Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Nr. Y DIE3§EELT ja nur ihre jüdische Herkunft verbergen soll — zumeist auf die innere Politik und ist in Fragen der äußeren Politik gewöhnlich sehr zahm. Wenn also der erwähnte Passus in dem Aufsaz des Herrn Prof. Sieper in seiner andeutenden Art den Verdacht erwecken muß, als wirkten die jüdischen Journalisten Englands im allgemeinen in verhetzendem und friedensfeindlichem Sinne, so ist dies eine antisemitische Entstellung der Tatsachen. Das Blatt des Herrn Prof. Ludwig Stein, der sich so betriebsam um die Besserung der deutsch-englischen Beziehungen bemüht, müßte sich hüten, zur höheren Ehre des Weltfriedens die jüdischen Journalisten zu verdächtigen. Diese Manier, das Judentum für alles Schlechte auf der Welt verantwortlich zu machen, sollte doch nicht aus der antisemitischen Presse in die Zeitschrift „Nord und Süd" übertragen werden, die, wie gesagt, von Herrn Prof. Ludwig Stein herausgegeben und von der Firma Schottlaender verlegt wird. Vom Balkankriege (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel, 22. Februar. Es ist noch kein Ende abzusehen. Die thrazischen und mazedonischen Felder sind von Winterstürmen durchwütet und von tiefem Schnee bedeckt, und trotzdem geht das Brennen und Morden weiter. Zahllose neue Opfer sterben unter den Kugeln, in den Sümpfen und im furchtbaren Froste. Leider hat auch unser Volk wieder eine größere Anzahl von Gefallenen zu beklagen. Wie bestimmte Nachrichten zu melden wissen, sind in den letzten Kämpfen vor Bulair bei Gallipoli eine beträchtliche Zahl bulgarischer Juden gefallen, die zumeist aus Philippopel stammen sollen. Neben diesen Bitternissen des Schlachtfeldes gehen die in den von Freund und Feind abwechselnd besetzten und verwüsteten Städten und Dörfern immer weiter nebenher. Ein Privatbrief aus Wisa, das ja bekanntlich schon in der ersten Kriegsepoche grausam heimgesucht worden war, gibt Kunde von neuem Elend in dieser Stadt. Die Bulgaren haben dort — unbekannt, aus welchen strategischen Erwägungen — alles in Brand gesteckt. Kaufläden, Warendepots und Wohnstätten, die noch von früher her übrig geblieben waren, sind ein Raub der Flammen geworden. Einige Juden, die sich in den ersten Tagen des Krieges aus der Stadt geflüchtet hatten, waren wieder dorthin zurückgekehrt, einige andere aus der Umgegend hatten sich hinzugefunden, und sie hatten einige Warenbestände hingebracht, um im kleinen Handel mit den Soldaten der bulgarischen Armee ihr und ihrer Familien Leben zu fristen. Jetzt haben die neuen Kriegsgreuel dem wieder ein Ende gemacht. Wo die Aermsten geblieben sind und was sie nun beginnen, ist unbekannt. Aus Drama sind neue Flüchtlinge nach Konstantinopel gekommen in einem Zustande, der jeder Beschreibung spottet; drei Familien zwar nur, aber niemand weiß, ob ihnen nicht neue Scharen auf dem Fuße folgen werden. Die Gemeinde von Siliwri hat einen hilfeflehenden Brief an die Kommission in die Hauptstadt geschickt, wie es vergangene Woche erst R o d o s t o und Gallipoli getan hatten. Die Juden von Kawalla richten ihren Notschrei nach Saloniki. Eine furchtbare Hungersnot scheint in dieser Hafenstadt zu herrschen, wo die Unserigen, zu allermeist als Arbeiter in den Tabakfabriken beschäftigt, seit acht Monaten bereits zu feiern gezwungen sind. Zu Beginn des Krieges hatte wenigstens der Khedive von Aegypten, der aus der Stadt herstammt, sie mit Hilfesendungen bedacht. Aber auch das hat, seit der Besetzung durch die Bulgaren, ein Ende genommen. Die traurige Revue wird durch eine Friedhofsschändung in Saloniki beschlossen, wo die Eroberer sich offenbar nicht damit begnügen wollen, ihren Uebermut an den unbewaffneten Lebendigen auszulassen, sondern auch noch an den Toten Heldentaten verüben. Die luden für das Vaterland Die patriotischen Manifestationen der Juden in der türkischen Hauptstadt machen sich immer mehr bemerkbar. Ueberall ist es der Makkabi, der sie organisiert und der dann die Gemeinden selbst zu neuen Kundgebungen veranlaßt, die ihrerseits meistens einen mehr oder weniger religiösen Charakter tragen. Die letzte fand dieser Tage in der Balater Synagoge „Ahrida" statt, und eine ganze Anzahl höherer türkischer Beamten wohnte ihr bei. Ueberall zeichnet man sich in die Nationalgarde ein, überall werden Beiträge für die „Nationale Verteidigung" gesammelt. Die türkische Presse fährt fort, diese Zeugnisse der jüdischen Vaterlandsliebe mit einem gewissen freudigen Erstaunen zu sammeln und in herzlichster Weise zu kommentieren. Sogar früher judenfeindliche Blätter, wie der „Alemdar", fehlen jetzt nicht in diesem Reigen; ja, sie fügen in ihrem heutigen Ueberschwange noch Dinge hinzu, die mehr ihren Wünschen als der Wirklichkeit entsprechen. So wußte dieser Tage das letztgenannte Blatt seinen Lesern wieder zu berichten, daß die amerikanischen Juden, die ebenso turkophil seien wie die osmanischen, beschlossen hätten, eine finanzielle Hilfsaktion zugunsten der Türkei, der es ja an Kriegsfonds mangelt, einzuleiten. Bisher haben sich 200 Juden in die Nationalgarde eingeschrieben. Andere zeichnen Beträge, die dazu bestimmt sind, einen oder mehrere Soldaten für die ganze fernere Dauer des Krieges zu unterhalten. Man hofft, daß es diese Stiftungen von „Soldaten"' auf eine ansehnliche Ziffer bringen werden. An Bons de Tresors haben die hiesigen Juden bereits für 10000 Pfund gezeichnet. Es wäre sehr erfreulich, wenn die hiesigen Juden dieselbe Freigebigkeit für ihre Kriegsflüchtlinge an den Tag legten. Das ist leider nicht der Fall. Die Sammlung im Stadtteile Galata und Pera, wo die reicheren Mitglieder der Gemeinde wohnen, hat bis jetzt nur ICO Pfund, also etwa 2000 M. ergeben. Immerhin hofft man, daß die Subskription weiterhin noch bessere Resultate ergeben wird. Ein Memorandum der mazedonischen Juden Die „Agence Ottomane" veröffentlichte dieser Tage den Text des Memorandums, das die mohammedanische, kutzowallachische und jüdische Bevölkerung Mazedoniens überreicht haben und für das der Großrabbiner Haim Nahum Schritte bei der türkischen Regierung sowohl wie bei den hiesigen Botschaftern der Mächte unternommen hat. Dieses Memorandum hat folgenden Wortlaut: „Exzellenz! Die der Türkei am 17. Januar d. J. von den Botschaftern der Mächte übergebene Note besagte, daß die Mächte, finden Fall, daß die Türkei ihre Ratschläge, den Friedensschluß betreffend, befolgte, für den Schutz der Interessen der Mohammedaner in Adrianopel und die Respektierung der Moscheen und religiösen Plätze und Gebäude derselben Sorge tragen würden. Die Note sagte jedoch nichts über die Garantien, die zum Schutze des Lebens, des Besitzes und der Religionsfreiheit der Mohammedaner der anderen Gegenden zu gewähren wären, deren Abtretung an die Verbündeten grundsätzlich von den hohen Unterzeichnern der Note zugelassen wird. Dieses beunruhigende Stillschweigen macht es den Unterzeichneten, Vertretern der Muselmanen, Kutzo-Wallachen und Juden Mazedoniens, zur Pflicht, die hohe und wohlwollende Aufmerksamkeit Eurer Exzellenz auf diese so ernste und sozial und politisch so bedeutungsvolle Frage zu lenken. Indem sie in der vorerwähnten Erklärung nur von den Mohammedanern Adrianopels sprechen, lassen die Großmächte ganz begreiflicherweise die Vermutung und die Furcht aufkommen, daß ihr Schutz den Muselmanen der übrigen an