Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 7 (14.2.1913)
- Date
- 1913-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE WELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ----- ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRQ. BERLIN, 14. Februar 1913 Y'onn 'X "HX ,->'>12 Nr. 7. I INHALT: 5 FEUILLETON: i R. L.: Der Nachwuchs — WELTCHRONIK — R. LUPU: Diea Juden in Tripolis — PALÄSTINA- : RUNDSCHAU — Von den Juden des Jemen — REVUE DER PRESSE — AUS DER BEWEGUNG — 5 S. GORE LIK: Assimilation und Aesthetik — Geschäftliches — Mitteil, des Hauptbureans des J. N.-F. DER NACHWUCHS Am stärksten und sichtbarsten zeigt sich die Wirkung der zionistischen Bewegung in der Umwandlung der Denkweise der Judenheit. Unsere greifbaren Leistungen — unsere Organisation, unsere Presse, unsere Banken, unsere kolonisatorischen Arbeiten — bedeuten durchweg Anfänge, hoffnungsvolle Anfänge, aber noch nicht Erfüllungen, sofern wir die Leistungen an unseren weiteren Zielen messen. Mehr als ein Anfang aber ist der tiefgehende Umwandlungsprozeß, den der Zionismus im Denken der Juden unserer Zeit bewirkt hat. Das ist schon mehr eine Revolution, eine radikale Umkehr und ein Bahnen neuer Wege. Die moderne Literatur ist, fast schon bis zum Uebermaß, mit der Erörterung der Judenfrage beladen. Das geistige Leben aller großen jüdischen Organisationen besteht überhaupt nur von des Zionismus Gnaden. Gewiß: Die Alliance Israelite Universelle, die Logen, der Hilfsverein, sind nicht zionistisch, — aber ist die Tatsache, daß der Zionismus lebt und wirkt, nicht der stärkste Antrieb für diese Vereine, ebenfalls zu wirken und zu schaffen? Das soll nicht heißen, daß jene Organisationen arbeiten müßten, um die Konkurrenz der zionistischen Organisation ertragen zu können, sondern in der Existenz des Zionismus liegt ein heimlicher Schaffensantrieb für die ältere Generation, die an der Spitze der nichtzionistischen jüdischen Verbände steht. Was würde von der Arbeit dieser älteren Generation bleiben, was könnte sie für die jüdische Zukunft erwarten, wenn nicht der Zionismus wäre? Man wehrt sich gegen ihn, man bekämpft ihn — und ist doch heimlich froh, daß eine so starke jüdische Bewegung vorhanden ist, daß mit dem Zionismus soviel neues jüdisches Leben aufblühte. Natürlich gilt das nur für die im jüdischen Sinne Besseren innerhalb jener Organisationen. Die zielbewußten Assimilanten und die zahlreichen jüdischen Wirrköpfe, die selber nicht genau wissen, ob sie eigentlich den Untergang oder die Erhaltung des Judentums wünschen, sind heftige Gegner des Zionismus. Aber wo noch ein Rest von echtem, starkem Empfinden in jüdischen Herzen lebt, da bemerken wir auch eine heimliche Sympathie für die Zionisten, und weil der Zionismus die stärkste, die radikalste Bewegung im modernen Judentum darstellt, deshalb wird alles überhaupt noch vorhandene jüdische Bewußtsein mehr und mehr vom Zionismus beeinflußt, zu ihm hingelenkt, in ihn hineingeleitet. Doch ist diese Entwicklung, auf die wir für die Zukunft die größten Hoffnungen setzen, von einer Voraussetzung abhängig: Daß der Zionismus jung bleibt. Als Politiker, Organisatoren und Kolonisatoren sind wir noch schwach — stark sind wir als geistige Macht. Wenn diese geistige Macht zerbricht, so zersplittert auch das Werk, das wir mühsam begonnen, in nichts, und das Empfinden unseres Volkes wird aus der Bahn gelenkt, die wir ihm heute weisen. Worin besteht aber diese geistige Macht? Nicht nur in der Geschlossenheit unserer Anschauung, in der Logik unserer Forderungen, sondern in dem j u - gendlichen Wollen, das uns charakterisiert und innerhalb des greisenhaft gewordenen Judentums etwas völlig neues bedeutet. Deshalb ist die Frage unserer Zukunft die Frage unserer Jugend. Wären wir so reich wie die Ica, so alt wie die Alliance, und hätten die Jugend nicht, so wiche der Zauber von uns, der uns heute viele alte gute jüdische Herzen gewinnt, so würde uns die Zukunft unseres Volkes grau und trübselig erscheinen, so müßten wir an unserer Sache verzweifeln. Wir haben die Jugend — doch nicht die ganze, und die wir haben, ist innerlich nicht genügend geeinigt, nicht überall organisiert und für den zionistischen Kampf er- Gar oft drängt sich den älteren Führern der Bewegung die Frage auf, ob denn ein Nachwuchs vorhanden sei, der unsere Sache weiterführen wird. Die Antwort auf diese Frage ist nicht leicht. Zerrissen und zerstreut, wie das jüdische Volk nun einmal ist, gibt es auch für seine Jugend keine Einheitlichkeit der Er-