Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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214 Nr. 7 DIE3§KLT Station zu machen, um die Weiterreise bis Wien auf der Eisenbahn zu bewerkstelligen. Da wurde ich mit zwei jungen Männern bekannt, mit einem Bulgaren, der Mitglied der mazedonischen Revolutionspartei war, und mit einem ungarischen Volksschullehrer. Der eine wie der andere sprach viel von seinem Vaterland und von seinen Nationalhelden; dagegen befragten sie mich nur selten — war ich doch nur ein Jude, ein Wesen also, daß, je nach seinem Wohnort zu der oder jener Volksgemeinschaft geschlagen wird. Vor der Ankunft in Belgrad verehrte mir der Bulgare zum Andenken an unsere angenehme Reisebekanntschaft ein kleines Schild mit dem Bildnis des Nationalhelden Sarafow, welches er mir eigenhändig an meinem Rock befestigte. Es war zwar etwas komisch, doch empfand ich diese Geste noch nicht als ein Symbol; warum sollte ich auch nicht meine Brust mit dem Konterfei des heldenmütigen bulgarischen Patrioten schmücken, wenn es Petko Lowtscheff, meinem liebenswürdigen Reisegefährten, Vergnügen machte? Als symbolisch empfand ich die Geschichte erst, als auch der ungarische Volksschullehrer, Herr Kelemen Sändor, auf seine Rechte pochte und mich, bevor er in Budapest ausstieg, bat, von ihm ebenfalls ein Schild mit einem Kossuthbild anzunehmen. Und auch er ließ es sich — wie vorhin der Bulgare — nicht nehmen, mir das Schildchen selbst am Rock anzubringen. Nun blieb ich allein in dem Abteil und da wurde es mir schwer und bange zumute. Die fremden Helden genierten mich. Ein tiefer Sinn schien mir in dem zufälligen Zusammentreffen dieser Gaben verborgen zu sein. Sie erschienen mir nicht als bloße Liebenswürdigkeit, sondern als ein heimlicher Hohn über mich, den jüdischen Intelligenten, der selbst in den Augen eines Bulgaren und eines Ungarn nicht mehr ist als eine leere Tafel. Kritzelt nur immer darauf los, ihr guten Leute! Denn wo kein eigenes Gesicht, kein eigenes Geheimnis ist, dort sind Fratzen, Masken — dort ist die Assimilation. Ein Bild erstand vor mir: ein jüdischer „Intelligenter“, der in der ganzen Welt umherirrt und alle Kulturen sich aneignet — seine ganze Brust ist mit Symbolen aller fremden Kulturen „geschmückt“, mit Bildnissen aller fremden Helden. Er ist lächerlich und ist ein Bettler in seinem Reichtum, — Gassenjungen laufen hinter ihm her, haschen nach seinen Rockschößen und brüllen: Tabula rasa! Tabula rasa! Die Kunst, der Künstler verurteilen die Assimilation. Ich weiß nicht, wie sich die moderne Wissenschaft zu ihr verhält, aber dies eine ist mir klar: wenn z. B. ein Sombart scharfe Worte für die Zusammenstellung der beiden Namen Siegfried Cohn fand, so war es nicht Sombart der Nationalökonom; sondern Sombart der Künstler, der die Aufmerksamkeit des Publikums auf diese Disharmonie, auf diesen Ungeschmack lenkte. Denn Siegfried Cohn mag, allgemein gesprochen, ein prächtiger, nützlicher Mensch sein, — aber er hat nicht für einen Groschen Geschmack. Das Abstoßendste an der Assimilation ist, daß sie den persönlichen Stil zugrunderichtet und die Stillosigkeit fördert. Abgeschmacktheit, Verkrüppelung des Stiles sind ständige Begleiterscheinungen der Assimilation. Und wie charakteristisch wirkt dabei jede Kleinigkeit, wie zeigt sich zuweilen in einer solchen Kleinigkeit eine ganze Welt von Häßlichkeit! Um nur ein Beispiel zu nennen: der Weihnachtsbaum in der jüdischen Familie! Wie hat man sich an ihn gewöhnt, und doch verrät dieser Brauch eine tiefe Niederlage der Aesthetik, eine erschreckende Heuchelei! Ein jüdisches Heim, mit einer Weihnachtstanne darin, ist eine Stätte der Häßlichkeit vom Standpunkte der Aesthetik und zwar deshalb, weil das Erlebte durch ein Nachgeäfftes ersetzt wird. Da helfen keine Rembrandtreproduktionen und auch nicht die besten Böcklinbilder, noch auch die schönste Einrichtung moderner Raumkünstler. In einem solchen Heim herrscht eben die Stillosigkeit. Ich will zugeben, daß es reich ausgestattet ist, aber trotzdem straft Gott seine Bewohner mit einer ärgeren Strafe, als es die Armut wäre — mit Ungeschmack. Ist doch der Weihnachtsbaum eine Tradition von Jahrhunderten, ein Attribut des allerchristlichsten Festes. In einem Haus, in dem ein Baum aufgestellt ist, muß man direkt aus der Kirche kommen und die ganze Familie soll darin Kirchenlieder singen. In dieser Einrichtung will der ganze Zusammenhang mit der Vergangenheit gefühlt sein. Der jüdische Assimilant aber hat keine solche Vergangenheit, er hat lediglich das Aeußere davon übernommen, hat den Baum aufgestellt, hat ihn mit Zuckerwerk behängt — aber er beraubte ihn seiner Seele, seines Aroma. Die Assimilation ist die Kunst der Lüge und der Heuchelei. Sie macht einen lächerlichen Eindruck durch ihre Stillosigkeit, durch ihre selbstzufriedene Abgeschmacktheit — aber sie ist auch voller Tragik, denn es ist wohl möglich, eine Maske durch Stunden, Tage, Monate zu tragen, aber nicht durch ein ganzes Leben. Das ist schon eine T r a g ö d i e und deshalb begegnen wir oft nicht nur den Hanswursten der Assimilation, sondern auch ihren tragischen Opfern. Die Assimilation kennt nicht nur Falstaffs, sondern auch Werthers. Wenn ich sage, daß die Assimilation unschön, unästhetisch ist, so könnte ich sie mit ebensoviel Recht auch unsittlich nennen, denn auf ihrem Grunde sind Lüge und Heuchelei. Aber es dürfte sich empfehlen, in unserer unmoralischen Zeit die Aesthetik als ein Argument zu benutzen. Ein Parvenü hat immer Angst, auf einer Unkenntnis der Manieren ertappt zu werden oder sich einer Geschmacklosigkeit überführt zu sehen. Nichts berührt ihn peinlicher als die Bemerkung: „Das ist häßlich“. Die Assimilation ist noch lange nicht überwunden, aber sie ist ideell bereits verurteilt und unsere Zeit ist trotz alledem und alledem doch die Zeit des Triumphes des Schönen über das Häßliche. Wir brauchen unsere Blicke nur dem Erstarken des nationalen Ideals und dem Bankerott der Assimilation zuzuwenden, um dies zu begreifen. Schluß des redaktionellen Teiles SnoitwEj SsfSi .GOLD" DIE NEUE SCHOKOLADE