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Die Welt · 1913-02-28 · 9 (28.2.1913) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 0 : DIE der Wahlreformfrage. Kann die neueste ruthenische Judenpolitik von langer Dauer sein? Und worin besteht angesichts dieser neuen Sachlage unsere Aufgabe? Der erste Blick auf die Bevölkerungsverhältnisse Galiziens muß beweisen, daß die jüngste Methode der Ruthenen in der Judenfrage eine in höchstem Maße leichtsinnige Verirrung ist. Von den 871 895 Juden Galiziens wohnen 658 722, also über 75 o/o, in Ostgalizien, wo sie 12,35 o/0 der Bevölkerung bilden. An Polen wohnen in Ostgalizien 1349 626 25,31 o/0 der Gesamtbevölkerung. Schon diese zwei Ziffern allein müßten beweisen, daß die Ruthenen mit dem Feuer spielen, wenn sie die polnische Minorität durch die Auslieferung der Juden verstärken, um dann einer 38 prozentigen, einheitlichen polnischen Minorität gegenüberzustehen. Doch die Ergebnisse der Volkszählung liefern noch deutlichere Hinweise. Es läßt sich eine ununterbrochene polnische Einwanderung aus Westnach Ostgalizien konstatieren, bei einer gleichzeitigen rasch wachsenden ruthenischen Auswanderung. So bildeten die Polen im Jahre 1880 bloß 22,1 o/o der Bevölkerung Ostgaliziens, im Jahre 1910 schon 25,3 o/o, während der Anteil der Ruthenen in derselben Zeit von 63,4 auf 61,7 sank. Der Anteil der Juden an der Bevölkerung beträgt in Lemberg 27,8 %, von den 19 Städten haben sie in zwei die absolute, in acht die relative Majorität, in drei mehr als 33 o/0, in fünf Städten mehr als 25 o/0. Von den 83 Städtchen haben die Juden die absolute Majorität in 24, die relative in 26, in 10 Städtchen bilden sie über ein Drittel der Bevölkerung, in 12 über ein Viertel. In den sonstigen Gemeinden bilden die Juden 6 o/0 der Bevölkerung. Und alle diese absoluten und relativen Majoritäten und bedeutenden Minoritäten sollten die Ruthenen ungestraft den Polen ausliefern dürfen? Ja, wie würde denn dann das ruthenische" Ostgalizien aussehen? Man addiere zur jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Ortschaftsgruppen die polnische, so bekommt man folgendes Zukunftsbild polnischer Macht in Ostgalizien: Lemberg 79 o/0j ly LT.. ~ ^267 aäsrtJ. Städte 74 o/o, 83 Städtchen 68,2 <y0, sonstige Gemeinden 29 o/o. Es ist, glaube ich, nach all dem Gesagten klar, daß die neueste Methode ruthenischer Judenpolitik bald wieder aufgegeben werden wird, wenn anders das ruthenische Volk noch gesunden politischen Verstand besitzt. Es wäre einfach politischer Wahnsinn, die polnische Minorität, die heute noch Verwaltung, Gerichtswesen usw. fast ganz in ihren Händen hat, durch eine so gewaltige Verstärkung für unabsehbare Zeit einfach unüberwindlich zu machen. Das ruthenische Volk hat nicht besonders günstige Siedlungsverhältnisse. Aber das jüdische Volk als solches kann schon wegen seiner Minoritätsstellung den ruthenischen Charakter Ostgaliziens niemals in Frage stellen, weil ihm seiner natürlichen Lage gemäß jede „Expansionspolitik" fernliegen muß. Das gerade Gegenteil aber ist bezüglich der fast 40 prozentigen polnischen Minorität der Fall. Es ist daher nicht anzunehmen, daß die Ruthenen die Verderblichkeit ihrer gegenwärtigen Stellung zur Judenfrage nicht einsehen sollten. Für den Moment freilich steht das galizische Judentum wieder isoliert da, doch ist zur Verzweiflung gar kein Grund vorhanden. Wir werden sicherlich nicht die einzigen sein, die an den Folgen dieser Isolierung zu leiden haben werden. Auch das ruthenische Volk wird sich recht bald überzeugen müssen, daß es mehr als ein Wagnis ist, in einer Frage, die für die nationalpolitische Zukunft seines ganzen Siedlungsgebietes von so hoher Bedeutung ist, eine Politik des kurzsichtigen Opportunismus und der Kompromisse zu betreiben. Es kann nicht lange dauern, und die ruthenische Politik wird auf 1905 und 1906 zurückgreifen müssen. Wir aber können zur Beschleunigung dieser Entwicklung nicht besser beitragen, als durch unablässige Organisierung und Konsolidierung unserer nationalen Kräfte und durch eine großzügige Aufklärungsarbeit in der nichtjüdischen Öffentlichkeit. O ff □□□□□□ WELTCHRONIK Ein kleines Malheur Berlin. Der bekannten Monatsschrift „Nord und Süd“, die von Herrn Professor Ludwig Stein herausgegeben und von der Firma S. Schottlaender verlegt wird, ist ein kleines Malheur passiert. Sie brachte nämlich in ihrem Februarheft einen Aufsatz von Prof. Dr. E. S i e p e r über die deutschenglische Verständigungskonferenz, der einen scharf antisemitischen Passus enthält. Prof. Sieper behandelt die Frage, bis zu welchem Grade die polemische Haltung der Presse an der Spannung zwischen Deutschland und England schuld sei und schreibt dazu folgendes: „Es lassen sich solche' Preßtreibereien nicht immer durch die „berechtigten Wallungen eines patriotischen Gefühls“ erklären. Mir war es wie eine Art Offenbarung, als ich, von den Andeutungen englischer Freunde geleitet, feststellen konnte, daß die Journalisten und Politiker, die sich in der Hetze besonders hervortun, deutsche Juden sind. Ich nenne Mr. G o 1 d s m i d , der auch als Kandidat für das Parlament aufgetreten ist. Ferner Mr. Ellis Barker, der mit seinem guten deutschen Namen Eltzbacher heißt. Man vergleiche über diese beiden Leute die „Westminster Gazette“ vom 10. Januar und die „Daily News“ vom 13. Januar 1910. Auch die Namen Schlesinger, Binswanger, Hirsch und W ertheimer, mehr oder minder schamhaft verhüllt durch anglisierte Formen, erscheinen in der Liste derjenigen Einwanderer, die an Patriotismus den waschechten Engländer turmhoch übertreffen.“ Wir müssen annehmen, daß Herr Prof. Ludwig Stein diesen Passus vor der Drucklegung nicht gelesen hat, denn wir können uns nicht denken, daß eine so antisemitische Darstellung über die englische Presse den Ansichten der Herren Stein und Schottlaender entspricht. Wir sind ja — weit mehr als dies der jüdischen Auffassung des Herrn Prof. Ludwig Stein entspricht — entschiedene Gegner jenes schneidigen Ueber« Patriotismus, in dem sich gewisse Juden in allen Ländern gefallen. Aber der Vorwurf des Herrn Prof. Sieper ist in dieser allgemeinen Form völlig falsch. Daß manche der von ihm genannten englisch-jüdischen Journalisten in deutschfeindlichem Sinne schreiben, mag wohl sein, aber diese Deutschfeindlichkeit herrscht fast in der gesamten englischen Presse und besonders in denjenigen Organen, die — wie z. B. die „Times“ — von rassereinen Engländern, oft sogar in direkt judenfeindlichem Sinne, geleitet werden. Es dürfte sich bei genauer Prüfung heraussteilen, daß in England wie auf dem Kontinent gerade die jüdischen Journalisten in friedensfreundlichem Sinne wirken. Die Hurrapatrioten unter den Juden, diese uns Zionisten sehr wohl bekannten und von uns bekämpften Paradehelden, die ihr Judentum durch vaterländisches Geschrei vergessen machen wollen, sind zwar — wie Herrn Prof. Stein bekannt sein dürfte — eine sehr weit verbreitete Spezies. Aber der Hurrapatriotismus dieser Juden beschränkt sich — eben weil er

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