Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 DIE LT Nr. 8 binden. Es war bereits an dieser Stelle die Rede von den sog. Registrationsheften, die den Geschäftsverkehr zwischen dem Ansiedlungsrayon und Innerrußland äußerst zu erschweren geeignet sind. Es wurde auch bereits darauf hingewiesen, daß die größten kaufmännischen und industriellen Organisationen gegen diese Maßregel entschieden Verwahrung einlegten, daß aber diese Proteste erfolglos blieben. In dieses Kapitel gehören auch die massenhaften Ausweisungen, namentlich aus den Dörfern, die in letzter Zeit einen geradezu epidemischen Charakter angenommen haben. Zwar wurden die Ausweisungsbefehle bisweilen von der Zentralregierung annulliert, allein nur in den allerwenigsten Fällen wurde den Betreffenden das unbestrittene Aufenthaltsrecht zuerkannt. In der Regel begnügte man sich mit einer zeitweiligen Aufschiebung der harten Maßregel, so daß der für den Handel sehr ungünstige Zustand der Ungewißheit und Unsicherheit durch die Intervention der Zentralbehörden nicht beseitigt wurde. Schwerer womöglich noch als durch die Ausweisungen wurde der Handel im Ansiedlungsrayon durch die neueste Erfindung unserer Satrapen getroffen, die die wirtschaftliche Betätigung auf dem Lande selbst dort gerichtlich verfolgt, wo das Wohnrecht außer allem Zweifel steht Im Laufe des letzten Monats hat allein der Minsker Gouverneur nicht weniger als 3500 Juden wegen ungesetzlicher Handelstätigkeit auf dem Lande vor die Schranken des Gerichts gefordert. Wer der für dieses „Verbrechen“ vorgesehenen Strafe der Ausweisung und der Beschlagnahme der Waren entgehen will, zieht es vor, freiwillig davonzuziehen und auf den unsicheren Handelsverkehr mit dem Bauer auf dem Lande zu verzichten. Das neueste auf dem Gebiete der Entjudung der Dörfer sind die im abgelaufenen Jahre zum ersten Male mit großem Eifer angewandten Ausweisungen aus den Dörfern Polens. Diese massenhaften Ausweisungen riefen natürlich in Handelskreisen große Unruhe hervor und hatten eine schwere Erschütterung des Handels, namentlich in der wichtigsten Branche der polnischen Industrie, der Textilbranche, zur Folge. Neben der Staats Weisheit unserer zentralen und lokalen Behörden gab es indes in letzter Zeit noch andere Geißeln Gottes, die das wirtschaftliche Leben der russischen Juden schwer trafen. Die politischen Verwicklungen anläßlich des Balkankrieges, das Gespenst des europäischen Krieges, die Depression auf dem internationalen Geldmarkt — all diese Ursachen verfehlten ihre Wirkung nicht. Sie brachten einerseits eine große Unsicherheit in unseren für alles Unwetter überaus empfindlichen Handel und riefen andererseits einen geradezu katastrophalen Kredithunger hervor. Zahlreichen jüdischen Firmen wurde der übliche Kredit stark geschmälert, ja häufig ganz versagt. Die zahlreichen Bankerotterklärungen riefen eine förmliche Panik hervor, die die Folgen der eingetretenen Krisis nur noch vermehrten. In Polen speziell kam noch der elementare Ausbruch des wirtschaftlichen Boykotts hinzu. Die Propaganda der Verdrängung der Juden aus allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens wird überhaupt in den letzten Jahren in Polen mit großem Erfolg geführt. Durch die Dumawahlen in Warschau erhielt diese Propaganda neue Nahrung und nahm geradezu den Charakter eines „heiligen Krieges“ an. Die Folgen des erbitterten Vernichtungskampfes gegen die Juden bekommen bereits die polnischen Juden — allerdings weniger in Warschau selbst — hart zu spüren. Die allergrößten Verheerungen richtete indes die gegenwärtige Krisis im Süden und Südwesten Rußlands an. Hier hat die Krisis einen ganz eigenartigen, in die üblichen nationalökonomischen Vorstellungen eines gebildeten Europäers nicht hineinpassenden Charakter. Die schwere wirtschaftliche Kalamität, unter dem der südliche Teil des Ansiedlungsrayons gegenwärtig seufzt, hat ihre wichtigste Ursache nicht in der allgemeinen Konjunktur, sondern in einer Naturerscheinung, von der man sich in Europa kaum noch eine richtige Vorstellung machen kann. Der Kot, in dem zurzeit das Süd- und Südwestgebiet Rußlands förmlich ertrinkt, ist hier der Würgeengel alles und jeglichen Wirtschaftslebens. In den Gouvernements Cherson und Bessarabien haben die Regenfälle, die hier seit Juli nicht aufhörten, allen Handel und Verkehr geradezu erdrosselt. Das Getreide verfault einfach auf den Feldern oder liegt, da die Landstraßen absolut unfahrbar sind, unbehoben. Der Getreidehandel, der wirtschaftliche Lebensnervdieser Gebiete, der ausschließlich in jüdischen Händen liegt, stagniert völlig. Das Absatzgebiet des jüdischen Handwerks, das Dorf, befindet sich aus gleicher Ursache wie in einer unzugänglichen Festung. Die Jahrmärkte und Messen haben ganz aufgehört, die notwendigsten Lebensmittel erreichten infolge der unmöglichen Transportverhältnisse förmliche Hungerpreise, wodurch die Lage des arbeitslosen Handwerkers noch verschlimmert wurde. Die Vorräte von Saisonwaren (Konfektion und dergl.) liegen unberührt in den Läden und Niederlagen, alles wirtschaftliche Leben stockt. Aehnlich liegen die Verhältnisse im gesamten Süden und Südwesten. Hier konnte aus den geschilderten Gründen die Zuckerrübenernte, die von entscheidender Bedeutung für die große Zuckerindustrie des Rayons ist, einfach nicht eingebracht werden. So sieht es zurzeit in unserem gesegneten Ansiedlungsrayon aus. Die Verwaltungsprfnziplen der Wiener Kultusgemeinde (Von unserem Berichterstatter.) Wien. In den letzten Wochen tagte in Wien eine ganze Reihe von Versammlungen, die eine wirklich peinliche Angelegenheit behandelten. Man schämt sich, in den Zeiten des antisemitischen Boykotts konstatieren zu müssen, daß die jüdische Großgemeinde Wien, die über ein Jahresbudget von ungefähr 4 Millionen Kronen verfügt, bei Vergebung ihrer Arbeiten nicht den freien Wettbewerb allen .jüdischen Interessenten offen läßt, sondern nur allzuhäufig die Aufträge „unter der Hand“ vergibt, und man kann es nicht begreifen, daß dieses nicht nur unmoderne und höchst unwürdige, sondern auch kostspielige System nicht längst durch den Unwillen der Steuerträger beseitigt wurde. Nun stehen in diesem Jahre große Arbeitsvergebungen bevor. Monumentalbauten, wie das große Kinderspital, das neue Repräsentationsgebäude, der Stadttempel und der Friedhofsbau sollen mit einem Gesamtaufwande von 15 Millionen aufgeführt werden und die jüdischen Künstler, Gewerbsleute, Handwerker und Lieferanten sind von der begründeten Sorge erfüllt, daß der Kultusvorstand wiederum den einzig richtigen und billigen Konkurrenzweg umgehen und die Arbeiten sowie Lieferungen nicht zur Ausschreibung unter allen jüdischen Interessenten bringen werde. Die Vereinigung jüdischer Architekten, der jüdische „Verein zur Hebung derGewerbe“ und der Wiener jüdische Volksrat haben daher öffentlich erklärt, daß die Vergebung der Aufträge für diese Bauten an Auserwählte nicht nur vom jüdischen, sondern auch vom gemeindewirtschaftlichen und künstlerischen Standpunkte schädlich und verdammenswert ist. Die jüdischen Architekten entsandten an den Präsidenten, Herrn Dr. Stern, eine Deputation und legten dar, daß die zu errichtenden Gebäude noch nach. Jahrhunderten Zeugnis von der Leistungsfähigkeit jüdischer Baukünstler ablegen sollen. Jetzt sei Gelegenheit, jüdische Schaffenskraft anzuregen und das künstlerisch Beste hervorzuholen. Dies sei aber nur möglich, wenn der