Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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302 DIESfeELT - - - - Nt. 10 Luzatti über die rumänische Judenfrage Mailand. Der „Corriere della Sera“, veröffentlicht einen Artikel des ehemaligen Ministerpräsidenten Luigi Luzatti, in dem der italienische Staatsmann, bekanntlich selbst ein Jude, für die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien eintritt. Der Artikel hebt hervor, daß der Berliner Vertrag vom Jahre 1878 für alle Balkanvölker festsetzte, die Verschiedenheit der Religion könne kein Grund sein, jemanden von dem vollen Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte, von der Zulassung zu den öffentlichen Aemtem und von der Ausübung der verschiedenen Berufe und Industrien auszuschließen. „Diese Vertragsbestimmung, welche die Israeliten allen anderen Bürgern der Balkanstaaten gleichstellen sollte,“ erklärt Luzatti, „wurde von Bulgarien und Serbien vollständig erfüllt und rechtschaffen beobachtet, jedoch nicht von Rumänien, das noch heute seine israelitischen Untertanen in einem schimpflichen Zustande bürgerlicher, politischer und sozialer Inferiorität hält.“ Luzatti weist auf die -außerordentlich harten Lebensbedingungen der rumänischen Israeliten hin, Bedingungen, die sich seit dem Berliner Kongreß noch verschlimmert hätten. „In diesem Augenblick, in welchem man die Balkankarte umarbeiten muß,“ fährt Luzatti fort, „soll eine neue Ungerechtigkeit die Israeliten treffen. Ein Teil der bulgarischen Bevölkerung, darunter auch Israeliten, wird unter die Herrschaft Rumäniens kommen. Unter diesen neuen Untertanen werden die Israeliten, die als Bulgaren bis jetzt alle bürgerlichen und politischen Rechte genossen, nun, wo sie Rumänen werden, in einen Zustand schimpflicher Knechtschaft fallen, und, wie die rumänischen Israeliten, die letzten noch in Europa existierenden Sklaven bilden. Eine neue Ungerechtigkeit wird so zu der alten hinzukommen. Zu einer noch nicht bewilligten Freiheit kommt die Rückkehr zur Sklaverei.“ Luzatti appelliert in diesem seinen Plädoyer an die großen Prinzipien, die alle zivilisierten Völker dazu brachten, alle ihre Untertanen dem Gesetze gegenüber gleichzustellen. Er vertraut darauf, daß Rumänien sich überreden lassen werde, alle seine ehemaligen und neuen Untertanen ohne Unterschied des Kultus und des Glaubens in den bürgerlichen Rechten gleichzustellen. Zum Schluß fordert Luzatti im Namen der Grundsätze des Völkerrechts die Großmächte auf, diese Probleme zu entscheiden, in dem Augenblick, in welchem sie die Karte Bulgariens und Rumäniens urrarbeiten müssen. Prof. adv. Moisfe Finzi (Von unserem Berichterstatter.) Florenz. Vor einigen Tagen starb hier einer der bedeutendsten Führer des italienischen Judentums, Prof. adv. Moise Finzi, im Alter von 73 Jahren. Er gehörte einer Generation von Juden an, die besonders in unserem Lande immer seltener werden. Der Tod Prof. Finzis bedeutet einen großen Verlust nicht nur für die Gemeinde von Florenz, die in ihm ihren Leiter und Wohltäter verliert, sondern für das ganze italienische Judentum, das in ihm seinen besten Kämpfer und Reorganisator hatte. Obwohl er von seinem Beruf — er war seinerzeit einer der besten Florentiner Advokaten und Professor am Istituto tecnico — stark in Anspruch genommen war, verwendete er seine besten Kräfte für das Wohl des italienischen Judentums und besonders für die jüdische Bildung der heranwachsenden Jugend. Wenn das Collegio Rabbinico Italiano (das Florentiner Rabbinerseminar) gedeihen und so gute Resultate erzielen konnte, so ist dies seinem Interesse und seiner Aufopferung zu verdanken. Er hat auch dieser Anstalt 110 000 Frcs. vermacht, damit sie ihre so gut begonnene Tätigkeit, fortsetzen kann. Auch andere Institutionen hat er mit beträchtlichen Summen in seinem Testament bedacht. Prof. Finzi war nicht nur ein jüdischer Philanthrop— er gehörte seit früher Jugend der Alliance Israelite an — sondern ein begeisterter Jude, der für die Sache des Judentums mit der ganzen Leidenschaft seines Temperaments eintrat. Herzl, den er persönlich kannte, erfreute sich seiner höchsten Bewunderung und der Zionismus war für ihn die einzige Lösung des Judenproblems. Er schrieb auch oft in jüdisch-italienischen Blättern, besonders in der „Settimana Israelitica“, dem florentinischen Wochenblatt, in dem er gediegene populäre Aufsätze zur Propaganda der jüdischen Wissenschaft veröffentlichte. Hilfsaktion der italienischen Gemeinden zugunsten der Balkanjuden Auf Einladung des italienischen Gemeindebundes haben fast alle jüdischen Gemeinden in Italien Subskriptionslisten zugunsten der Juden der Balkanländer und der Türkei ausgelegt. Es sind bereits bedeutende Summen gesammelt worden, die teils der „Alliance“ in Paris übermittelt, teils direkt auf den Kriegsschauplatz gesandt wurden. Die Sammlungen werden fortgesetzt. Auch die „Settimana I s r a e 1 i t i c a“ hat eine Subskription eröffnet. Die Solidarität der Judenhasser . (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die Leser der „Welt“ sind durch Originalberichte über die schwere Krise orientiert, von welcher die zwei Millionen russisch-polnischer Juden durch die Boykottbewegung betroffen sind. Während nun die assimilatorische Judenschaft anderer Länder dem mörderischen, antijüdischen Boykott jenseits der russischen Grenzpfähle mit verschränkten Armen zusieht — was nicht die eigene Kehilla angeht, kümmert sie nicht — und während die sogenannten freisinnigen Blätter bis auf den Beilisprozeß alles totschweigen, entfalten die ausländischen antisemitischen Blätter eine fieberhafte Tätigkeit, um den Brand zu schüren und durch Agitation im eigenen Wirkungskreise zu nähren. Ganz besonders eifrig sind natürlich die Wiener c h r i s 11 i c h s o z i a 1 e n Organe am Werke. Die unglaublichsten Dummheiten werden aufgetischt, um den russisch-polnischen Judenboykott plausibel zu machen und die unsäglichsten Roheiten im Kampfe gegen jüdische Existenzen werden als Kulturerrungenschaften gepriesen. So erdreistete sich das „Deutsche Volksblatt“, ganz ernsthaft zu verkünden, die Warschauer Juden hätten selbst einen — Judenpogrom zu inszenieren versucht, um so die gute und gerechte Sache der polnischnationalen Antisemiten vor Europa zu diskreditieren. Die reichen Juden hätten durch jüdische Provokateure Räuber werben lassen, die man mit Bestechungen veranlassen wollte, am ersten Weihnachtsfeiertage die Juden viertel zu plündern. „Die Christen wußten anfangs nichts von dieser jüdischen Absicht, aber zum Glück erfuhr davon recht frühzeitig die Warschauer Polizei und besetzte den Grzybowskiplatz, so daß der perfide Plan scheitern mußte.“ . . . Mit Jubel verkündet die allerchristlichste „Reichspost“, die polnischen Aerzte hätten sich verpflichtet, alle Heilmittel zu boykottieren, die von Juden verschleißt werden und jedem Kranken die ärztliche Hilfe zu versagen, der sich zunächst von einem jüdischen Arzte behandeln ließ. Um aber den Boykott auszudehnen und an der Unterbindung jüdischen Erwerbslebens tätig mitzuwirken, sucht die antisemitische Presse die österreichischen, zum gu£en Teile aus Juden bestehenden Exporteure zu veranlassen, ihre Vertretung in Russisch-Polen ausschließlich Christ-