rege Bautätigkeit herrscht. — Die Lehrer der hiesigen Schule haben Abendkurse für Erwachsene eingeführt. — Zwischen den Beamten der „Agudath Netaim" und den Arbeitern kam es in letzter Zeit zu Reibungen. — Bedauerlich ist es, daß der Bau des hiesigen Krankenhauses noch immer nicht fertig ist, obwohl man anscheinend im Hinblick auf die Beschleunigung des Baues von dem Prinzip der jüdischen Arbeit Abstand genommen hat. Schulwesen und Schrifttum Ueber die Entwicklung der Talmud-Thora in Pethach- Thikwah, die unter der Leitung des Herrn Dr. Moses Auerbach steht, werden folgende Zahlen mitgeteilt. Als Dr. Auerbach die Knabenschule übernahm, zählte sie 80 Schüler, im vergangenen Jahre 240 und im laufenden Jahre zählt sie bereits 280 Schüler und 13 Lehrer. Die Mädchenschule zählt 140 Schülerinnen und 5 Lehrerinnen. Für die Mädchenschule wird bereits ein eigenes Schulgebäude errichtet, das 14 Räume umfassen wird. Der Unterricht in diesen Schulen, die von der „Freien Vereinigung" der orthodoxen Juden in Deutschland