Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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272 Nr. 9 DIE^ELT hatte der Mörder mit seinen Kameraden den spazierenden Tage vorher wurde der Bruder der Tscheberiakowa, Singajüdischen Knaben nachgestellt und endlich den ersten, den sie einholten, erstochen. Die patriotischen Hetzer Polens, die ähnlich der heiligen Inquisition die heuchlerische Devise: „Ohne Blutvergießen“ auf ihre Fahne geschrieben, dürften von derartigen Fällen, die der guten polnischen Sache in den Augen der großen Öffentlichkeit Rußlands nur schaden können, sehr wenig erbaut sein. Allein, sie ernten, was sie gesät haben. Uebrigens dürften derartige Fälle ihr Ansehen nur in den fortschrittlichen Kreisen Rußlands herabsetzen. Um solche Kleinigkeiten kümmert sich aber heutzutage kein Mensch in Polen. Die Behörde hingegen denkt gar nicht daran, den edlen Patrioten das Handwerk zu legen. Vor kurzem hat der neue Minister des Innern der polnischen Boykottbewegung seine Aufmerksamkeit zugewandt und sich diesbezüglich an die Gouverneure Polens mit einer Umfrage gewandt. Wie die „Hazefirah“ und die polnische „Slowo“ aus zuverlässiger Quelle zu berichten wissen, haben sich sämtliche Gouverneure dahin geäußert, daß die Bewegung einen ausschließlich wirtschaftlichen Charakter trage und die Grenzen des Gesetzes nicht überschreite, daß daher ein Anlaß zum Einschreiten nicht vorliege. Ein solcher Anlaß würde erst dann geboten sein, wenn aus dem gegenwärtigen jüdisch-polnischen Konflikt eine Gefahr für die Interessen der gesamten Bevölkerung erwachsen würde. Ein Gouverneur wies im übrigen noch darauf hin, daß bei den gegenwärtigen gespannten Beziehungen zwischen Rußland und Oesterreich die antijüdische Bewegung in Polen sehr erwünscht sei, da sie die polnische Gesellschaft von der Politik ablenke. Scheint es nun, daß die Regierung geneigt ist, in diesem unglückseligen Streit Neutralität — freilich eine den Polen wohlwollende Neutralität — zu bewahren, so hat die Reichsduma gezeigt, daß die Polen auf ihre tatkräftige Unterstützung rechnen dürfen. Bekanntlich haben polnische Wähler aus Warschau gegen die Wahl des Warschauer Abgeordneten J a g e 11 o Einspruch erhoben, indem sie sich darauf beriefen, daß ein Erlaß Makarows in gesetzwidriger Weise die für Rußland geltenden Bestimmungen auf Polen ausgedehnt und die Eintragung der steuerfreien Mieter in die Wahllisten von speziellen Anmeldungen derselben abhängig gemacht hätte, wodurch eine für die Juden Warschaus günstige Situation künstlich geschaffen worden sei. Nun ist die bezügliche Sektion der Reichsduma, die die Wahlen in Polen prüft, dem Standpunkt der Protestierenden beigetreten und hat den Beschluß gefaßt, der Reichsduma zu empfehlen, die Wahl Jagellos zu annullieren. Vergebens machten Vertreter der Opposition geltend, daß man in diesem Falle sämtliche polnische Mandate für ungültig erklären müßte, da ja die gesetzwidrigen Instruktionen Makarows überall in Polen angewandt wurden. Der Mehrheit der Sektion war es offenbar mehr darum zu tun, den Juden einen Streich zu spielen, als darum, die Forderungen des Gesetzes zu Ehren zu bringen. Ob dieser Antrag im Plenum die erforderliche Zweidrittelmehrheit auf sich vereinigen wird, bleibt vorläufig dahingestellt. Wahrscheinlich werden die Polen auch hier den Sieg davontragen, da die Fraktionen der Nationalisten, des Zentrums, der Oktobristen und natürlich auch der Polenklub unbedingt für diesen Antrag stimmen werden. Jedenfalls soll durch diesen Antrag dem Ansehen Jagellos und seiner Wähler Abbruch getan werden. Neues zur Beilis-Affäre K i e w. Die berüchtigte Vera Tscheberiakowa, die Brasul-Bruschkowsky als die Hauptschuldige an der Ermordung des Knaben Justschinsky bezeichnet hat, wurde am 21. d. M. von der Kiewer Gerichtskammer wegen Privaturkundenfälschung zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Einige j e w s k i , und dessen Freund Latischew, die Bruschkowsky für die eigentlichen Mörder Justschinskys hält, unter Anklage des Bandendiebstahls verhaftet. Wladimir Korolenko abermals gegen den Ritualmordwahn Petersburg. Die antisemitische Presse Rußlands treibt, wie man weiß, seit zwei Jahren mit dem Ritualmordwahn den gefährlichster Unfug. Kein Tag vergeht, ohne daß die blutgierigen Hetzblätter diese Materie von neuem ausschlachteten und nach „Rache“ riefen. Den Fall Justschinski benutzen sie nur als Ausgangspunkt, um in Anknüpfung daran die ärgsten historischen Fälschungen zu begehen. Namentlich ein angeblicher Ritualmord, der an einem Knaben Emest Parg in Rumänien im Mai 1911 begangen sein soll, bietet ihnen ständigen Stoff zu ihren Verhetzungen. Soeben hat nun der bekannte Dichter Wl. Korolenko auf Grund von ihm gesammelter authentischer, meist offizieller Materialien einen geharnischten Artikel gegen die gewissenlosen Fälscher veröffentlicht. In seinen mehrere Spalten der Rußkija Wjedomosti umfassenden Auseinandersetzungen weist er nach, in welch tragischer Situation die Juden sich befänden: wie leicht kann Böswilligkeit oder Leichtsinn das Ritualmordgerücht heraufbeschwören! Im genannten rumänischen Fall handelte es sich übrigens um eine reine Halluzination, da der angeblich ermordete Knabe sich, wie Korolenko berichtet, des besten Wohlbefindens erfreue. Massenausweisungen von Juden Wiederum kommen Klagen über Massenausweisungen von Juden. Diesmal aus Kursk, wo der Erzreaktionär Muratow als Gouverneur schaltet und waltet. Zu Hunderten weist er die Juden aus seiner Provinz aus, unterschiedslos — Greise ebensowohl wie Schüler. Unter den Ausgewiesenen befinden sich solche, die bereits seit Dezennien im Gouvernement Kursk ihr Domizil haben und allen gesetzlichen Ansprüchen genügen. Vergebens werden einzelne Verordnungen Muratows von oben rektifiziert; er läßt sich durch die Bestimmungen der Zentralregierung nicht „einschüchtern“. Besonders hart werden von seinen Ukasen die Handwerker getroffen, obwohl ihr allgemeines Wohnrecht schon seit einem halben Jahrhundert kodifiziert ist. Neuerdings ereignete sich infolge dieser willkürlichen Ausweisungen ein tragisches Ereignis. Der Handwerker G., der seit 20 Jahren im Gouvernement Kursk wohnt und jetzt dem Exil verfallen ist, hat sich unter Hinterlassung einer Frau und acht Kinder das Leben genommen. In der Geschichte der Judenausweisungen ist dieser Selbstmord allerdings keine Einzelerscheinung. Eine antisemitische Aktion gegen die ausländischen Juden an der Prager Universität Prag. An einzelnen deutschen Universitäten haben die Antisemiten bekanntlich eine Bewegung gegen die russischen Juden entfesselt. Die fortschrittliche Studentenschaft und die freisinnigen Professoren haben die Forderungen der nach der russischen Prozentnorm Dürstenden bekämpft. Nun lassen die Lorbeeren der reichsdeutschen Antisemiten ihre österreichischen Kollegen nicht ruhen. Auch an der Prager deutschen Universität agitieren antisemitische Studenten für die Ausschließung der ausländischen Juden von der medizinischen Fakultät. Hoffentlich wird die wirklich fortschrittlich gesinnte Bevölkerung geschlossen gegen alle Versuche protestieren, die russische Judenpolitik bei uns einzuführen.