Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 205 die^elt los. Die jüdischen Mädchen zeichnen sich durch ihre Anmut, Keuschheit und Reinlichkeit aus. In Tripolis gibt es 26 Synagogen, darunter einige große, die sich stets eines starken Besuches erfreuen. Das Unterrichtswesen — besonders das hebräische — ist recht gut Das Talmud-„Lemen“ ist ebenso verbreitet wie in den osteuropäischen Zentren. Die Talmud-Thora hat eine stattliche Anzahl von Schülern; in den höheren Abteilungen wird viel Talmud und die rabbinische Literatur unterrichtet. Außerdem gibt es eine Menge von Jeschiboth, wo die Tüchtigeren ihre Talmudstudien fortsetzen und wo man auch viele Familienhäupter finden kann, die sich in ihren freien Stunden dem Talmudstudium widmen. Bezüglich der allgemeinen Bildung ist zu bemerken, daß fast die Hälfte der Juden italienisch spricht und fast alle die italienische Sprache verstehen. 80 Prozent der Schüler der italienischen Schulen sind Juden. Die italienischen Schulen (zwei Knaben- und eine Mädchenschule) wurden noch vor der Besitzergreifung durch Italien von einem italienischen Juden, Prof. Gianetto Paggi, begründet und werden von ihm geleitet. Da die Juden die überwiegende Mehrheit der Besucher stellen, wird in diesen Regierungsschulen auch hebräischer Unterricht erteilt und Samstag sind sie geschlossen, so daß auch die christlichen Schü 1 erden Samstag feiern. Viele jüdische Schüler dieser italienischen Schulen besuchen in den freien Stunden die Talmud-Thora. Auch die Schule „Pietro Verri", die den Namen eines auf dem Schlachtfelde gefallenen Offiziers trägt, ist fast ausschließlich von Juden besucht. Wie man sieht, läßt die Erziehung der eingeborenen Knaben wenig zu wünschen übrig. Dagegen ist die Erziehung der Mädchen vernachlässigt. Es gibt in Tripolis noch ein rabbinisches Tribunal, das aus dem Rabbiner, drei Day an im und einem „Sopher Hadayanim“ besteht. Die Urteilssprüche werden vom italienischen Tribunal kontrolliert. Nun klagte das italienische Tribunal über die primitive Form dieser Urteilssprüche, besonders über das Weglassen der Motive und des Hinweises auf die Quellen der Gesetze. Deshalb wollte man anfangs auch das jüdische Tribunal abschaffen. Aber in einem Gespräch mit Herrn Dr. Margulies erklärte Baron v. Menzinger, der Präsident des Appellationshofes, und ebenso der Gouverneur, das jüdische Tribunal aufrechterhalten zu wollen, wenn ein Rabbiner mit moderner Bildung, der imstande wäre, den Urteilsgründen eine moderne Form zu geben, an seine Spitze käme. Was den künftigen Rabbiner von Tripolis betrifft, so hat Herr Dr. M a r g u 1 i e s nach genauer Prüfung der Lage drei italienische Rabbiner vorgeschlagen, deren Namen vorläufig geheim bleiben sollen. Der italienische Gemeindebund wird dann im Einvernehmen mit der Gemeinde von Tripolis den Kandidaten, der sich zuerst für eine Probezeit nach Tripolis begeben muß, wählen. Es wird sich dabei nicht nur tun einen Oberrabbiner von Tripolis handeln, sondern um ein Oberrabbinat für ganz Lybien (Tripolis und Cy renaica). Bezüglich der Beziehungen der italienischen Behörden zu den Juden erklärte uns Herr Dr. Margulies, daß man nicht von Zurücksetzungen oder gar Feindseligkeiten sprechen kann — wie es mancher schwarzsehende Zeitungsschreiber getan hat. Im Gegenteil! In seinen öfteren Gesprächen und Verhandlungen mit den verschiedenen Lokalbehörden — mit General Ragni, General Ciancio, Baron Menzinger, Gommendatore Caruso usw. — konnte Herr Dr. Margulies konstatieren, daß die Juden in sehr zuvorkommender Weise von den italienischen Behörden behandelt und ihre Wünsche immer berücksichtigt werden. Auf Empfehlung des Herrn Dr. Margulies hat die Direktion des Krankenhauses in Tripolis sofort eine besondere Abteilung für jüdische Kranke mit streng ritueller Küche einrichten lassen. Dies sind in großen Zügen die Tatsachen, die mir Herr Dr. Margulies — der so liebenswürdig war, mir dieses Interview zu gewähren —, mitteilte. Ich hätte gerne voch vieles über die Juden der Cyrenaica erfahren, aber die Stunde drängte, und ich wollte den ehrwürdigen Mann, der so vieles für das Wohl des Judentums leistet, nicht länger aufhalten. PALÄSTINA-RUNDSCHAU USD (Von unserem Berichterstatter.) Mfinzkrisis in Jerusalem Ganz unerwartet ist in Jerusalem eine neue, eigenartige Krisis ausgebrochen, die recht bedenkliche Formen angenommen hat. Der M e t a 11 i k, eine kleine Münze, die bisher etwa 41/2 Pfennig wert war, ist mit einem Male nahezu völlig entwertet worden. Um zu verstehen, was eigentlich in Jerusalem vorgegangen ist, muß man sich das sehr komplizierte türkische Münzwesen vergegenwärtigen. Papiergeld hat die Türkei nicht. An türkischen Münzen kursieren in Palästina das türkische Pfund (Ltq.) 18,44 M. (Gold), der Medschidi (Silber) 3,40 M., der Bischlik 43 Pf. und der Met all ik 41/2 Pf. (Kupfer). Der Kurs des türkischen Geldes ist im Lande selbst nicht stabil, sondern unterliegt oft gewissen Schwankungen, die aber in normalen Zeitläuften unerheblich sind und keine Störung des Geldverkehrs bewirken können. Der Kurs ist auch nicht in jeder Stadt der gleiche, ja auch in ein und derselben Stadt unterscheiden sich die Behörden, Postämter, Banken, Eisenbahnverwaltungen usw. in der Bewertung der türkischen Münzen. Während sich nun sonst im Lande der Geldverkehr hauptsächlich mit ausländischen Münzen oder mit türkischen Pfund, Medschidi oder Bischlik abwickelt, war es von je eine Eigentümlichkeit des Jerusalemer Geldmarktes, daß dort der Metall ik vorherrschend war. Der Bischlik z. B., der in Jaffa dominiert, wird in Jerusalem um 5 o/o niedriger bewertet und kursiert dort infolgedessen sehr wenig. Es war in Jerusalem immer eine häufige Erscheinung, daß selbst Zahlungen, die sich auf hunderte Francs beliefen, sowohl in den Banken wie in größeren Geschäftshäusern mit Metalliks bewirkt wurden. Der Metallik war insbesondere die Münze des kleinen Mannes von Jerusalem oder von Hebron (das im Geldverkehr von Jerusalem beeinflußt wird), ebenso des Fellachen der Umgebung, kurzum all jener Leute, deren Barschaft sich höchstens auf einige hundert Francs beläuft. Dieser eigentümliche Zustand ist jetzt für Jerusalem zum Verhängnis geworden. Nach der Eroberung der mazedonischen Provinzen durch den Balkanbund strömten ungeheure Mengen von Metalliks, die von den Eroberern außer Kurs gesetzt wurden, zu Spottpreisen nach Konstantinopel. Ein dortiges Bankhaus, das die Metalliks aufkaufte und dem bekannt war, daß in Jerusalem der Metallik die verbreitetste Scheidemünze ist, suchte nun durch Vermittlung einer Jerusalemer (nichtjüdischen) Bank die für einen hohen Betrag aufgekauften Metalliks in Jerusalem in Umlauf zu setzen. Ke Folge war, daß der Markt mit Metalliks geradezu überschwemmt wurde und viele Kauf-