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Die Welt · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 8 243 dies§kelt Erziehung der jüdischen Jugend in der Hand hatte, keine geistigen Vorkämpfer für das Judentum heranbilden können. Was jetzt die Sephardim auch in der hebräischen Presse leisten, ist von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen, so bedeutungslos und unansehnlich, daß man sich schwerlich von ihnen Erfolge in der arabischen Presse versprechen kann. Im übrigen wurde auch bereits in Jaffa ein kleiner Versuch gemacht, der aber vorläufig wenig ermutigend ausgefallen ist. Während nämlich früher die in Jaffa erscheinende arabische Zeitung „Philistin“ („Palästina“) den Juden gegenüber eine wohlwollend neutrale Haltung einnahm, ist sie jetzt ganz in das judenfeindliche Lager übergegangen. Eine eigene Stellung zu der arabischen Bewegung nimmt der bekannte hebräische Schriftsteller Jakob Rabinowitz in einem Artikel „Scheinrenaissance“ ein, der in Nr. 18 des „Hapoel Hazair“ erschienen ist. Rabinowitz konstatiert, daß er vor Jahren, als er die arabische Bewegung aus Büchern und vom Hörensagen kannte, ebenfalls große Hoffnungen auf sie setzte. Die letzten Jahre aber, die er in Palästina verbrachte, sowie gelegentliche Besuche in Aegypten und Syrien belehrten ihn eines anderen. Der so laut verkündeten arabischen Renaissance fehlen vorläufig noch alle Attribute einer Volksbewegung. Es kommt nicht darauf an, daß ein Volk so und so viel Zeitungen besitzt, auch nicht einmal darauf, daß diese Zeitungen viele Abonnenten haben. Die amerikanische Jargonpresse ist ein Beweis dafür, daß eine Zeitung auch 100 000 Leser haben und doch sehr weit davon entfernt sein kann, irgendwie kulturfördernd zu wirken. Die arabische Presse ist sowohl in materieller als in geistiger Beziehung kaum als solche anzusprechen. Die Literatur liegt im Argen. Eine arabische Kunst, ein arabisches Theater, die irgendwie beachtenswert wären, gibt es jetzt nicht. Handel, Industrie und Landwirtschaft zeigen keine aufsteigende Entwicklung. Alle wichtigen Schulen sind noch immer entweder von Christen oder Türken begründet. Rabinowitz berichtet, er habe vergebens auf dem Libanon nach einer nationalarabischen Mittelschule auf islamischer Grundlage gesucht. Eine wahre Renaissance läßt sich nicht geheim halten. Denn sie erschöpft sich nicht in politischen Schlagworten, sondern gibt sich auf allen Gebieten des Lebens kund: in Sprache und Literatur, in Kunst und Wissenschaft, in Landwirtschaft und Industrie, in körperlicher wie in geistiger Erziehung. Und in dieser Hinsicht versagt die arabische Bewegung völlig. Andererseits fehlte es den Arabern niemals an nationalen Privilegien. Bis vor kurzem waren große selbständige Reiche arabisch. Unter englischem Schutz können die Araber sich in Aegypten und auch anderswo kulturell frei entwickeln. Selbst in der Türkei stand ihnen diese Möglichkeit offen. Was sie aber bis jetzt von der modernen Kultur sich angeeignet haben, waren die Schattenseiten der europäischen Zivilisation. Selbst in Aegypten, selbst in Alexandrien und Kairo sind die eigentlichen arabischen Viertel so verwahrlost wie im tiefsten Orient. Nirgends stößt man auf völkische Kulturinstitutionen. Wohl gibt es einige wenige Intellektuelle, die es auch ehrlich mit ihrem Volke meinen, aber sie stehen dem allgemeinen kulturellen Tiefstand ratlos gegenüber. Die Balladie (Magistrat), die doch auch jetzt in Syrien arabisch ist, beweist zur Genüge, was von einer arabischen Verwaltungskunst zu erwarten ist. In der Tat: das bißchen Kultur, das da ist, haben wir noch immer den türkischen Beamten zu danken. Die Jungtürken vergaßen bei ihren Reformbestrebungen den Bey und die Araber den Effendi. Ohne eine Agrarreform wird schwerlich etwas Ersprießliches herauskommen. Dies ist, kurz skizziert, der Gedankengang des Artikels von J. Rabinowitz. Ohne ihm unbedingt zuzustimmen, hielten wir es doch im Interesse einer Klärung dieser Frage für angebracht, ihn hier wiederzugeben. Der „Moment“ berichtet über einen interessanten Vortrag, den der bekannte polnische Gelehrte Prof. Baudouin de Courtenet aus Petersburg über die polnisch-jüdL sehen Beziehungen vor kurzem in Warschau vor einem zahlreichen, zumeist jüdischen Publikum gehalten hat. Der Vortragende verurteilte aufs schärfste das feindliche Verhalten der polnischen Gesellschaft den Juden gegenüber. Es sei ein schweres Unrecht, von den Juden zu verlangen, daß sie auf ihre eigenen nationalen Rechte und Kulturgüter verzichten. Diese Forderung sei weder mit den Grundsätzen der Ethik noch mit den Interessen des allgemeinen Fortschritts, der sich aus der freien Entwicklung der nationalen Individualitäten ergebe, in Einklang zu bringen. Zwischen dem Bekenntnis zum Nationaljudentum und der Treue zum Vaterlande bestehe keinerlei innerer Widerspruch. Von diesem Gesichtspunkte aus seien aber auch die Bestrebungen der jüdischen Assimilanten durchaus zu mißbilligen. Im weiteren Verlauf seiner eindrucksvollen Ausführungen sagte der Vortragende den „Polen mosaischer Konfession“, von denen viele dem Vortrage beiwohnten, noch manche bittere Wahrheit. Der Vortrag wirkte sowohl auf die polnischen Chauvinisten wie auf die jüdischen Assimilanten als eine „unliebsame Ueb'erraschung“ und bildete in der polnischen Metropole ein vielbesprochenes gesellschaftliches Ereignis. Die in New York erscheinende Wochenschrift „Das Jüdische Volk“ beleuchtet die Tätigkeit der neuerdings in Amerika unter dem Namen „Achuzah“ gebildeten Vereine, die den Erwerb von Boden in Palästina zum Zwecke haben. Nach den Angaben des Blattes entwickelt sich die New Yorker „Achuzah“ in befriedigender Weise. 300 Shares seien bereits verkauft worden, und die Zahl der Teilhaber sei in stetem Wachsen begriffen. Der Verein strebe danach, noch im Laufe dieses Jahres ein Grundstück in Palästina zu erwerben, wofür bereits erhebliche Beträge zur Verfügung stehen. Ebenso schreiten die „Achuzah“-Vereine in Chicago und St. Louis, die bereits Boden in Palästina erworben haben, in erfreulicher Weise fort. Auch in Pittsburg sei ein solcher Verein vor kurzem begründet worden. Was bedeute jedoch dies alles in anbetracht der Größe der zu erfüllenden Aufgabe? Mehr, viel mehr hätte auf diesem Gebiete geschehen müssen. Aus Palästina kommt die Kunde, daß sich jetzt dort reichliche Gelegenheit zum Landankauf biete — allein es mangele an dem dazu nötigen Gelde. Durch unseren Kurzsinn und Mangel an Opferwilligkeit werde also eine der wichtigsten Gelegenheiten vernachlässigt. Unsere Führer bedauern außerordentlich, daß diese günstige Situation nicht ausgenützt werden kann. Die amerikanische Judenheit könnte hier eine höchst bedeutsame Mission erfüllen. Allen anderen Ländern voran könnte sie für die Aufbringung größerer Summen zwecks Bodenerwerbs in Palästina wirken. Die Parole unseres Gesinnungsgenossen Mr. Simon Goldmann, des Begründers der ersten „Achuzah“: „Eine Million Dollar für Palästina!“ könnte sehr .wohl verwirklicht werden, wenn alle amerikanischen Zionisten ihre Pflicht täten. Die beste Gelegenheit dazu bieten die „Achuzah“-Vereine, die in allen jüdischen Zentren Amerikas entstehen und viel weitere Kreise als bisher umfassen müßten. Dasselbe Blatt bespricht die jüngsten Vorgänge auf dem Gebiete der amerikanischen Einwanderungs-Gesetzgebung, namentlich die vorgeschlagene Bestimmung, wonach jeder Einwanderer ein behördliches „Führungsattest“ aus seiner Heimat Aorzuzeigen hätte. Diese Bestimmung, welche die Immigrationsgegner durchzudrücken versuchen, würde die jüdische Einwanderung a;ufs schwerste treffen. Glücklicherweise sei die drohende Gefahr rechtzeitig erkannt worden. Allen voran habe das J e w i s h Committee die öffentliche Meinung Amerikas über die wahre, judenfeindliche Tendenz des neuen Gesetzesvorschlages aufgeklärt, der denn auch nach seiner Annahme im Repräsentantenhaus vom Senat verworfen wurde. Progressive und konservative Senatoren, Republikaner und

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