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Die Welt · 1913-02-14 · 7 (14.2.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
7 (14.2.1913)
Date
1913-02-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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200 Nr. 7 Ziehung, des Strebens und Wollens. Wir haben auch noch keinen rechten Ueberblick über diese Jugend, wir kennen nicht alle die Kräfte, die heute erst im Reifen sind. Doch ist es unsere Pflicht, unsere Jugend aufzusuchen, sie zu lenken und zu beeinflussen, um die Männer von morgen zu erziehen, die unsere Schlachten schlagen, unsere Siege feiern werden .... Es ist eine vielbewährte Erfahrung, daß ringende Völker vor allem von jener Gruppe geführt werden, die man „Akademiker“ nennt. Nicht als ob die Angehörigen kaufmännischer oder sonstiger Berufszweige an sich weniger geeignet wären, Führer des Volkes zu sein — das wäre ein kindlicher Irrtum. Aber der Akademiker, der junge Mensch, der zu Studienzwecken das Elternhaus verläßt und im Getriebe des Universitätslebens — oft in verschiedenen Städten — vielerlei Eindrücke aufnimmt, kann sich ungehemmt nach rechts und links entscheiden, kann das Chaos in sich erneuern, aus dem sich, wie Nietzsche sagt, der tanzende Stern gebären soll. Die Freiheit und Ungebundenheit des akademischen Lebens regt tausend Kräfte in der Seele des jungen Menschen an, hebt ihn über die Grenzen des nur-beruflichen, von materiellen Rücksichten beschränkten Daseins hinaus, lehrt ihn, Ideen zu erfassen, nach Zielen der Allgemeinheit zu streben. So sehen wir, daß auch im zionistischen Kampf Akademiker sich vielfach an hervorragender Stelle befinden und daß nur dort eine festgefügte zionistische Organisation besteht, wo es eine zionistische Studentenschaft gibt. Glücklicherweise haben wir neuerdings auch kaufmännisch-zionistische Jugendvereine, wie die Herzlklubs in Deutschland, doch ist ihre Zahl naturgemäß viel geringer als die der akademischen Korporationen. Auf dem Menschenmaterial, das diese liefern, beruht im wesentlichen unsere Propaganda und die theoretische Fundierung unserer Bewegung, ln Oesterreich, Deutschland und Holland gibt es eine größere Anzahl organisierter zionistischer Akademiker. In anderen Ländern fehlt diese Basis noch, und deshalb mangelt es dort an Führern, an Offizieren und Unteroffizieren, die die Bewegung vorwärts treiben. Anfänge zur Besserung sind glücklicherweise auch dort neuerdings vorhanden. In Rußland liegen Schwierigkeiten besonderer Art vor, die einen klaren Ueberblick über die Verhältnisse hindern. Es läßt sich nicht ermessen, was in Rußland an zionistischen Kräften frei würde, wenn die äußeren Hemmnisse fortfielen. Jedenfalls haben wir gerade in Rußland mit der Tatsache zu rechnen, daß ein sehr starker Prozentsatz der akademischen Jugend der Assimilation zuneigt. Diese Tendenz zur Assimilation ist in Rußland keineswegs geringer als in den westlichen Ländern, ja, sie würde sich vielleicht, wie zur Zeit der revolutionären Hochflut, erheblich verstärken, wenn der Druck, der auf den Juden liegt, nachließe. Freilich — die Masse assimiliert sich nicht so rasch. Aber die Oberschicht, insbesondere die Intelligenz, die Akademiker, unterliegen der Assimilation in starkem Maße. Nirgends ist der Drang zu dogmatischer Rechtfertigung der Assimilation, zur Losreißung vom Judentum stärker, als in gewissen russischjüdischen Studentenvereinen, die wir auf deutschem Boden beobachten können. Die Masse des Volkes aber richtet sich, wenn auch nur langsam, so schließlich doch nach der Intelligenz, und alles Pochen auf die „Jüdischkeit“ unserer Massen im Osten wird den Prozeß der Auflösung nicht hemmen, wenn nicht geistige Kräfte ihm entgegenwirken. Nur der von modernen Menschen vertretene Zionismus als moderne Idee, nur die gedankliche Vertiefung in das Wesen des Nationaljudentums kann unsere Bewegung erhalten. Deshalb brauchen wir überall, im Osten wie im Westen, die Jugend, vor allem die akademische Jugend, die dem Volke als Vorbild der geistigen Entwicklung gilt. In Oesterreich und Deutschland — dies können wir beruhigt sagen — haben wir eine Jugend. In Oesterreich leben Tausende von jüdischen Akademikern, die durch die Schule jüdisch-nationaler Vereine und Verbindungen gegangen sind. Diese Jugend gilt es freilich in höherem Maße zu aktivieren, als dies bisher der Fall war. Es ist kein Zweifel, daß hier Kräfte brach liegen, weil sie nicht durch geeignete organisatorische Maßnahmen fruchtbar gemacht wurden, und weil die zionistische Erziehung innerhalb der zahlreichen studentischen Vereinigungen keine genügend tiefgehende ist. In Deutschland, wo die akademisch-zionistische Bewegung jüngeren Datums ist, hat sie bereits einen großen Umfang angenommen und zeigt eine Intensität zionistischer Gesinnung, die zu Hoffnungen berechtigt. In Deutschland, Oesterreich und auch in Holland wächst jetzt eine neue zionistische Generation heran. Sich dieser anzunehmen, sie zu entwickeln und für die Parteiarbeit zu gewinnen, ist eine Aufgabe von entscheidender Bedeutung. Manches ist in dieser Richtung geschehen, vieles bleibt noch zu tun übrig. Dieser junge Nachwuchs ist von anderer Art als die ältere Generation, die heute unsere Bewegung repräsentiert. Diese Jugend fand bereits eine Organisation mit ihren Institutionen vor. Sie betrachtet den Werdegang des Zionismus bereits unter historischen Gesichtspunkten. Sie ist objektiver als die ältere Generation, weil sie von den persönlichen Zusammenhängen, die die älteren Zionisten verbinden, ganz frei ist. Sie hat die schönste, die begeisternde Zeit des ersten Aufschwungs der Bewegung nicht miterlebt, aber sie ist programmatisch reifer, weil sie sich mit Bewußtsein dem Zionismus anschloß, als er bereits die Epoche der tastenden Versuche überwunden hatte und zu einer parteimäßig gefestigten, planvoll arbeitenden Organisation geworden war. Von dieser Jugend hängt unsere Zukunft ab. Daher sollte man in allen Ländern der Bildung von studentischen und anderen Jugendvereinen größte Aufmerksamkeit widmen. Wir glauben zu sehen, daß sich in denjenigen Ländern, wo die Jugendorganisation schon gewisse Resultate erzielt hat, neue Kräfte regen, neue Menschen emporwachsen. Diese junge zionistische Generation ist gut; man wird von ihr hören. R. L.

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