Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 8 239 OIE^ELT daß es keinen jüdischen Nationalismus ohne historische Sprache und ohne historisch bedingte Volksheimat geben könne. Die immanente Logik des jüdischen Nationalismus führe daher notwendig zum Zionismus und zu Palästina. An einem Grundsatz hat Schitlowsky bei allen seinen Wandlungen stets festgehalten: am jüdischen Nationalismus. .Als Anhänger der individualistischen Richtung in der Soziologie erblickt er in der nationalen Arterhaltung ein allgemeines Menschheitsideal. Die nationalen Faktoren sind nach seiner Auffassung von mindestens ebenso entscheidendem Einfluß auf den geschichtlichen Werdegang, wie die wirtschaftlichen Interessen. Diesen Standpunkt vertrat Schitlowsky bereits in seiner ersten, im Jahre 1887 erschienenen Schrift: „Gedanken über das historische Schicksal des Judentums", die dem damals kaum fünfundzwanzigjährigen Verfasser in der russisch-jüdischen Literatur verdiente Beachtung erwarb. Später vertiefte und erweiterte er diesen Gedanken in seinen Publikationen: „Der Sozialismus und die Nationalitätenfrage", „Oekonomischer Materialismus und die nationale Frage" und zahlreichen anderen Abhandlungen über die nationale Existenz der jüdischen Gemeinschaft. W i e aber und wodurch kann diese nationale Existenz verbürgt werden? Darauf hat Schitlowsky verschiedene Antworten gegeben. Zuerst war es die kulturelle Kraft, die ihm als hinreichender Faktor zur Erhaltung des national - jüdischen Wesens in den Golusländem erschien. Später gab er die Idee der gleichsam in der Luft schwebenden „Kulturbasis" und des wandernden Golusnationalismus auf und suchte nach einem festen Grund für das jüdische Volkstum — nach einem Territorium. Bei seinem tiefen geschichtlichen Sinn mußte er aber schließlich zum historischen Territorium gelangen — und so steht er gegenwärtig, wie er sich selbst ausdrückt, „an der Schwelle des Zionismus" ... Die „Prinzipienfesten" werden vielleicht über diese vielfachen Wandlungen die Stirn runzeln: Wo bleibt denn die Ueberzeugungstreue? Schitlowsky gehört aber zu denen, für die es keine „fertigen Wahrheiten" gibt. Er ringt nach Selbsterkenntnis mit tiefem, unbestechlichem Wahrheitsdrang. Und wähnt er sich am Ziele, so wird der Denker und Gelehrte zum begeisterten Prediger. Eine seltsam erscheinende Verknüpfung: Geschichtsphilosoph und Romantiker, Forscher und Parteimann, Menschheitsapostel und jüdischer Patriot, ein überzeugungstreuer und doch wandlungsreicher Wahrheitssucher. Die innere Zwiespältigkeit unseres gegenwärtigen UebergangsZeitalters hat in Schitlowsky vielleicht ihren prägnantesten Ausdruck gefunden. Er ist ein typischer Vertreter dieser Generation, die mit zunehmendem Alter sich neu verjüngt. Bei der Vollendung .seines fünfzigsten Lebensjahres steht Schitlowsky „an der Schwelle des Zionismus", beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Möge er darin seelische Harmonie und den Frieden mit sich selbst finden! 72 'Sxja // \— PALASTINA-KUNDSCHAU (Von unserem Berichterstatter.) Die Woche Wiederum steht ein lokalpolitisches Ereignis im Mittelpunkt der Diskussion. Tahar Chair Aladin Bey, der neue Gouverneur, hat bereits demissioniert und verläßt zusammen mit seinem gelehrten Bruder, der ihn nach Palästina begleitet hatte, in wenigen Tagen das Land. Ganz überrascht hat diese Demission allerdings nicht. Sie war vielmehr zu erwarten, denn der Exgouvemeur gehört zu den eifrigsten Gegnern der Jungtürken und hat sie in der von ihm begründeten Konstantinopler Zeitung heftig bekämpft. Tahar Chair Aladin Bey hat also nach einer Amtszeit von wenigen Tagen aufgehört, Gouverneur von Jerusalem zu sein. Nichtsdestoweniger haben wir Juden Grund, uns zu freuen, daß er und sein Bruder, wenn auch nur für kurze Zeit, ins Land kamen. Denn sie kamen mit Vorurteilen gegen uns und unser Werk und verlassen nun das Land, nachdem sie eine bessere Kenntnis der wirklichen Verhältnisse erlangt haben, als unsere Freunde. Besonders konnten sie auch in den Tagen der Münzkrisis erkennen, welchen Wert in kritischen Lagen die jüdische Bevölkerung für das Land besitzt. Tahar Chair Aladin Bey suchte in der kurzen Zeit seines palästinensischen Aufenthalts die wichtigste Pflicht eines hohen Beamten zu erfüllen: sich unparteiisch und gründlich zu informieren. Gewiß , raunten ihm unsere böswilligen Gegner manches giftige Wort ins Ohr. Aber er verstand auch an die richtige Tür zu klopfen, um die Verhältnisse richtig zu erkennen. Er versicherte in Privatgesprächen mit Jerusalemer jüdischen Notabein, diese bessere Kenntnis Palästinas nun auch während seiner künftigen Wirksamkeit in Konstantinopel zu verwerten. Der Exgouverneur ist ein Mann aus den vornehmsten Familien des Landes, der im politischen Leben der Türkei eine bedeutende Rolle spielt und dessen Name insbesondere bei seinen arabischen Konnationalen einen guten Klang hat. Dieser Mann hat seit Jahr und Tag gegen uns geschrieben und gekämpft und nun, da er sich durch eigene Anschauung von seinem Irrtum befreit hat, verspricht er unaufgefordert, daß er nun auch die ihm nahestehenden Kreise eines besseren belehren wird. Wie immer wir uns auch zu seinen sonstigen politischen Anschauungen stellen mögen, wir können nicht umhin, uns über den moralischen Sieg unserer redlichen Arbeit zu freuen. Zugleich erweist dies von neuem, daß unsere Palästina-Arbeit die eigentliche Basis aller politischen Bemühungen ist. Die Legalisierung der Agudath Nethaim sowie des Jaffaer Hebräischen Gymnasiums und die nun auch beginnende Aufklärung der führenden politischen Kreise wären uns gewiß nicht aus dem Wölkenkuckucksheim einer verschwommenen sogenannten „höheren Politik'4' in den Schoß gefallen. Zum Nachfolger Tahar Chair Aladin Beys ist Madschid Bey ernannt worden, der im Ruf eines vorurteilsfreien und auch den Juden freundlich gesinnten Mannes steht. Die Mfinzkrisis Allem Anschein nach kann man bereits von der Ueberwindung der Münzkrisis reden. In Jerusalem konnte dank der energischen Mitwirkung jüdischer Kreise, namentlich des Herrn A n t e b i und der zionistischen Anglo-Palestine Company, die Metallikfrage geregelt werden. In Jaffa, wo mehr der Bischlik vorherrscht,' entstand eine Bischlikkrisis, die ebenfalls beunruhigend wirkte. Es folgten darauf Beratungen in der Anglo-Palestine Company, an denen sich auch mehrere Kaufleute und der Waad Ha’ir (jüdischer Gemeindevorstand) beteiligten. Die hier getroffenen Maßnahmen genügten, um den Kurssturz des Bischliks zu verhindern. Der Waad Ha’ir konnte daher eine beruhigende Verlautbarung, die natürlich in hebräischer Sprache gedruckt war, affichieren. Dieses interessante Dokument verdient wohl auch hier in deutscher Uebertragung wiedergegeben zu werden: