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Die Welt · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9 273 &IE30KELT Oie galizische Landtagswahlreform und die Lemberger Gemeinderatswahlen (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. In Galizien dauern seit Monaten die Ausgleichsverhandlungen zwischen Polen und Ruthenen fort. Ihr Ausgang ist von großer Bedeutung für die Juden im Lande. Zunächst sollen zwei wichtige Fragen ihre Lösung finden, die Schaffung einer ukrainischen Hochschule und die Feststellung der Reform der Landtagswahlordnung. Diesem Ziele streben alle polnischen Parteien unter Führung des Statthalters mit Ausnahme der Allpolen und der podolischen Konservativen zu. Diese Verhandlungen dürften den Anfang besserer polnisch-ruthenischer Beziehungen bilden. Die Frage der Reform der Landtagswahlordnung ist auch für die Juden ungemein wichtig. Sie wird aber ohne sie und gegen sie beantwortet. Die Abgeordneten mosaischer Konfession im reichsrätlichen Polenklub und im Landtage, die polnischen Demokraten Groß, K o - lischer, Loewenstein, Rauch, der Allpole Gail und die polnischen Konservativen Steinhaus und Stern kümmern sich eben so wenig um das Wohl und Wehe der Juden, wie die polnischen Sozialdemokraten D i a m a n d und Liebermann. Die letzten Wahlen haben diese Herren eben überzeugt, daß die Regierung und nicht das Volk die Wahlen entscheidet. Während aber die polnischen und ruthenischen Führer mit Ausdauer um jedes Mandat kämpfen, das ihrer Nation zufallen soll, wagen die jüdischen „Führer“ gar nicht, die Frage aufzurollen, welche Repräsentanz die Juden im Landtage haben werden. Der Wahlraub des Jahres 1911 hat die zionistische Partei ihrer parlamentarischen Vertretung beraubt, ihre diesbezügliche Arbeit kann daher nur eine mittelbare sein. Sie kann ihre Forderungen nur in Versammlungen und Memoranden klarlegen, zumal auch die bedrückten Ruthenen nur an sich denken und es ja ganz bequem ist, die den Juden gebührende Zahl der Abgeordneten unter die beiden streitenden Völker zu Ein kleiner Erfolg ist in dem politischen Kampfe der Zionisten, der aufreibend und schwer ist und sehr wenig Errungenschaften bringt, doch zu verzeichnen. Während der letzten Gemeinderats wählen in Lemberg nahm die polnisch-fortschrittliche Partei mit den Zionisten Fühlung. Die Zionisten nahmen zwar an dem Wahlkampfe nicht teil und unterstützten nur gewisse Kandidaten, aber in einigen Versammlungen, in denen Adolf Stand, Dr. Reich und Moses Frostig sprachen, sowie in Auseinandersetzungen mit Stand hatten die Führer dieser Partei Gelegenheit, die zionistischen Anschauungen kennen zu lernen. Sie brachten unseren palästinensischen Bestrebungen Verständnis entgegen und ebenso einer selbständigen jüdischen Politik in Galizien, die in Freundschaft mit den anderen Völkern des Landes geführt wird. Während einer Polenklubdebatte ergriff der Abgeordnete dieser Partei, Hipolit Slivinski, das Wort, widerlegte die Meinung, als ob die Zionisten Feinde der Polen wären und erklärte, er sei ein Freund der zionistischen Idee. Der Abg. Loewenstein, dem diese Ausführungen nicht sehr angenehm waren, bekam von ihm manch bitteres Wort über die Echtheit seines Polentums zu hören. In den Spuren Ludwig Geigers (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Ein Wiener Rabbiner, der ein nationaldeutsches Bekenntnis ablegt und einen Vortrag, den er die „Solidarität der Juden*' betitelt, dazu benützt, um seine Angriffe gegen den Zionismus und Verdächtigungen des Nationaljudentums in salbadernde Phrasen zu wickeln, ist heute schon eine Kuriosität und wir würden des Vortrages keine Erwähnung tun, wenn er nicht vom „Verein zur Abwehr des Antisemitismus'' veranstaltet worden wäre*). Einige Stichproben aus den Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Armin Abel es: Um zu beweisen, wie verdammenswert nationaljüdisches Bewußtsein ist, ruft er mit erhobene Stimme aus, schon auf dem ersten Bibelblatte stehe, Gott habe einen Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen — und keinen Nationalen . . . Nationalismus sei gleichbedeutend mit Gegnerschaft gegen die anderen und trage nur immer die eine Frage auf der Zunge: „Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden?“ Nach dieser Definition des Nationalismus würde man wenigstens vermuten, daß Herr Dr. Abeies „israelitischer Kosmopolit“ ist und weitab von jedwedem nationalen Bekenntnisse steht. Weit gefehlt! National -jüdisch darf man nicht sein, national -deutsch hingegen muß man sein. In folgendem tiefsinnigen Satze gipfelten die Darlegungen des Herrn Rabbiners. „W ir können nur Juden sein, wenn wir Deutsche und Menschen sin d.“ Avenarius fragt verwundert, mit welchem Rechte der Verein zur Abwehr des Antisemitismus die Meinung der ihres Volkstums bewußten Juden für gleichgültig halte. Daran sind die paar wohlmeinenden Judenfreunde, die dem Abwehrvereine mitunter mit wahrlich rührender Treue anhängen, ganz schuldlos. Seit dem Auftreten Herzls haben die assimilatorischen Juden aus dem Vereine zur Abwehr des Antisemitismus mit schöner Konsequenz allmählich einen „Verein zur Abwehr des Zionismus“ gemacht und ihn seiner ursprünglichen Bestimmung, durch Aufklärungsarbeit unter den Nichtjuden die Vorurteile gegen das Judentum auszumerzen, längst entfremdet.; Gegen diese Irreführung der Philosemiten, die als Sturmbock gegen die jüdische Moderne benützt werden, protestieren wir ganz energisch und werden nicht ermangeln, die Herren immer wieder zu entlarven. Agitationstournee des hebräischen Schulvereins in der Bukowina (Von unserem Berichterstatter.) C z e r n o w i t z. Der hebräische Schul verein für Galizien und die Bukowina (Sitz: Lemberg) hat in der Bukowina eine Agitations-Tournee unternommen. Herr Ing. Josef Tischler, Sekretär des genannten Vereines, besuchte in der letzten Zeit die Städte Wiznitz, Waschkoutz, Sadagöra und Nowosielitza, wo er in großen Volksversammlungen über die Bestrebungen und Ziele des hebräischen Schulvereines sprach. In den erwähnten Städten traten ca. 50 Personen dem hebräischen Schulverein als Mitglieder bei. Nach den Versammlungen besuchte Herr Ing. Tischler die in den ersten drei Städten bestehenden hebräischen Schulen und hielt mit den betreffenden Schulkomitees Konferenzen ab. Für die nächste Zeit hat Herr Ing. Tischler noch die Städte: Radautz, Gurahumora,. Kimpolung, Dorna-Watra und Dorna-Kaudreny für seine Tournee in Aussicht genommen. *1 Anmerkung der Redaktion: Es ist leider seit einiger Zeit auch in Deutschland zur Spezialität des „Abwehrvereins“ und des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ geworden, in ihren Versammlungen den Zionismus zu bekämpfen, obwohl die statutenmäßigen Aufgaben dieser Vereine auf ganz anderem Gebiete liegen.

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