Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Nr. 10 DIE3$BELT 306 deutig geschah es früher, im erzählten Falle im Jahre des Heils 1695. Da wurde zu Rom in der Judenstadt „ein Jud in seinem eigenen Haus von den Schergen ergriffen, solchen nach der Gefängnus zu liefern, weil er den vornehmsten Rabbi in tien Kopf wund geschlagen; der Gefangene aber, tun nicht ins Gefängnis zu gehen, schrie mit lauter Stimme: Er, sein Weib und Kinder wären Christen; dahero diese ganze Familia zu denen Catechumenis gebracht und vorgestern getauft worden; auch hat man große Hoffnung," fügt der gleichzeitige Bericht hinzu, „daß die halbe Judenschaft allhier diesem Exempel folgen werden; wäre auch zu wünschen, daß diese verstockte Herzen an andern Orten sich gleichfalls hieran spiegeln und bald hernach folgen möchten." Solche Exempel wurden den Juden, diesen verstockten Herzen, vorgehalten, daran sich zu spiegeln; und ich heiße das, eine Prämie auf die Lüge setzen, und eine sehr hohe. Was dieses Verhalten der anderen uns gegenüber aus den Juden gemacht hat und macht, ist bekannt. Es ist nur eine Bekräftigung und Bestätigung, wenn hie und da ungeheuerliche Taten das Furchtbare der Lage blitzähnlich beleuchten, der Lage eines Volkes, dessen Unmoral belohnt, bei dem Haltung nach Sittlichkeit und Ehre wie die ärgsten Verbrechen gestraft werden. Es ist nicht ein unerklärliches Zusammentreffen rätselhafter Umstände, daß bei so vielen großen Verbrechen Juden beteiligt sind, zumal bei den Verbrechen, die ein völliges Schwinden jeglichen moralischen Sinnes voraussetzen. Man ist heute geneigt, den Verbrecher als ein Erzeugnis und Opfer krankhafter Anlagen, vernachlässigter Erziehung und schlechter sozialer Verhältnisse aufzufassen und dem Staate die Pflicht zuzuschreiben, der Entstehung von Verbrechern vorzubeugen. Manche Fälle, die wir erlebten, zeigen uns aber wie ein aufzuckender Blitz das Ungeheuerliche, das wir hinausrufen müßten, soweit unsere Stimme trägt: hier wird ein Volk von Staats wegen zum Verbrechen erzogen! Denn nicht das ist das größte Elend der jüdischen Massen (ihre Lage ist aber von der der Westjuden nur dem Grade, nur der Stärke, nicht der Art nach unterschieden), nicht das ist ihr größtes Elend, daß sie hungern und keine politischen Rechte haben, sondern was hieraus und doch nicht allein hieraus folgt, die tiefe sittliche Verderbnis, die dieses Volk zerstört und sein Mark aushöhlt, die alle seine Glieder von unten bis oben verfaulen und verkommen läßt. Der Pogrom zwang den Juden den Revolver in die Hand; zitternd hielten die schmalen Hungerfinger das gefürchtete Werkzeug — bis sie sich daran gewöhnten. Die Knechtschaft, worin man die Juden hält, machte sie mit Gewalt zu Revolutionären, Anarchisten, Nihilisten; sie traten in den Kreis der alten russischen Bombenmänner und die Hand, die gestern am Revolver noch gezittert hatte, warf heute die Dynamitpetarde. Wer aber noch irgend etwas sein eigen nennt, wird von dem in Rußland herrschenden Prinzip freundlichst eingeladen, sich die Ausübung von Rechten, die ihm das Gesetz verweigert, von den Hütern des Gesetzes zu erkaufen; der Rubel tritt an die Stelle der Fähigkeit, die verächtliche Gunst eines feilen Beamten an die Stelle des Lohnes, den die Tüchtigkeit in sich selbst tragen sollte. Und ich wage die Behauptung, daß sich der sittliche Zustand der Juden in unseren westlichen Ländern von dem gezeichneten der Ostjuden nur quantitativ, nur im Grade, nicht aber in der Art unterscheidet. Auch uns steht eine Gesellschaft gegenüber, die uns haßt, das heißt, uns moralisch vernichten will. Die Grundlage dieses westeuropäischen Judenhasses hat schon vor zwanzig Jahren Hermann Bahr richtig erfaßt: „Der Antisemitismus will nur sich selber. Er ist nicht etwa ein Mittel zu einem Zwecke. Der einzige Zweck des Antisemitismus ist der Antisemitismus. Man ist Antisemit, um Antisemit zu sein. Man schwelgt in diesem Gefühle. Es liegt an der Zeit, daß, um die welken und verwüsteten Nerven zu montieren, künstliche Reize begehrt sind. Den holden Rausch, den sonst der den Massen jetzt verlorene Glaube und die entwichenen Ideale gaben, sollen sie ersetzen. Die Reichen halten sich an Morphium und Haschisch. Wer sich das nicht leisten kann, wird Antisemit. Der Antisemitismus ist der Morphinismus der kleinen Leute." „Weil sie in dieser verlassenen Zeit keine große Liebe finden, schlürfen sie die Narkosen des Hasses. Man müßte nur ein Ideal für sie suchen." Das mit dem Ideal stimmt nicht, meine ich. Zur Zeit der Kreuzzüge hatten sie ein Ideal, und haben doch die Juden erschlagen. Aber das mit dem Haß stimmt. „Wer Antisemit ist," sagt Bahr, „ist es aus der Begierde nach dem Taumel und dem Rausche einer Leidenschaft. Er nimmt die Argumente, die ihm gerade die nächsten sind. Wenn man sie ihm widerlegt, wird er sich andere suchen. Wenn er keine findet, wird es ihn auch nicht belehren. — Wenn es keine Juden gäbe, müßten die Antisemiten sie erfinden." Der Haß umgibt uns, wir wollen uns retten und kommen auf die Kreuzsprünge des gehetzten Hasen. Unser Ziel ist nicht etwas vor uns, dem wir zustreben, sondern etwas hinter uns, dem wir zu entgehen suchen. Wenn wir geradeaus liefen, würden sie uns erjagen oder wir würden ihnen entfliehen; so riskieren wir das erste nicht und verzichten auf das zweite; wir bleiben im Bereiche der Verfolger, bei denen und gegen die jedes Mittel Alt. Der am meisten frei von Bedenken ist, siegt; der Ehrlichste, der sich zum ungleichen Kampf stellt, wird zerfleischt. Das ist der Sinn unserer Not: daß wir unser Ziel setzen nicht nach den Notwendigkeiten unseres Wesens und der Wahrheit unseres ehrlichen Wollens, sondern nach dem Stimrunzeln oder dem beifälligen Zulächeln des Rechten und des Linken. Die Erneuerung unseres Lebens, die kommen muß, wenn unser Leben vor der Weltgeschichte einen Sinn behalten soll, muß eine sittliche Erneuerung sein. Morus. DIE WELT 1 Ist auf allen Berliner Bahnhöfen, Treis der Einzel - Nummer 30 Pfennige ferner in den Kiosken der L_Firma GEORG STUKE zu haben.