Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 8 (21.2.1913)
- Date
- 1913-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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230 Nr. 8 DlEffiELT für ihre Person los sein und leugnen deshalb mehr oder weniger entschieden die Existenz des jüdischen Volkes. Dieses verwegene Spiel mit den Interessen des Judentums können wir jedoch nicht dulden. Eine furchtbare Gefahr liegt in dieser Lüge, die den Antisemitismus nährt, wie wenn man Oel ins Feuer gießt. Wir haben uns über den Antisemitismus niemals Illusionen gemacht. Er war und wird sein, solange die Wanderschaft des jüdischen Volkes dauert. Es fällt uns auch nicht ein, den Antisemitismus beschwichtigen zu wollen, indem wir mit der politischen Reaktion kokettieren oder gar verlangen, die Juden sollten ihre bürgerlichen Rechtspositionen aufgeben. Wir wollen unser Recht als Bürger und als Menschen — aber wir wollen es nicht mit der Ableugnung unseres Judentums erkaufen. Aus der Tatsache, daß es ein jüdisches Volk gibt, daß wir von anderem Stamm und anderem Glauben sind, ergibt sich die ewige Gegensätzlichkeit von Juden und Nichtjuden, die immer wieder im harten Daseinskämpfe, im Ringen der ökonomischen, politischen und geistigen Kräfte der Nationen antisemitische Strömungen hervorruft. In dieser Situation gilt es für alle anständigen Menschen — Juden wie Nichtjuden — einen halbwegs erträglichen Kompromißzustand herzustellen. Die erste Bedingung hierfür ist eine gewisse Offenheit von beiden Seiten, der Versuch, in gegenseitiger Achtung zu leben. Man gebe uns überall unsere Rechte und lasse uns als Juden für die besonderen Ziele kämpfen, die der Rettung unseres Volkes dienen sollen. Diese Ziele bedeuten nirgends eine Revolutionierung bestehender Zustände — denn was wir in Palästina erstreben, kann nur langsam, nur allmählich verwirklicht werden — bedeuten auch nicht die geringste Schädigung fremdnationaler Interessen — denn wir verrichten ein Werk friedlicher, kulturbringender Kolonisation, das mit den politischen Tageskämpfen in den verschiedenen Ländern nichts zu tun hat. Indem wir aber so für unsere eigene nationale Zukunft arbeiten, erleichtern wir allmählich die Spannung, die zwischen uns und allen anderen Nationen herrscht. Wir wollen ihre Eigenart respektieren, indem wir uns zugleich an der unseren freuen. Wir rufen unseren eigenen Brüdern zu: Glaubt nicht, durch sinnlosen politischen Radikalismus, der sich zuweilen ultrakonservativ, meist grimmig-demokratisch gebärdet, die Judenfrage lösen zu können! Löst sie in euch selbst, durch Hingabe an jüdische Gemeinschaftsziele, und ihr werdet sehen, daß die Besseren unter den Nichtjuden euch verstehen, eure Wesensart respektieren werden. Doch aufgeräumt muß werden mit der fürchterlichen Lüge, die den Antisemitismus zum Paroxismus steigern muß, daß ihr, in eurer Gesamtheit, kein jüdisches Volk, sondern eine „Religionsgemeinschaft“ seid — harmlos und gleichgültig, wie irgendeine kleine Sekte, die im Verborgenen blüht. Diese Lüge hat in allen fremden Lagern Haß gesät, weil sie nicht anders gedeutet werden konnte, als daß die Juden — als Gesamtheit — geheime Pläne verfolgen, um die Völker zu unterjochen und die jüdische Weltherrschaft zu errichten. Leugnet nicht, daß ihr lebt, als Juden lebt, daß es ein jüdisches Volk gibt, und nährt nicht durch euer Leugnen den teuflischen Wahn, daß man es in den Juden mit einer geheimen Gesellschaft von Schwindlern und Aussaugern zu tun habe. Wer sich assimilieren, vom Judentum trennen will, der sage es laut und gehe seines Weges. Aber er vergifte nicht das Geschick des ganzen Volkes, das ihm nicht folgen kann noch will, durch die freche Behauptung, es gebe kein Judentum, als sein eigenes, die jüdische Gesamtheit sei längst aufgelöst und bestehe nur noch in der Phantasie der Antisemiten. Diese Lüge wird dem Judentum täglich zum Verhängnis. In Berlin tagt gegenwärtig die Vertreterschaft des Bundes der Landwirte, und jede Rede ist von grimmigem Judenhaß erfüllt. Die Vertreter der deutschen Landwirtschaft sehen im Judentum eine Gefahr für ihre Interessen und für das deutsche Vaterland. Warum? Weil das „Berliner Tageblatt“ und ähnliche Organe, die dem Bund der Landwirte feindlich sind, von Juden geleitet werden? Wüßte die Öffentlichkeit, daß diese Juden politisch wie religiös mit dem Judentum gar nichts zu tun haben, so würde zwar die tief eingewurzelte antisemitische Roheit, wie sie sich — als Mene-Tekel für gewisse jüdische Kulturkonservative — eben auf dieser landwirtschaftlichen Tagung wiederum dokumentiert hat, nicht sogleich beseitigt sein, aber der Antisemitismus würde seine stärkste Kraft verlieren und wenigstens aus den anständigen, gerechtdenkenden christlichen Kreisen mehr und mehr verschwinden, wenn die Ueberzeugung Platz griffe, daß man es in der deutschen Tagespolitik zwar mit Leuten jüdischer Abkunft, doch nicht mit Vertretern der jüdischen Gesamtheit zu tun habe. Auf diese Weise wäre also auch den Interessen derjenigen Juden gedient, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielen. Die staatsbürgerliche Tätigkeit des einzelnen Juden, zu der er voll berechtigt ist, würde nur erleichtert, wenn die jüdische Politik im eigentlichen Sinne, die nationalen Bestrebungen der jüdischen Gesamtheit, überall anerkannt und von der politischen Tätigkeit der einzelnen Juden in ihren verschiedenen Geburtsländern klar geschieden würde. Weil aber diese Juden, die in der deutschen Politik das große Wort führen, gleichzeitig die Judenfrage leugnen, die Existenz des jüdischen Volkes nicht anerkennen, den Zionismus totschweigen — gerade deshalb gilt alles, was sie tun, als jüdisch, deshalb macht die Außenwelt (die doch weiß, daß sie es mit Juden zu tun hat) keinen Unterschied zwischen den Juden als einzelnen Personen, als isolierten Staatsbürgern, und dem Judentum als organisierter Gemeinschaft. Diese Außenwelt hört und sieht im politischen Leben zahllose Juden sich betätigen. Sie hört aber auch vom Judentum, von jüdischen Gemeinden, Vereinen, internationalen jüdischen Organisationen. Will sie nun näher zuschauen, ein klares Bild von diesem organisierten Judentum gewinnen, so stürmen die „repräsentativen“ Juden, die Leiter der großen Zeitungen, die Abgeordneten, die Professoren herbei und versichern, es gäbe , gar kein Judentum in dem Sinne, wie die Außenwelt es vermute; es gäbe kein jüdisches Volk, keine jüdischen Ziele. Diese Behauptung muß die Außenwelt stutzig machen. Wie? Ueberall sehen wir Juden am Werk, in allen Ländern gibt es organisierte Juden — und da sollte kein Zusammenhang, keine Gemeinsamkeit der Interessen bestehen? Und nun kommt der verhängnisvolle Trugschluß: Wenn die Juden so emsig bestreiten, was doch unbestreitbar ist, so müssen sie wohl etwas zu verbergen haben. Welches aber sind wohl die Ziele, die so ängstlich geheim gehalten werden? Nun, wir sehen ja, was die Wortführer des Judentums treiben: Sie sind liberale oder sozialistische Journalisten, sind Händler und Anwälte. Da haben wir's also: Das Judentum will Presse, Wirtschaftsverkehr und Rechtssprechung in die Hand bekommen, um zu herrschen. Das ist die antisemitische Lehre, die täglich verkündet und eifrig geglaubt wird. Wüßten die gläubigen Toren doch, wie es in Wahrheit im Judentum aussieht! Wüßten sie doch, daß die