Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-03-07 · 10 (7.3.1913) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
10 (7.3.1913)
Date
1913-03-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316584--57176-3375626
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

298 Nr. 10 DIE3§KELT einher, die einzeln und in kleinen Scharen nach dem Lande zogen, das sie wenigstens einmal in ihrem Leben besuchen wollten, wenn es ihnen auch nicht vergönnt sein sollte, ihr Leben auf dem Boden zuzubringen, für dessen Freiheit die Väter mutig in Kampf und Tod gegangen waren. Diese Fuß- und Festeswanderer waren als wirkliche Oie Regel die lebendige Verknüpfung, die das in allen Landen zerstreute Volk immer aufs neue an das Land der Väter band. Diese Zionspilger brachten bei ihrer Heimkehr die eigene Sehnsuchtsglut, die sie getrieben hatte, unter unzähligen Entbehrungen und Gefahren nach Jeruschalajim zu pilgern, verhundertfacht und tausendfältig wieder mit, um sie in die Herzen der Juden zu gießen. So wurden die Wanderfahrten unserer Väter nach Zion eines der allermächtigsten Mittel, das Volk zu erhalten, dessen Lebensglut durch die Zionsliebe immer aufs neue angefacht wurde. Und so liegt es in der Notwendigkeit der Entwicklung, daß wie ehedem auch heute jede Pilgerfahrt neue Liebe zu Zion entfacht und vermehrte Lust zur Wanderfahrt auslöst. Wer selbst nicht im alten Heimatslande für immer weilen kann, will wenigstens e i n mal an der Stätte stehen, wo vordem die „Stämme Gttes auf den Thronen saßen, zu richten nach dem Worte" des ewigen Gesetzgebers Israels. So wurde eine der mächtigsten Triebfedern des neuen Zionismus die Reiselust nach Zion; und der Zionismus bewirkt wiederum, daß die Sehnsucht an den historischen Stätten Israels zu weilen, immer neue jugendliche Scharen zum Besuche des Landes Israel antreibt. Zum ersten Male wurde es vor vierzehn Jahren versucht, mit großen persönlichen Opfern und geringen praktischen Erfolgen, deutsche Juden zu einer Reisegesellschaft in das Heilige Land zusammenzuführen. Der Zionismus war der deutschen Judenheit damals noch zu fremd, als daß der Ruf vernommen oder gar verstanden wurde. Und doch wurde hier der Grund gelegt, daß seitdem die Pilgerscharen auch aus Deutschland immer zahlreicher wurden, und jetzt werden zum ersten Male jüdische junge Männer aus Deutschland in größerer Zahl zum Feste hinaufziehen gen Jeruschalajim, um die Stätten des alten Ruhmes und die Orte neuer Hoffnung und fleißiger Zukunftsarbeit zu durchwandern. Denn im eigentlichsten Sinne werden die jungen Leute aus den zionistischen und nationaljüdischen Studenten- und Turner - Organisationen Deutschlands Oie Regel, Fuß wanderer, sein, die mit fröhlichem Gesänge ihre Stufenlieder an den Schwellen der Gebirge und in den Tälern, auf den weithin sichtbaren Bergesgipfeln und in den breitgedehnten Ebenen erschallen lassen*). Kundschafter sind es, Meraglim, wie es im Hebräischen heißt, was ja in gewissem Sinne auch wieder Fußwanderer bedeutet, die hinaufgehen, um das Land für uns zu besehen und uns zu erzählen, ob die Gegner des Zionismus recht haben, wenn sie uns gegenüber behaupten, daß das Land seine Bewohner verschlingt, oder aber ob es in Wahrheit ein Land ist, in dem noch heute Milch und Honig fließt, wenn man nur versteht, mit jüdischem Schweiße das Land zu düngen, das solange seiner geliebten Söhne entbehren mußte. Wir grüßen die ju n g en Wanderer, die Frühlingsboten einer besseren Zeit, die mit fröhlichen Liedern durch das Land wallen, selbst Kinder des Lenzes, den sie im Lande Israel in der vollen Schönheit eines sonnigen Landes begrüßen und genießen werden. Wir freuen uns ihrer. Kundschafter sind sie uns, und wir hoffen, daß sie uns *) Vergl. auch die Notiz „Eine Palästina-Fahrt" in der Palästina-Rundschau der vorliegenden Nummer. gute Nachricht bringen werden von dem Lande und dem Leben jener Brüder, die dem friedlichen Heerhaufen Israels bereits vorauf gezogen sind, während wir noch jenseits des Wassers lagern, in behaglicher Ruhe weilen, statt die Hilfe zu bringen, zu der der älteste Bruderstamm am meisten verpflichtet ist. „An den Gestaden Rubens gab es große Grübler." Aber weg mit den Grillen und Sorgen, wo ein junges Geschlecht aus unserer eigenen Mitte des Lenzes frohen Tag im Lande der Zukunft begrüßt. Wir wollen ihnen nacheifern, wenn es auch manchem von uns noch nicht möglich ist, uns ihnen anzuschließen und es ihnen gleichzutun. So wie es in Jerusalem chassidische Kollelim gibt, die alljährlich durch eine Art von Auslosung einen aus ihrer Mitte bestimmen, der auf Kosten der Gesamtheit zu ihrem Rebben fährt, der in fernem Lande sein heiliges Leben führt, so haben sich aus den Kreisen derer, die Zion als ihr Heiligtum erkoren haben, Männer zusammengeschlossen, die sehnsüchtig darauf warten, daß auch ihnen einmal das Glückslos in den Schoß fällt, um ihrer Sehnsucht Glut stillen zu können. Sie, Zionisten und Freunde Zions, haben sich zu einem eingetragenen Verein „Palästina - Reise - Gesellschaft" zusammengeschlossen, dessen Sitz in Hamburg ist. Dieser Verein bezweckt, unter seinen Mitgliedern, die statutengemäß Juden sind, die Kenntnis des Landes Israel durch dessen Besuch zu fördern. Zur Veranstaltung solcher Palästinareisen wird das gesamte Vereinsvermögen verwendet, während andererseits der Verein in der Lage ist, seinen Mitgliedern, die auf eigene Kosten fahren, bedeutende wirtschaftliche Vorteile, ganz abgesehen von den ideellen, für diese Reisen zu gewähren. Der Jahresbeitrag beträgt nur 10 Mark. Aber am Schlüsse jedes Geschäftsjahres wird das gesamte vorhandene Vereinsvermögen unter den sämtlichen Mitgliedern in Gewinnanteilen von je fünfhundert Mark verlost, die dem Gewinner als Beihilfe für seine Reise in das Land Israel gewährt werden. Nach der Zahl der Mitglieder erhöht sich die Zahl der Gewinner, und nach der Zahl der gezahlten Anteile des einzelnen seine Aussichten, einen der Gewinne in Höhe von fünfhundert Mark als Beihilfe zu seiner Palästina-Reise zu erhalten. Gerade jetzt weilt unser lieber Gesinnungsgenosse Dr. Hermann Stahl aus Tarnowitz zu einer längeren Studienreise als der diesjährige Oie Regel unseres Hamburger Vereins „Palästina - Reise - Gesellschaft" im Lande der Heimat, und die herzlichen Wünsche des Vereins, dessen Prämienträger er ist, begleiten ihn auf seiner Kundschafterfahrt, die bei ihm, wie bei so vielen anderen unserer jugendkräftigen Freunde, dazu führen wird, daß er einst, vielleicht in nicht zu ferner Zeit, nicht als Oie Regel und Gast, sondern als Josch£b ba-arez für immer im Lande weilen Denn das ist der größte Segen der Besuche in unserer nationalen Heimat, daß jeder Jude, der sie einmal betreten hat, und wäre er sonst noch so weit entfernt von dem großen Zusammenhang nationaler jüdischer Geschichte, sich immer wieder zurückgezogen fühlt nach dem sonnigen Lande der Heimat. Jeder Jude, der einmal das Land Israel besucht hat und der im Lande auch nur kürzere Zeit verweilte, bleibt seitdem mit jenem heißen und innigen Gefühl erfüllt, das wir Heimweh nennen, wenn es uns fern von Heimat und Eltern ergreift. Diese Sehnsucht, die immer eine der mächtigsten Triebfedern zur Erhaltung unseres eigenen Volkstums war, schuf jetzt auch die Hamburger Reise-Gesellschaft, und auch deswegen sollte jeder, der sonst vielleicht nie in der Lage sein würde, selbständig aus eigener Kraft seiner Liebe zum Lande Israel wenigstens durch eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.