Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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256 Nr. 9 &1E3§BELT politische Kraft des galizischen Judentums noch weiter ihren Zwecken dienstbar machten. Das bedeutete nämlich nicht nur eine wesentliche Stärkung des polnischen Einflusses in der Monarchie, sondern in erster Linie in Ostgalizien, und das Hauptziel ruthenischer Nationalpolitik ist doch: Ostgalizien — Ruthenischgalizien. Die ruthenischen Politiker sagten sich ganz richtig, daß eine politisch organisierte, emanzipierte jüdische Minorität in Galizien den ruthenischen Aspirationen niemals gefährlich werden, dagegen oft als selbständiger Bundesgenosse wertvolle Dienste leisten könne. Und so blieben die Ruthenen einige Jahre hindurch ihren Traditionen von 1905 und 1906 treu. Im Jahre 1907 wurden vornehmlich mit ihrer Hilfe drei jüdische Abgeordnete gewählt; daß den übrigen jüdischen Kandidaten trotz ihrer Hilfe die Mandate gestohlen wurden, war nicht ihre Schuld. Und noch im Jahre 1910 erklärte der Redakteur des ruthenischen Tageblattes „Dilo", Ceglinski, der als Vertreter des verstorbenen Dr. Gabel ins Parlament einzog, er werde für das jüdische Volk ebenso wie für sein eigenes eintreten, er sei mit den nationalen Forderungen der Juden ganz einverstanden. Nun steht wieder eine Wahlreform auf der Tagesordnung, die Wahlreform für den galizischen Landtag. Die Verhandlungen zwischen den polnischen und ruthenischen Parteien über die Wahlreformfrage wurden schon mehrmals auf genommen und wieder unterbrochen. Von vornherein zeigten die polnischen Vertreter die deutliche Absicht, die Juden bei der Wahlreformfrage ganz leer ausgehen zu lassen, eine Wahlkreiseinteilung zu schaffen, in der den Juden womöglich kein einziges Mandat zufallen soll. Wir wollen uns heute nicht mit diesem unerhörten Vorgehen beschäftigen, wollen nicht über das Unrecht sprechen, das das polnische Volk, welches stets das Gewissen Europas gegen seine Unterdrücker anruft — und oft mit Recht anruft — an einer neunhunderttausendköpfigen jüdischen Bevölkerung begeht. Wir wollen an dieser Stelle auch nicht die üblen Folgen erörtern, die dieser Raub für die polnischen Massen haben kann, ja haben muß. Denn in der polnischen Judenpolitik gibt es für uns keine Ueberraschungen mehr und wird es so lange keine geben, bis das polnische Volk sich endlich gegen eine Politik auflehnt, die seinen Namen mit Schmach bedeckt, ohne ihm im Grunde irgendwelchen Nutzen zu bringen. Was uns heute interessiert, ist das unverständliche Verhalten der Ruthenen in dieser Frage. Wir fragen uns erstaunt: Was hat sich denn im Laufe dieser sieben Jahre in Galizien geändert, daß die Ruthenen gegen die polnische Judenpolitik plötzlich gar nichts mehr einzuwenden haben, daß sie ohne Zögern ihre Zustimmung dazu geben, die Juden Galiziens einfür allemal dem polnischen Besitzstände einzuverleiben? Denn auch die Ruthenen haben sich während aller Verhandlungen über die Frage der jüdischen Vertretung gründlich ausgeschwiegen und damit die Ausschaltung des jüdischen Volkes geradezu sanktioniert. Wie merkwürdig! Vor sieben Jahren war es Herr Romanczuk, der den Begriff der jüdischen Autonomie im österreichischen Parlamente einführte, heute sitzt derselbe Herr Romanczuk als Vertreter der Ruthenen im Präsidium des Abgeordnetenhauses, nimmt Anteil an den Verhandlungen über die Wahlreformfrage, und schweigt — muß vielleicht schweigen — zu der neuesten antisemitischen Verschacherungspolitik der ukrainischen Repräsentanz. Zur genaueren Charakterisierung der Prinzipienfestigkeit der gegenwärtigen ruthenischen Judenpolitik sei noch erwähnt, daß erst vor einigen Wochen die ruthenischen Landtagsabgeordneten der Bukowina für die Schaffung eines jüdischen Katasters gestimmt haben, während ihr Führer, Herr Wassilko, als Vizepräsident des parlamentarischen Ruthenenklubs an den polnisch-ruthenischen Ausgleichsverhandlungen einen hervorragenden Anteil nimmt und somit die neue Ignorierungs- und Auslieferungstaktik ganz ungeniert mitmacht. Die ruthenischen Führer wurden wegen dieses rätselhaften Verhaltens von einigen Seiten interpelliert, gaben jedoch immer nur ausweichende Antworten. So erklärte das „Dilo", die Juden möchten sich an Herrn Löwenstein wenden, und der Abgeordnete Kureliuk, der einzige Vertreter der Ruthenen im Landesausschusse, äußerte sich dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber: „Ja, wir haben genug zu tun für unser Volk, die Juden müssen selbst für sich sorgen." Und als die Juden für sich sorgten und in einer ganzen Reihe von Massenversammlungen und Kundgebungen zu der Wahlreformfrage Stellung nahmen, wurden ihre telegraphisch mitgeteilten Resolutionen und Proteste vom Ruthenenklub ebenso vollständig ignoriert, wie vom Polenklub. Diese traurige Tatsache beweist, daß die Ruthenen Galiziens in der Judenfrage eine neue Bahn betreten haben. Die Devise lautet nun: Rückhaltlose Auslieferung der Juden an die polnischen Machthaber. Und dieses plötzliche Umschwenken ist in erster Linie aus dem allgemein opportunistischen Charakter der gegenwärtigen ruthenischen Politik zu erklären, auf welchen in diesem Blatte bereits einmal hingewiesen wurde*). Die ruthenischen Politiker scheinen des langen Kampfes müde geworden zu sein und richten ihr Bemühen vor allem auf die Erreichung einiger, wenn auch noch so kleiner Momenterfolge, selbst unter Preisgabe der jahrelang von ihnen verfochtenen Prinzipien. Wenn man aber den Grundsatz des allgemeinen Wahlrechtes und somit' der Verteilung der Mandate nach der numerischen Stärke jedes Volkes aufgeben kann, warum soll man nicht auch das Prinzip der jüdischen Gleichberechtigung im Stiche lassen? Wenn man den Polen den Rang des thron- und dynastiestützenden Elementes ablaufen will, dann darf man freilich dem Staate keine Verlegenheiten bereiten. Die jüdische Nation ist ja vorläufig in Oesterreich noch nicht hoffähig, also darf sie für gute Oesterreicher überhaupt nicht existieren. Und noch ein Moment ist zu beachten. Die Ruthenen scheinen selbst vor der jüdischen Bewegung Angst bekommen zu haben. So hatten sie es vielleicht doch nicht gemeint mit der Gleichberechtigung der jüdischen Nation, von deren wirklichem politischen Erwachen sie vielleicht die Entstehung neuer Gefahren für ihre Souveränität in Ostgalizien befürchten. Und in dieser Befangenheit pendeln sie zwischen zwei Extremen, zwischen der Anerkennung der polnischen Unterdrückungspolitik gegenüber den galizischen Juden einerseits und — der ruthenischen Assimilationspolitik andererseits. War doch vor einiger Zeit im „Dilo" zu lesen, die Sprachstatistik Galiziens sei gefälscht, da die Muttersprache von 500 000 Juden Ostgaliziens die ruthenische sei. Doch ist diese ruthenische Assimilierungstendenz nicht ganz ernst zu nehmen. Die Ergebnislosigkeit der polnischen Assimilationspolitik ist für die Ruthenen ein warnendes Beispiel und es ist nicht anzunehmen, daß sie sich auf etwas ähnliches einlassen werden. Sie haben ja wirklich keinen Grund, die Polen um ihre Löwensteins, Merwins und Sterns zu beneiden. Um so gefährlicher aber ist für uns die Neigung der ruthenischen Politik, die Juden den polnischen Machthabern zu überlassen, „damit diese sich über sie den Kopf zerbrechen", wie z. B. jetzt in *) Jahrg. 1912, Nr. 35: Ke polnisch-ruthenische Verständigung und die galizischen Juden.