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Die Welt · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 ’LT 231 Leugnung jüdischer Ziele durch unsere Assimilanten keinen anderen Grund hat, als den heißen Wunsch, von der jüdischen Gemeinschaft befreit zu werden! Wüßten sie doch, wie jämmerlich unjüdisch die Leute denken, deren Ableugnung jüdischer Gemeinschaftsziele den Anschein erweckt, als erstrebten sie für das Judentum irgend etwas Illoyales, das die judenfeindliche Phantasie sich als jüdische Weltherrschaft ausmalt! Würden unsere jüdisch-nationalen Gemeinschaftsziele von allen Juden anerkannt, so würden sie nicht den geringsten Verdacht erregen, denn ihr Wesen besteht in dem offenen, ehrlichen Streben nach einer Verbesserung der Lebensbedingungen des jüdischen Volkes, die keinem Staat, keinem Volk- Schaden bringt. Die Folge des Gebarens unserer Assimilanten aber ist eine grimmige Verschärfung des Antisemitismus und gleichzeitig die Uebergehung der Wünsche und Interessen der jüdischen Gesamtheit, die nicht als das, was sie ist — als unterdrücktes Volk —, sondern als geheimnisvoll wirkende verderbliche Macht erscheint. Darum sagen wir es laut und wiederholen es immer wieder: Was der einzelne Jude denkt und treibt, wie er sich zur Tagespolitik seines Vaterlandes stellt, ist nicht von seiner Zugehörigkeit zum Judentum diktiert. Die jüdische Gesamtheit hat damit nichts zu tun. Unser jüdisches Volk als solches ist weder sozialistisch, noch kapitalistisch, weder republikanisch, noch royalistisch. Es ist ein Volk, wie jedes andere auch, es will sich seinen Platz erringen, der ihm gebührt, und niemand ist berechtigt, in seinem Namen zu sprechen, als derjenige, der sich selbst zu diesem Volke bekennt und im Sinne dieser Volksgesamtheit redet. Wir schütteln die Assimilanten von uns ab, die aus dem Drang, vom Judentum fortzukommen, die Existenz des jüdischen Volkes verleugnen. Wir entlarven die Unwahrhaftigkeit ihrer Behauptungen, weil wir im wahren jüdischen Interesse nicht dulden können, daß ihre Ansichten über das Judentum als Ansichten der jüdischen Gesamtheit erscheinen. Man gebe jedem einzelnen von uns sein gut erworbenes Recht als Mensch und Bürger, auf das wir keineswegs verzichten können, und man beschimpfe nicht unsere Gesamtheit, wo es sich um die Meinungen und Taten einzelner handelt. Man erkenne diese Gesamtheit an und höre ihren Ruf nach Gerechtigkeit und Freiheit. So bekämpfen wir Zionisten den Antisemitismus. Und wie Herr Geiger an die „edeldenkenden" Christen appelliert, damit sie in seiner Gesellschaft und als Deutsche gegen den Zionismus fechten, so appellieren wir an die gesamte Kulturwelt, daß sie unsere Stimme vernehme, die wir die Existenz des jüdischen Volkes bekennen und für seine Ehre und seine Zukunft streiten. Die Welt entscheide! Uns ist nicht bange um ihr Urteil, denn die Wahrheit liegt klar am Tage und die Lüge muß verstummen. R. L. □□□□□□ o WELTCHRONIK □□□□□□ Das Gemeindewahlrecht ausländischer Juden Berlin. In einigen kleineren jüdischen Gemeinden Deutschlands ist neuerdings der Versuch gemacht worden, das Wahlrecht der ausländischen Juden zu beschränken. Es wurden hierfür allerlei fadenscheinige Gründe angeführt, die wahrscheinlich auf keiner Seite Anklang gefunden hätten, wenn nicht ein Argument vorhanden wäre, das den Gemeindevorständen sehr einleuchtend scheint: Die Zionistengefahr. Da die ausländischen Juden sich naturgemäß an deutsch-völkischpatriotisch-germanischer Gesinnung mit den ehrenwerten eingeborenen Gemeinde-Honoratioren nicht messen können, vielmehr eine gefährliche Hinneigung zum Zionismus bekunden, so besteht die Gefahr, daß die Zionisten mit Hilfe der ausländischen Juden erheblichen Einfluß auf die Gestaltung der Gemeindeverhältnisse gewinnen. Das aber wollen die echtdeutschen Khillegrößen nicht dulden, und so kamen sie auf die Idee, den Ausländern das Wahlrecht zu nehmen, resp. dasselbe stark einzuschränken. Kürzlich erschien nun in dem „Hamburger Israelitischen Familienblatt“ ein Artikel aus der Feder des Redakteurs Dr. Rosenbaum, der diesen Wahlrechtsraub zu rechtfertigen suchte. Das „Hamburger Israelitische Familienblatt“ ist ein höchst farbloses Organ, das im allgemeinen keine Ansichten, sondern nur zahlreiche Annoncen hat und den Hamburger Juden gratis zugestellt wird. Der Artikel erregte in weiten jüdischen Kreisen große Entrüstung, besonders da der Verleger des Blattes, Herr Leßmann, ein russischer Jude ist, der erst vor etwa einem Jahre in Hamburg naturalisiert wurde. Wir brauchen unserem Leserkreise wohl nicht erst auseinanderzusetzen, wie unjüdisch die Forderung der Beschränkung des Wahlrechtes für Ausländer ist. Die Judenheit befindet sich seit Jahrhunderten in ständiger Fluktuation. Wir sind das Wandervolk par excellence, und gerade die deutschen Gemeinden hätten wahrlich keine Veranlassung, unseren ausländischen Brüdern das Wahlrecht zu rauben. Sind nicht die Juden des Ostens einst aus Deutschland vertrieben worden? Haben die jüdischen Gemeinden Deutschlands nicht gerade dem Zuzug aus dem Osten einen großen Teil ihrer Lebenskraft zu verdanken? Ist es nicht längst nachgewiesen, daß die deutschen Juden aussterben würden, wenn dieser Zustrom aus dem Osten aufhören würde? Und neben diesen Erwägungen sollte doch selbst von unseren entjudeten Gemeindevorständen begriffen werden, daß diese Entrechtung unserer östlichen Brüder dem jüdischen Empfinden, der jüdischen Religion und Tradition, geradezu ins Gesicht schlägt. Ohne den Gedanken der Einheit des jüdischen Volkes kann das Judentum nicht bestehen. Daher hat der Artikel des „Hamburger Israelitischen Familienblattes“ überall Entrüstung hervorgerufen. Unsere Hamburger Gesinnungsgenossen haben zwei große Protestversammlungen veranstaltet, in denen Herr Dr. Klee und Herr Rechtsanwalt Gronemann für die Rechte der ausländischen Juden eintraten. Am Schluß der ersten Versammlung wurde folgender Brief des Rabbiners Dr. L e r n e r , eines Nichtzionisten, ver- „Dem verehrlichen Vorstand der Zionistischen Ortsgruppe danke ich für die freundliche Einladung zu der heutigen Versammlung. Zu meinem Bedauern bin ich amtlich verhindert, Ihrer Einladung Folge zu leisten. Der Versuch der Gemeinden, nichtdeutsche Mitglieder derselben zu Mitgliedern zweiten Grades zu degradieren, verdient öffentlich gebrandmarkt zu werden. Diese Vergewaltigung ist empörend. Es ist brutale Gewalt, welche das Recht mit Füßen tritt. Zugleich eine Legalisierung des Antisemitismus,der alle Juden als Bürger zweiter Klasse behandelt wissen will. Wer nicht

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