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Die Welt · 1913-02-14 · 7 (14.2.1913) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 7 213 die^elt Assimilation und Aesthetik Splitter und Paradoxe Von Sch. Gorelik. Wer immer es unternimmt, eine Geschichte der jüdischen Assimilation oder richtiger: die Geschichte der Assimilation unter den Juden zu schreiben — weh uns, daß eine solche Geschichtsschreibung möglich und notwendig ist — der wird wohl mit dem Kosmopolitismus beginnen müssen, mit diesem Wiegenlied der Assimilation. Ursprünglich war der Kosmopolitismus ein goldener Traum der fortschrittlichen Menschheit — schließlich aber ward er zu einer gefälligen Fiktion, zu einem leeren Klang. Mit diesem einst so mächtigen Worte kennzeichnet man heutzutage lediglich edle Motive, Hochgefühle des Humanitätsgedankens, und man bedient sich dieses Wortes in ähnlicher Weise wie der Bezeichnung „Freimaurerei". Für alle übrigen Nationen war der Kosmopolitismus völlig unschädlich und verpflichtete zu garnichts; wenn ein Deutscher, ein Franzose oder ein Russe sich einen Kosmopoliten nannte, so hörte er deshalb nicht auf, ein Deutscher, ein Franzose oder ein Russe zu sein. Nur für die jüdische Intelligenzschicht wurde der Kosmopolitismus in seinen Folgen verhängnisvoll, weil eben seine Hauptfolge die Assimilation war. Der Kosmopolitismus, dieses Losungswort des „Nichtsals-Menschen", spielte auf seiner Zauberflöte süße Weisen, und die jüdische Intelligenz folgte diesen Zauberklängen, kehrte dann aber in völlig verändertem Gewände zurück — nicht etwa in dem Gewände des Kosmopolitismus, sondern jeweilig in dem einer bestimmten Volksgemeinschaft. Es gibt nämlich keine kosmopolitische Kultur, und sagte ein Jude: Ich bin ein Kosmopolit, so hieß das regelmäßig: ich bin ein Deutscher, oder ein Franzose oder ein Russe. So diente der Kosmopolitismus als eine prunkvolle Soutane, die die häßliche Blöße der Assimilation verdecken sollte. Er bedeutete — gelinde gesagt — die Einfügung in die Reihen der Anpassungswilligen. Weniger sanft ausgedrückt war der Kosmopolitismus für die jüdische Intelligenz eine Schule der Lüge, oder ihre Vorschule, weil die Assimilation eben nichts anderes ist als Lüge. Aus eben diesem Grunde empört sie unser moralisches und unser ästhetisches Gefühl — denn sie birgt auf ihrem Grunde die Unwahrhaftigkeit. Ich glaube so ziemlich das Richtige zu treffen, wenn ich den Begriff der Assimilation in die folgende Formel kleide: „Die Assimilation ist ein Verzicht auf den mystischen Gehalt des eigenen Volksgedankens, sie ist zugleich ein unberechtigtes Eindringen ineine fremde Gemeinschaft, in ein fremdes Volk, wobei nur die äußeren Formen des letzteren angenommen werden, ohne daß eine Vertiefung in sein Geheimnis stattfindet." % Der Assimilant adaptiert eine fremde Form, spricht fremde Worte, gibt sich den Anschein, als kenne er jenes Große und Wichtige, das des betreffenden Volkes mystisches Geheimnis bildet, aber in Wirklichkeit kennt er es nicht und macht sich auf diese Weise eines Betruges schuldig, indem er die Tatsachen nicht als solche gibt. Daß er diese Täuschung glänzend durchführt, daß er die Anpassung an die fremde Form bis zur vollsten Illusion meistert, — das Alles ändert nichts an der Sache, sondern verstärkt nur den Eindruck des Widerlichen. Je mehr Virtuosität die Assimilation bei ihren Kunstgriffen an den Tag legt, desto abstoßender wirkt sie. Am unangenehmsten sind bekanntlich jene Similisteine, die den Edelsteinen am ähnlichsten sehen. Eine gesunde Volksempfindung bricht immer den Stab über die Assimilation. Selbst in der harten Strafe, die man über einen andersgläubigen Eindringling in Mekka verhängt, dürfen wir mit einiger Berechtigung nicht bloß den religiösen Fanatismus erblicken, sondern auch die Verurteilung des Eindringens in eine fremde Mitte, in ein fremdes Heiligtum, erreicht nicht etwa auf dem Wege einer echten und restlosen Anteilnahme an den Volksmysterien, sondern einfach durch ein streng durchgeführtes Anpassungssystem. Der Geist der Anpassung ist ein übler Geist. Bei der Lektüre der an allerlei Abenteuern überreichen Lebensbeschreibung des berühmten Orientalisten Professor Vämbery brachten mich die Energie und die Fähigkeiten jenes 13 jährigen lahmen Ungarnjungen zum Staunen, der sich seinen Weg bahnte und Dank seinem ungewöhnlichen Talent rasch fremde Formen anzunehmen und fremde Sprachen zu erlernen verstand. Mit 15 Jahren verdient er seinen Lebensunterhalt, indem er auf Stambuls Straßen als ein junger Sophia den Koran aus dem Gedächtnis rezitiert. In Persien bewegte er sich längere Zeit hindurch als Derwisch, ohne je aus der Rolle zu fallen. Gewiß: er erreichte sein Ziel, er erhielt zahlreiche Medaillen und bereicherte das British Museum um viele wertvolle Werke — dennoch: es bleibt ein unangenehmer Beigeschmack an dieser Transformationskunst haften. Diese ist die niedrigste und die billigste aller Künste. Fragt man sich, wodurch dieser unangenehme Eindruck verursacht wird, so bleibt nur die folgende Erklärung übrig: Unser ästhetisches Gefühl sträubt sich entschieden gegen einen solchen völligen Mangel an eigener Persönlichkeit, gegen eine solche „Elastizität", gegen die frivole Verfälschung der tiefempfundenen religiösen Extase eines echten Derwischs durch die tote Geste eines kunstvollen Imitators. Es gibt eine Legende von jener spartanischen Heldenjungfrau, die, aus Angst, den Vaterlandsfeinden ein Geheimnis zu verraten, sich selbst die Zunge herausschnitt. Ein Assimilant handelt auf den ersten Blick ähnlich, — er beraubt sich auch der Zunge, er weigert sich, jene Sprache zu reden, die seine nationale Existenz ausdrückt; aber während in Sparta eine monumentale Tat der Selbstverleugnung geschah, vollzieht hier der Assimilant eine verabscheuungswürdige Handlung, die einer Selbstbespeiung und einer Flucht vor der heiligen Pflichterfüllung gleichkommt. Ein Assimilant gleicht der Tabula rasa, einer leeren Tafel, auf die jeder Vorübergehende einzeichnen kann, was ihm gerade paßt. Dem fremden Einfluß setzt er nicht den geringsten Widerstand entgegen und es ist nur natürlich, daß er die fremde Kultur nicht erlebt, sondern nur imitiert. Dem jüdischen Assimilanten gegenüber fühlt sich jeder Nichtjude, mag er einem noch so kleinen Volke angehören, berechtigt, so zu verfahren, wie mit jener Tabula rasa, auf die er kritzelt, was ihm gerade beliebt. Jeder Nichtjude betrachtet es als das Natürlichste von der Welt, daß ein Jude, je nach Ort und Gelegenheit, bald ein Ungar, bald ein Rumäne ist, ja es sein muß, weil er ja selbst die Veranlassung gibt, ihn für eine Tabula rasa zu halten. Er, der jüdische Assimilant, proklamiert ja selbst seine Transformatorsendung, er selbst tilgte ja jenes nationale Mysterium in seiner Seele und tauschte dafür eine Maske ein. Eine Maske aber ist nun einmal kein Antlitz, sie läßt sich jederzeit abwerfen. Und da fällt mir eine kleine selbsterlebte Episode ein, die auf mich einen tiefen Eindruck machte und eine ausgezeichnete Illustration zu der Art und Weise liefert, in welcher wir von Anderen betrachtet werden. Es war vor etwa 8 Jahren, auf meiner Rückreise aus Palästina. Ich bekam den Einfall, in Saloniki

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