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Die Welt · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8 235 die^elt weiteste Kreis jüdischer Architekten zur Vorlage ihrer Projekte aufgefordert werde. Man fördere jüdische künstlerische Aspiranten durch Stipendien. Wenn sie aber zu Schaffenden gereift sind und vielleicht danach lechzen, für das Judentum Großes und Ehrendes zu leisten, finden sie keine Gelegenheit und werden übergangen. Herr Dr. Stern zeigte sich diesen Gründen nicht zugänglich und erklärte, für einen allgemeinen Wettbewerb unter den jüdischen Architekten nicht eintreten zu wollen. Dies ist natürlich nur die Willensäußerung eines einzelnen— aber man weiß, wie gewichtig sie ist und besorgt daher, daß nicht nur die architektonischen, sondern auch alle andern Arbeiten und Lieferungen nach dem bisherigen Protektionssystem verteilt würden. Die zionistischen Vorstandsmitglieder haben in dieser wichtigen Angelegenheit die Initiative ergriffen und hoffentlich wird es ihnen — gestützt auf die Willenskundgebungen der jüdischen Öffentlichkeit — gelingen, anläßlich dieser großen Investitionen die Majorität der Repräsentanz für die öffentliche Ausschreibung unter allen jüdischen Fachleuten zu gewinnen. Mehrere nichtzionistische Kultusvorstände haben sich bereits mit unseren Vertretern solidarisch erklärt. Ein jüdischer Oberbürgermeister in Budapest (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Der Munizipalausschuß der Stadt Budapest wählte am 15. Februar 1913 den jüdischen Reichstagsabgeordneten Herrn Dr. Franz Heltai zum Oberbürgermeister von Budapest. Es ist dies der erste Fall in Ungarn, daß ein Jude an die Spitze eines Munizipiums tritt und neben London und Rom ist Budapest die dritte Reichshauptstadt in Europa, in der ein Jude zu dieser hohen Würde kam. Wie bekannt, bilden die Juden fast 25 °o der Bevölkerung von Budapest. In kommerzieller, kultureller und gesellschaftlicher Beziehung übersteigt aber ihre ausschlaggebende Wichtigkeit diesen Prozentsatz wohl um das Doppelte. Es wird jedoch im allgemeinen nicht dafür Sorge getragen, daß das jüdische Element in den Verwaltungszweigen wenigstens den Prozentsatz erreicht, der seiner Zahl entspricht. In leitende Stellen konnten Juden aus dem Grunde nicht kommen, weil man den in der Landesverwaltung geltenden Grundsatz, Juden womöglich fernzuhalten, auch in der kommunalen Verwaltung der ungarischen Hauptstadt befolgte. Am Ende des vorigen Jahrhunderts mußte aber bezüglich zweier, besondere Gelehrsamkeit erfordernder Stellungen Ausnahmen gemacht werden: zum Oberphysikus und zum Leiter des kommunalen statistischen Amtes wurden Juden gewählt. Nach dem Tode dieser war einige Jahre hindurch wiederum kein einziger Jude in leitender Stellung, bis vor zwei Jahren ein Jude in das aus sechzehn Mitgliedern bestehende Magistratskollegium gewählt wurde. Daß nun plötzlich ein Jude zum Oberbürgermeister gewählt worden ist, findet seine Erklärung in den politischen Verhältnissen. Der Wirkungskreis dieser Stellung ist in amtlicher Beziehung ein sehr kleiner und eher repräsentativer Natur. Der Oberbürgermeister der ungarischen Hauptstadt ist in erster Reihe Repräsentant der Regierung, während der Bürgermeister und seine Stellvertreter nebst dem Magistratskollegium die eigentlichen Leiter der kommunalen Verwaltung sind. Die Besetzung dieses Posten geschieht dermaßen, daß der König laut Vorschlag der Regierung dem Munizipalausschuß drei Herren in Vorschlag bringt, von denen dann der eine gewählt werden muß. Selbstverständlich bringt aber die jeweilige Regierung in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse womöglich nur solche Herren in Vorschlag, die zugleich auch das Vertrauen des Munizipalausschusses besitzen. Es geschah nun, daß der Munizipalausschuß in hochwichtigen politischen Fragen zur Regierung in einen überaus scharfen Gegensatz geriet. Da der Posten eines Oberbürgermeisters schon seit einem halben Jahre unbesetzt war, mußte schleunigst nach einer geeigneten Persönlichkeit Umschau gehalten werden, und da konnte unter den jetzigen politischen Verhältnissen keine geeignetere Person gefunden werden, als Dr. Heltai. Er ist enragierter Anhängerder Regier ung und der jetzt am Ruder befindlichen politischen Richtung, und kann sich zugleich rühmen, während seiner langjährigen Tätigkeit im Munizipalausschusse durch sein gediegenes Wissen und seinen lauteren Charakter das Vertrauen und die Wertschätzung sämtlicher Mitglieder ohne Unterschied der Parteistellung erworben zu haben. Deshalb (und da sich zugleich auch eine Gelegenheit bot, den Schein des Liberalismus zu wahren) wurde er an erster Stelle vorgeschlagen und mit 218 von 251 abgegebenen Stimmen gewählt. Herr Dr. Heltai, welcher jetzt im 53. Lebensjahre steht, widmete sich schon im jugendlichen Alter der Publizistik. Dem ungarischen Abgeordnetenhause gehört er seit 1896 fast ununterbrochen an. Während seiner langen öffentlichen Tätigkeit vermied er es sorgfältig, sich mit jüdischen Angelegenheiten zu befassen und mit irgend etwas, was das Judentum betrifft, auch nur in die leiseste Berührung zu treten. Selbstverständlich werden trotzdem Stimmen laut, daß seine Wahl eine Beleidigung der christlichen Mehrheit der Bevölkerung bedeute. Aus dem Bukowinaer Landtag (Von unserem Berichterstatter.) Czernowitz. In der jüngsten Landtagssession, die sich u. a. auch mit einer Reform der Landtags Wahlordnung befaßte, hielt Prof. Kellner im Namen des jüdischen Landtagsklubs eine bedeutungsvolle Rede, die wegen ihrer Offenheit allgemeine Beachtung fand. Bekanntlich wählen in der Bukowina die Juden in der deutschen Kurie, da infolge der Quertreibereien unserer Assimilanten die jüdische Kurie von der Wiener Zentralregierung nicht zugelassen worden ist. In seiner Rede zur Begründung des Antrages auf Aenderung der Landtagswahlordnung verlangte Prof. Kellner eine „reinliche Scheidung zwischen deutschen und jüdischen Wählern“, nicht etwa nur mit Rücksicht auf die Sprache, die die Juden der Bukowina sprechen, obwohl die 100 000 Juden der Bukowina sich im großen und ganzen einer Sprache bedienen, die allerdings von der Regierung nicht anerkannt werde. „Ihr fragt uns, was wir seien, und wir sagen euch, wir sind Juden, wir sind eine Natio n.“ „Die jüdische Frage in der Bukowina ist eine sehr einfache. Wir verlangen einzig und allein die Anerkennung eines bestehenden Zustandes. Lassen sie die Deutschen für sich und die Juden für sich wählen und wir sind miteinander fertig.“ „Die jüdische Frage ist für uns Juden eine gesamtjüdische und geht somit weit über die schwarzgelben Grenzpfähle hinaus. Ich bin mit dieser Behauptung gewiß kein Hochverräter und schlechter Staatsbürger. Das beste Beispiel geben in dieser Beziehung die Deutschen in Oesterreich, welche jederzeit sagen werden, sie seien gute Oesterreicher, sie seien aber auch eines Stammes, eines Blutes und einer Sprache mit den Deutschen im Reich.“ „Das Gleiche gilt ohne weiteres auch von den andern Nationen . . . und die Juden in der Bukowina, die gute ' Oesterreicher und gute Landeskinder sind, sagen: Es sind so und so viele andere Juden außer uns da und wir haben ein Bedürfnis, daran mitzuarbeiten, daß aus einem landlosen Volke, aus einem überall herumgestoßenen, verachteten und mit Füßen getretenen Volke . . . ein seßhaftes werde.“ (Prof. Kellner wurde von den antisemitischen Abgeordneten wiederholt durch Zwischenrufe unterbrochen.) „Unsere Arbeit geht jetzt dahin, unserem Volke jene Bedingungen zu schaffen, die man heute von einer Nation voraus-

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