Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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238 — - DIE^ELT-— Nr. 8 in der dortigen Statistik die Judea Oesterreich-Ungarns zusammen geführt werden. Aber nach dem Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle der . Juden in Galizien kann man approximativ die Auswanderung berechnen. Neben der Auswanderung nach Schlesien, den anderen Kroniändern Oesterreichs, Ungarn und den übrigen 'Staaten Europas kommt hauptsächlich Nordamerika als Emigrationsziel in Betracht. Nach den anderen überseeischen Staaten, wie Südamerika und Südafrika, wandern die Juden aus Galizien fast gar nicht aus. Man kann mit Bestimmtheit rechnen, daß unter den Juden, die aus Oesterreich-Ungarn nach Nordamerika auswandern, 60—70 o/o aus Galizien sind. Es beweist dies folgende Aufstellung: In den Jahren 1800—1900 kamen auf je 10 000 Juden im Durchschnitte 385 Geburten, 194 Sterbefälle; es kam somit auf je 10 000 ein Ueberschuß von 191 Geburten. Der natürliche Zuwachs war somit in den Jahren von 1891—1900 etwa 160 000. Die jüdische Bevölkerung zählte im Jahre 1890 768 845, im Jahre 1900 811 183. Die tatsächliche Zunahme betrug also bloß 42 000. Es wären somit in den zehn Jahren etwa 118 000 Juden aus Galizien ausgewandert, das heißt im Jahre etwa 12 000. Die statistischen Daten nach der letzten Volkszählung, die aber noch nicht ganz genau festgestellt sind, geben an, daß in den letzten zehn Jahren von 1901 bis 1910 im ganzen aus Oesterreich etwa 500 000 Personen ausgewandert sind, darunter etwa 150 000 Juden. Von 10 000 Emigranten waren in Prozent: Nationalität Analphabeten Kranke Hilfsbedürftige 1901/4 i 1905/8 1901/4 i 1905/8 1901/4! 1905/8 Juden .! 19,7 383 2,07 3,10 3,10 5,98 Polen.! 27,5 32,2 0,66 0,55 0,47 0,48 Ruthenen . . .! 46,7 i 55,5 0,90 0;16 022 0,83 Italiener . . . .! 17,9 i 176 0.33 0,26 1,10 1,24 Tschechen .. . .! 1.2! 1,4 0,55 0,12 0,17 1,35 Deutsche . . . i 3,4 5,1 0,76 0,97 136 1,21 Unter den von der Burnett Bill bedrohten Kategorien sind demnach viele Juden, die neuen Bestimmungen werden also die jüdische Immigration stark verringern. Der Prozentsatz der Analphabeten unter den Juden, die in den Jahren 1904—1908 nach Nordamerika wanderten, vergrößerte sich nämlich von 19,7o,o auf 38,3o/o. Ebenso lieferten die Juden die größte Anzahl von Kranken und Hilfsbedürftigen, die letzteren wuchsen in den Jahren 1904—1908 von 3,10o/o auf 5,98o/«. Es ist dies ein Prozentsatz, wie wir ihn bei keinem anderen Volke antreffen. Wenn wir noch bemerken, daß im gleichen Verhältnis auch das Kapital sich verringerte, das die jüdische Immigration mit sich bringt, so können wir mit Bestimmtheit behaupten, daß die Spitze der Burnettschen Bill besonders gegen die jüdische Immigration gerichtet ist. Die Juden verteidigen sich dagegen. Der Kampf gegen die Burnett- Bill wird aber kaum mehr etwas an der Sache ändern können. Die Geschichte der Juden in der Diaspora zeigt immer dieselbe Erscheinung — die Wanderung der Juden nach den Ländern geringeren ökonomischen und politischen Druckes — bis sie auch dort durch größere Anhäufung dieselben Erscheinungen hervorrufen und sich zu weiterer Wanderschaft rüsten müssen. Auch andere Nationen wandern, vor allem die Italiener, Polen und Ruthenen. Aber das ist eine ganz andere Erscheinung. Hier wirken andere Ursachen und ergeben andere Folgen. Diese Bevölkerungsgruppen suchen nur nach größerem Verdienst, die treibende Kraft der Wanderung ist hier fast ausschließlich die Begierde nach Reichtum. Die Emigrationswelle dieser Völker flutet wieder zurück, sie gleicht mehr einer Saisonarbeiterreise. Der Emigrant kehrt, nachdem er Geld gespart hat, in sein Mutterland zurück, um dort mit dem ersparten Gelde ein besseres Leben zu beginnen. Bei den Juden ist es ganz anders. Sie fahren mit ihrer ganzen Familie, mit allem Hab und Gut davon. Der Jude verläßt kein Mutterland, weil er keines hat, und zieht nur dann weiter, wenn die ökonomischen und politischen Verhältnisse unerträglich werden. Die Judenemigration bildet einen Kreislauf, sie bewegt sich in einem circulus vitiosus, ohne Anfang und ohne Ende. Der nationale Reichtum wächst hierdurch gar nicht, der Verdienst bleibt in den Kassen der Bahn- und Schiffsunternehmungen. Diese Tatsache ist eine von den Prämissen, auf die der Zionismus seine Theorie basiert. Aus der zionistischen Anschauung ist auch der Schluß gegenüber der Bumett Bill zu ziehen. Man kann nicht auf den Kampf gegen sie verzichten. Wenn sie trotzdem zum Gesetz erhoben sein wird, wird man — sobald die Notwendigkeit drängt — für den Augenblick einen Ausweg für die Emigrationswelle suchen müssen. Man soll jedoch darauf hinweisen, daß die einzige Möglichkeit, aus diesem Irrwege herauszukommen, darin besteht, die Kurve der jüdischen Wanderung in eine Gerade zu gestalten, sie nach Möglichkeit dahin zu richten, woher sie gekommen ist — nach Palästina. Dadurch wird Palästina wiederum das Zentrum des jüdischen Volkes werden, sowohl für die Juden, die dort wohnen, wie auch für die Millionen, die in den Ländern des Golus bleiben müssen oder wollen. Am 10. Juli 1902 wurde Theodor Herzl als Kenner der jüdischen Verhältnisse vor die vom Parlament zum Studium der Immigration eingesetzte Königliche Kommission in London berufen. Unter anderem sagte er damals, mit klarem Blick die Sachlage erfassend, „der Ruf nach Beschränkung der Fremdeneinwanderung entsteht aus der Anwesenheit einer merklichen Anzahl von Juden und äus dem Wunsche, daß diese Zahl nicht in merklicher Weise vergrößertwerde." Und obwohl er zu verhindern suchte, daß in England ein der Burnett Bill ähnliches Gesetz erlassen würde, so wußte er dennoch: „Die Judenfrage besteht überall, wo die Juden in merklicher Zahl leben, wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde eingeschleppt." Dr. Chajim Schitlowsky (Zu seinem fünfzigjährigen Jubiläum.) Von Josef Lin, Berlin. Der „national-soziale" jüdische Schriftsteller Dr. Chajim Schitlowsky, gegenwärtig Herausgeber der Monatsschrift „Dos naye Leben" in New York, ist eine Kämpfernatur in zwiefachem Sinne: innerlich wie äußerlich, sich selbst und der Welt gegenüber. Mit dem Kampfe für eine bessere Zukunft der Menschheit und des Judentums verknüpft er das unaufhörliche Ringen um die eigenen Ideale und Grundsätze. Er hat den Bekennermut, diese immer wieder zu revidieren und zu modifizieren, eigene Irrtümer unumwunden einzugestehen. Das zeigte er auch vor kurzem, als er in einer öffentlichen jüdischen Versammlung in New York seine Annäherung an den Zionismus verkündete. Mit ergreifenden Worten schilderte Schitlowsky dabei seine seelischen Kämpfe und seine allmähliche innere Abkehr vom Territorialismus. Er sei zu der tiefen Ueberzeugung gelangt,