Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 10 305 -------- NEBELT - DER NACHBAR Das Schicksal der Juden seit ihrer Zerstreuung war und ist zu allen Zeiten und in allen Ländern das gleiche. Jene größte Tatsache unserer Geschichte — wenn Größe soviel bedeutet wie Reichtum an tiefgreifenden Wirkungen —, die Zerstreuung, hat unserem Leben die ausschließende Orientierung nach dem Fremden gegeben, hat den Fremden zum bestimmenden Richter unseres Tuns und sogar unseres geheimsten Wollens gemacht, hat bewirkt, daß wir nicht wie der Wettläufer geradeaus auf unser Ziel blicken, sondern wie der Kartenspieler nach rechts und nach links. Wir schneiden am schlechtesten ab, wenn der heutige Menschenforscher und Geschichtsschreiber der Zukunft uns nach seinem Grundsatz mißt, der von der Formel „Sich ausleben“ gewandelt wurde zu der besseren: „Gradaus leben“. Wir richten das Ziel und die Wege unseres Daseins nicht nach den Notwendigkeiten unseres Wesens, nach den Wünschen unseres Herzens, nach den Erkenntnissen unseres Geistes, sondern nach dem Stirnrunzeln und dem wohlwollenden Zulächeln des Rechten und des Immer waren wir die Schwächeren, die Minderheit; und wir gewöhnten uns rasch ab, Minoritätsvoten anzumelden, da wir vom Plenum immer fallen gelassen Wurden. Auch von unseren Freunden. Denn wir hatten doch Freunde. Gerade viele Zionisten legen Wert darauf, daß das Verhältnis des Zionisten, des bewußten Juden, zu seinem christlichen Mitbürger besser sei als das des Assimilanten. Man fand in Enqueten, Rundfragen, Sammelbüchern Aeußerungen von Christen, die deutlich zionistenfreundlich waren, und man war stolz darauf und' freute sich. Aber diese Aeußerungen waren entweder eingegeben von dem Wunsche: „Geht in Gottes Namen, dann sind wir euch wenigstens los“ — oder von der Bewunderung der unvergleichlich großen, ich möchte sagen künstlerisch großen Idee Herzls. Für unseren praktischen Zionismus und für die sittliche Erneuerung des Judentums, ohne die jener eine leere Geschäftigkeit bleibt, habe ich noch keine reine Sympathie bei Nichtjuden feststellen können. Freilich, Judenfreunde gab es unter ihnen längst und viele, sagt man mir. Man nennt die Worte Revolution, Emanzipation, Liberalismus, und Dankbarkeit schwellt das Herz. Sie haben uns befreit, sagt man. Der Krämer zwar sagt, es sei gar nicht solch ein hochherziges Geschenk gewesen, wofür wir ihnen ewigen, grenzenlosen Dank schulden müßten, die Völker hätten bloß eine alte Schuld bezahlt, ein längst bestehendes Recht der Juden anerkannt. Aber sie haben uns doch befreit, sagen wir, da wir keine Krämer sein wollen. Ach, es ist eine böse Sache, sich befreien zu lassen. Ich fürchte, das von Heinzelmännchen gebackene Brot hat keinen Nährwert, man muß es selber backen, damit es einen bekommt. Es ging zu leicht; in einer ungeheuren Aufwallung von Selbstvergessenheit, Großmut und Humanität (freilich schlug die Welle an die Stufen der Guillotine) schenkte man uns die Freiheit; und wir benützten sie, um aus der Sklaverei hinter einer schon recht löcherigen Mauer in die ärgere Sklaverei eines falschen Ideals überzugehen. Gewiß, alle Völker Westeuropas dienten damals jenem falschen Ideal; Freiheit und Gleichheit hörte man schallen, wohin man nur horchte. Aber alle haben sich besonnen: Deutsche, Italiener und auch die feurigen und — klugen Franzosen; nur wir wollen uns nicht besinnen. Wir seien soweit noch nicht, sagen sie mir, wir seien in einem Uebergangsstadium, ein abnormales Volk. „Es ist nur ein Liebergang“, sagte auch der Hase, als man ihm das Fell über die Ohren zog. Der Hase hatte keine Wahl, und es war klug, das Unvermeidliche philosophisch zu bepredigen. Vielleicht ging es auch uns so? Vielleicht gab man uns die Freiheit gar nicht, wozu wir selber wollten? Wenn man die löcherige schwarze Mauer umwarf, vielleicht stellte man eine festere auf, die nur hübscher anzusehen war? Die guten Arier, die unter ihren Stammesgenossen als die größten Judenfreunde, als die ärgsten Judenknechte verrufen sind, verfechten die volle Gleichberechtigung des Juden in jeder Beziehung — unter einer Bedingung: der Jude muß sich „assimilieren“. In dem Augenblicke, wo der Jude — nicht etwa das Deutschtum verrät, nicht der deutschen Sprache abschwört, nicht den Judenstaat gründen will, nein, viel einfacher: in dem Augenblicke, wo der Jude sich als Jude bekennt, darf er sein altes, seit der Emanzipation sogar „anerkanntes“ Recht nicht ausüben und muß etwa, wofür es Beispiele gibt, auf die Dozentur an einer deutschen Hochschule verzichten. Was früher vom Juden galt, gilt jetzt von jedem, der Jude sein will, der geradeaus schauen will statt rechts und links. Unsere besten Freunde, die kräftigsten Vorkämpfer für unsere Rechte, verlangen klipp und klar von uns, daß wir unsere Art aufgeben, und sind bereit, wenn das nicht rasch genug geht, unsere Vorspiegelung, als sei es doch schon gelungen, eine Lüge, zu unterstützen. Dann aber war allerdings die Freiheit kein großes Wort, sondern ein leeres. Und wenn ich schon in jedem Falle hinter einer Mauer sitzen soll, dann bitte: hinter einer eigenen, selbstgebauten. Die wird auch recht breite Tore haben, die ich schließe, wann es mir gefällt, und öffne, wann es m i r gefällt. Und wer es dann Ghetto nennen will, der kann draußen bleiben, in seiner Freiheit, in seiner geschenkten, altgewordenen, fadenscheinigen Freiheit. Da draußen findet er Freunde. Einer der ehrlichsten von ihnen prophezeit uns den nahen Untergang — ein Zionist hat ihm das statistische Material zu vielen falschen Schlüssen geliefert — und fordert uns auf, da die Rassengüter der weißen Menschheit das Wertvollste auf der Welt seien, mit den Ariern Schulter an Schulter gegen die gelbe Gefahr zu kämpfen, bis wir, die degenerierten Juden, von ihnen, den etwas weniger degenerierten Ariern, aufgesogen sind. Die Rassengüter sind das Höchste und die Bedrohung der Rassenexistenz das Schrecklichste — für die Arier; daß auch wir Rassengüter haben, läßt sich übersehen, und der vermeintlich unabwendbaren Vernichtung unserer Rassenexistenz sieht dieser Freund mit großer Gemütsruhe, ja nicht ohne eine gewisse Grausamkeit entgegen. Mag sein, er ist ja ein anderer, ein Fremder; aber daß er verlangt, wir sollen seinen Standpunkt nicht nur verstehen, sondern teilen, heißt soviel: er will, daß wir nicht für uns leben, sondern für rechts und links; daß wir uns nicht als Besitzer eines Kapitals fühlen, sondern als Erblasser, die mit den Erben zusammen bei ihrem eigenen Begräbnis lachen; nicht als Menschen und Männer, sondern als unausdenkbar verbildete Gespenster. Wenn das unsere Freunde wollen, wenn unsere Freunde von uns diese moralische Selbstaufhebung verlangen — was können unsere Feinde sagen? Stets haben sie, unmittelbar oder mittelbar, für uns auf Lügen eine Belohnung gesetzt. Krasse Fälle wie der folgende kommen alltäglich vor, leise verhüllt von der noch verlogener gewordenen Gesellschaft Europas; so unzwei-