Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 9 271 dies^elt spricht. In dieser Gegend gibt es bereits einzelne kleine Gruppen von Falaschas, ein Umstand, der für den Zweck der Schule sehr günstig ist. Aber die Kolonialregierung sträubte sich dagegen, hier eine Schule errichten zu lassen. Sie fürchtet nämlich, daß der Bau einer Schule an dieser abessinischen Grenze den Verdacht der abessinischen Regierung wecken könnte, und daß dieser Ort dann der Schauplatz von Agitationen werden könnte, die der italienischen Regierung viele Unannehmlichkeiten bereiten würden. Die Regierung würde deshalb das versprochene Terrain in Asmara selbst abtreten. Gegenüber diesen Einwendungen sah sich Herr Dr. Faitlovitch genötigt, einen Mittelweg zu suchen. Er erklärte der Kolonialregierung, das Terrain in Asmara für die nächste Zukunft akzeptieren zu wollen, erbat sich jedoch die Erlaubnis, provisorisch in T e k u 1 einige Zelte für die Eröffnung einer Elementarschule errichten zu dürfen, die von dem Falascha Jeremia Ghettie geleitet werden soll. Noch ist die Erlaubnis nicht erteilt worden, aber Dr. Failovitch hofft, in dieser provisorischen Form die Erlaubnis zu erhalten. Sobald diese Affäre geregelt sein wird, wird sich Herr Dr. Faitlovitch in alle Falascha-Zentren im Innern von Abessinien begeben, um so seine Mission zu erledigen. Herr Dr. Faitlovitch hat nach dem Bericht des Adv. Ottolenghi bei seiner Ankunft in Asmara einen Brief von einem „Delitera“ (Falascha-Gelehrten) vorgefunden, der nach Asmara in der Hoffnung gekommen war, hier den Dt. Faitlovitch zu finden. In diesem Brief teilt er mit, daß die drei bedeutendsten Priester der Falaschas: Abba A r y e n , Abba T ey im und Abba Ghedewon gestorben seien. Dies sei ein schwerer Verlust für die Falaschas, da mit diesen Gelehrten das wenige intellektuelle Leben, das sie noch besaßen, verschwunden sei. Unter dem Mangel eigener Schulen leidet die traditionelle Erziehung der Falascha-Kinder und von dieser Situation profitieren die christlichen Missionen, um ihr Netz immer weiter auszudehnen. Noch ist das Vertrauen der Falaschas zu ihren Brüdern nicht erloschen. Sie ’ioffen auf Hilfe und Erlösung aus der geistigen Not. Werden unsere Glaubensgenossen diesen Notschrei eines vom Gesamtiudentum ganz isolierten Bruchteils unseres Stammes hören wollen und Abhilfe schaffen? Polnisches Die Kämpfe in der „Kultura Polska“ — Blutige Ausschreitungen — Die Gouverneure in Polen und die Boykottbewegung — Annullierung der Wahl Jageilos. (Von unserem Berichterstatter.) Warschau. In der angesehenen und einflußreichen „Gesellschaft für polnische Kultur" tobt seit einiger Zeit ein heftiger Kampf, der sich um die Judenfrage bzw. um die jüdisch-polnischen Beziehungen dreht. Auch diese Gesellschaft, die von jeher der Hort der freisinnigen und fortschrittlichen Elemente und Bestrebungen des polnischen Volkes war, blieb von der Hochflut der antisemitischen Bewegung, die zurzeit Masse und Intelligenz in ihrem Banne hält, nicht unberührt. Die Hypertrophie des polnischen Nationalgefühls hat auch die besten Teile des polnischen Volkes angesteckt und der Chauvinismus überspannter Vaterlandsretter, die verzückte patriotische Phrase, an der sich jetzt alt und jung in Polen berauscht, fand von der freien Tribüne der „Kultura Polska“ ein lautes Echo. Die Führer der Gesellschaft Swientochowsky und Niemojewsky, diese Veteranen des polnischen Freisinns, wurden die eifrigsten Propheten des Vernichtungskrieges gegen die „Feinde des Vaterlandes“, gegen die Juden. Der Vorstand der Gesellschaft, die die moderne Kultur und den Fortschritt auf ihre Fahne schrieb, schlug sich offen zu den Vorkämpfern des aggressiven Nationalismus, ja sie suchten sogar die Gesellschaft mit ihren sämtlichen Abteilungen als Werkzeug in diesem heiligen Kampfe auszunutzen. Da aber dieses alte Nest des Freisinns natürlich zahlreiche jüdische Mitglieder und Mitarbeiter zählt, so stießen die antisemitischen Bestrebungen vorerst zum Teil auf heftigen Widerstand, und zwar hauptsächlich in denjenigen Provinzstädten, wo die Ortsgruppen vornehmlich aus Juden bestehen und von Juden geführt werden. Es kam zu Reibungen und Konflikten zwischen der „modern“ gewordenen Zentrale und den wenigen „rückständigen“ Ortsgruppen. Diese Kämpfe kamen nun auf dem vor einigen Wochen veranstalteten Delegiertentage zum Austrag. Die Leitung, mit Swientochowsky und Niemojewsky an der Spitze, stellte den Antrag, die Versammlung möchte beschließen, als Mitglieder dürften in die „Gesellschaft“ nur Polen ohne Unterschied der Konfession und der Abstammung (in dieser Formel sind die Juden trotz eifriger Assimilationsbestrebungen nicht einbegriffen) aufgenommen werden. Ferner beantragte der Vorstand, es solle der Organisation und den Mitgliedern zur Pflicht gemacht werden, für die Polonisierung der Städte (dies der verschämte Ausdruck für den Boykott gegen die Juden) zu sorgen. Diese Anträge riefen eine stürmische Debatte hervor. Die antiboykottistische Opposition erhielt eine, wenn auch geringfügige Mehrheit. Die Anträge der Leitung wurden mit 82 gegen 78 Stimmen abgelehnt. Da erhob sich Swientochowsky und erklärte seinen Austritt aus der Gesellschaft. Niemojewsky erklärte im Namen der Zentralsektion die Beschlüsse des Delegiertentages für statutenwidrig, da sie den Interessen der polnischen Kultur widersprächen. Darauf verließen die genannten Führer und mit ihnen sämtliche 78 „Jasager“ die Versammlung. Der Delegiertentag löste sich dann auf, ohne die nötigen Wahlen vorgenommen zu haben. Im Lager der „jüdischen Polen“ herrschte natürlich großer Jubel über den „glänzenden Sieg“. Dieser Jubel sollte indes nicht lange anhalten. Am 17. Februar fand ein neuer Delegiertentag statt, an dem sich 250 Mitglieder beteiligten. Der Delegiertentag beriet von neuem über die erwähnten antisemitischen Anträge, die diesmal mit beträchtlicher Mehrheit angenommen wurden. In die Leitung wurden ausschließlich Vertreter der judenfeindlichen Richtung, mit dem Führer des „fortschrittlichen Antisemitismus“ Swientochowsky an der Spitze, gewählt. Diesmal ging der Delegiertentag friedlich auseinander. Die überstimmte Opposition verließ nicht die Versammlung und gab keine Erklärungen über Verstöße gegen den Geist der Gesellschaft u. dgl. ab. Der aggressive Antisemitismus wurde zur wichtigsten Aufgabe der glorreichen „Kultura Polska“ gemacht und unsere Optimisten sind um eine Enttäuschung reicher Es hat sich gelohnt, auf die jüngste Entwicklung der „Kultura Polska“ des näheren einzugehen, weil die Zustände in dieser Hochburg des polnischen Freisinns sehr bezeichnend sind und auf die Stimmung in weiten Volkskreisen schließen ln der letzten Zeit ist es bereits in Polen zu blutigen Exzessen nach echt russischem Muster gekommen. Hier nur zwei Fälle aus den letzten Tagen. Eine arme jüdische Frau, die auf der Straße Apfelsinen verkaufte, wurde von zwei polnischen Patrioten ohne jede Ursache belästigt. Ein vorübergehender Jude namens Bronischewsky nahm sich der armen Frau an und versuchte die edlen Patrioten zu beschwichtigen. Diese aber fielen über ihn her und einer von ihnen zog kurzerhand den Revolver, feuerte auf den Juden und verwundete ihn tötlich. Im zweiten Falle wurde gründlichere Arbeit geleistet. Das arme Opfer, ein vierzehnjähriger jüdischer Knabe Joseph Bibelkraut, wurde am hellen Tage mitten auf dem sog. „Waffenplatz“ niedergestochen. Der Täter, ein einundzwanzigjähriger Bäckerjunge Ignaz Lubicz, wurde nach wenigen Stunden verhaftet. Wie die gerichtliche Untersuchung ergab,