Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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204 LT Nr. 7 jüdische Bevölkerung von Paris für 1905 auf 70 000 Einwohner; diese Zahl muß sich seither wesentlich vermehrt haben. Im ganzen Lande, einschließlich Algerien, wo die Juden 1870 naturalisiert wurden, wird es etwa 300 000 Juden geben, lieber die Verwendung der Juden im französischen Staatsdienst macht Tavernier folgende Angaben: Armee: Während der letzten acht Jahre sind drei Juden zu Divisions- und fünf zu Brigadegeneralen ernannt worden, 14 zu Obersten, 21 zu Oberstleutnants, 68 zu Majors, 107 zu Hauptleuten und Rittmeistern, 36 zu Militärärzten, 20 zu Intendanturoffizieren. Flotte: Unter den eigentlichen Seeoffizieren sind die Juden zwar selten, allein es finden sich manche in Werftstellungen und sonstigen Verwaltungsämtern der Marine, insbesondere in den Pulverfabriken. Richterstand: Auf den verschiedenen Stufen werden hier 110 gezählt. Staatsrat: Bei dieser Körperschaft, die neben ihren Obliegenheiten als beratendes Organ der Zentralverwaltung die oberste Verwaltungsgerichtsbarkeit wahrnimmt, befinden sich unter 120 höheren Beamten 20 Juden. Präfekturen: Es läßt sich über die Zahl der jüdischen Präfekten und Unterpräfekten nichts Genaues feststellen, dagegen sind von den Oberbeamten, die den preußischen Regierungsräten entsprechen, nach den Angaben der jüdischen Blätter 25 Juden. Ministerien: ln den höheren Stellen der verschiedenen Ministerien, wie als Vorsteher der Privatkanzleien usw., werden 50 Juden gezählt. Unterricht: Unter den Professoren der Universitäten und höheren Lehranstalten, deren Ernennung der Regierung zusteht, befinden sich 202 Juden. Zwei Juden bekleiden die hohe Stellung eines Generalinspektors des öffentlichen Unterrichts, vier sind Inspektoren für die sämtlichen Elementarschulen je eines Departements. Bergwerk s v e r w a 11 u n g und Vermessungs - Wesen: Unter den vom Staate ernannten Oberingenieuren befinden sich über 30 Juden. Auch in der Zentralverwaltung der Polizei bekleiden Juden wichtige Aemter. Während des letzten Jahrzehnts ist die Zahl der Juden, die in die Ehrenstellung eines Rates für den auswärtigen Handel eingerückt sind, sehr gestiegen. Außer zehn jüdischen Gelehrten, denen sich die Pforten des Instituts geöffnet haben, sitzen sechs Juden in der Kammer und vier im Senat. Während der letzten 60 Jahre sind sechs Juden Minister gewesen, nämlich Cremieux 1848 und 1870, Goudchau 1848, unter dem zweiten Kaiserreich Achille F o u 1 d, die beiden letztgenannten als Finanzminister, unter der dritten Republik M i 1 - 1 a u d (öffentliche Arbeiten), R a y n a 1 (öffentliche Arbeiten, später Inneres) und Klotz, der als Finanzminister dem gegenwärtigen Kabinett angehört. In ganz bedeutender Zahl sind die Juden auch in der Presse vertreten. Die Juden in Tripolis (Studienreise des Herrn Rabbiner Dr. Margulies) Von Rodolfo Lupu, Florenz Eine der Hauptfragen, die heute das offizielle italienische Judentum beschäftigen, ist — wie unsere Leser aus der „Welt“ vom 3. Januar er. sehen konnten — die Besetzung des Oberrabbi na ts der neuen italienischen Kolonien mit einer Persönlichkeit, die imstande wäre, die eingeborenen Juden zu leiten und ihre Interessen gegenüber der italienischen Regierung zu vertreten. Das neue Oberhaupt der Juden von Lybien müßte ein italienischer Rabbiner sein, da leider unter den jetzigen Verhältnissen keiner der eingeborenen Rabbiner dieser Aufgabe gewachsen ist. Sofort nach dem Friedensschluß zwischen der Türkei und Italien hatte sich auch die Konsulta mit dem italienischen Gemeindebund und Herrn Oberrabbiner Prof. Dr. S. H. Margulies, Rektor des italienischen Rabbinerseminars, sowie mit den Rabbinern von Rom und Livorno in Verbindung gesetzt, um ihre diesbezüglichen Vorschläge zu vernehmen. Es wurden lange Verhandlungen geführt, die aber zunächst kein Resultat hatten. Besonders Herr Rabbiner Dr. Margulies wies mit Recht darauf hin, daß er die Verhältnisse der Juden in Tripolis studieren müsse, bevor er die geeignete Persönlichkeit vorschlagen könne. Es sei schon lange sein Wunsch gewesen, die Lage der ly bischen Juden kennen zu lernen, und er werde sich nächstens nach Tripolis einschiffen. Dieser Vorschlag fand sofort die Anerkennung des Ministerpräsidenten G i o 1 i 11 i, der Herrn Dr. Margulies Empfehlungsbriefe an die Behörden mitgab und ihnen empfahl, die Mission des Herrn Dr. Margulies zu unterstützen. Auch der Gemeindebund entsandte später seinen Schriftleiter Anselmo Colombo, dem die Aufgabe zufiel, die Administration der jüdischen Gemeinden zu studieren und ihren Anschluß an den Gemeindebund zu veranlassen. Herr Dr. Margulies ist sowohl von unseren Glaubensgenossen als auch von den italienischen Behörden überall aufs wärmste empfangen worden, und er konnte während seines dreiwöchigen Aufenthaltes die Lage unserer dortigen Brüder in jeder Hinsicht genau studieren. Dieser Tage ist er von seiner Forschungsreise zurückgekehrt, und ich habe das Vergnügen gehabt, aus seinem Munde eine enthusiastische Schilderung des Lebens und Treibens der zahlreichen jüdischen Bevölkerung in den neuen italienischen Kolonien zu hören. Eine genaue Statistik der Juden in Tripolis — sagte Herr Dr. Margulies — gibt es leider nicht. In den beiden neuen Kolonien dürfte es 20—25 000 Juden geben, von denen zirka 15 000 auf die Stadt Tripolis entfallen. Außer diesen Eingeborenen gibt es auch eine stattliche Zahl von italienischen Juden, die in der letzten Zeit — nach der Okkupation — eingewandert sind. In Bengasi wird es etwa 5000 Juden geben und außerdem zirka 1000 zerstreut im Inneren, besonders in den Dörfern. Die inländischen Juden halten fast alle an unserer Tradition fest, und man kann ohne Uebertreibung sagen, daß 95 Prozent der jüdischen Bevölkerung streng orthodox ist. Besonders der Sabbat wird von allen nach jüdischer Sitte gefeiert. Wenn man am Samstag in der Hara (im Juden viertel) spaziert, glaubt man wirklich, in einem jüdischen Lande zu sein. Alle Geschäfte — mit Ausnahme von zwei oder drei — sind geschlossen, und da der Handel von Tripolis in jüdischen Händen ist, so stockt der ganze Verkehr, und auch Christen und Araber müssen „mitruhen“. Alles hat „Schab bos-Kleider" an, und in diesen feinen seidenen Kleidern sind die eifrigen Händler gar nicht mehr zu erkennen. Selbst der einzige jüdische Briefträger, den es in Tripolis gibt — der überdies ein Talmudgelehrter ist —, ruht am Samstag; seine Briefe trägt er am Ausgang des Sabbats aus. Die Juden in Tripolis zeichnen sich vor ihren arabischen Nachbarn durch ihre Sauberkeit aus. Die engen und kurzen Gassen des Juden Viertels sind — besonders am Sabbat — im Gegensatz zum arabischen Viertel von einer sprichwörtlichen Reinlichkeit. Ein wirkliches Proletariat gibt es unter der jüdischen Bevölkerung nicht. Schnorrer sind in Tripolis schwer zu finden: alles arbeitet und verdient ehrlich sein Brot. Das Betteln wird von ihnen als eine Schande betrachtet. Außer mit dem Handel beschäftigen sich die tripolitanischen Juden auch mit dem Handwerk: Die Schuster, Schneider, Glaser, Schlosser und Uhrmacher in Tripolis sind fast durchweg Juden. Die Sittlichkeit läßt nichts zu wünschen übrig. Die Nachrichten in einigen Zeitungen über die Unsittlichkeit, die seit der Okkupation überhand genommen haben soll, sind nach dem Bericht Dr. Margulies’ vollkommen grund-