Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 6 183 DIE [ELT FEUILLETON Ein hebräisches Volksliederbuch Von A. Z. Idelsohn, Jerusalem. Das Volkslied ist das beliebteste geistige Gut eines jeden Volkes. An ihm ergötzt sich das Volk in guten Zeiten und tröstet sich im Unglück. Im Volkslied spiegelt sich die ganze seelische Eigenart eines Volkes ab, und jedes Volk, das seine eigene Geschichte hat, weist auch einen Schatz von charakteristischen Volksliedern auf. In neuerer Zeit hat man den hohen Wert des Volksliedes für die Erkenntnis der Volksseele und für die Stärkung des nationalen Bewußtseins erkannt. Die Texte und Weisen der im Volksmunde lebenden Lieder wurden sorgfältig gesammelt und geordnet, und so entstanden Volksliederbücher bei fast allen Kulturvölkern. Besonders fleißig ist das deutsche Volkslied gepflegt worden, wie die unzähligen Sammlungen und Ausgaben der deutschen Liederbücher zur Genüge beweisen. Das jüdische Volk hat den hohen Wert dieses nationalen Gutes zuerst erkannt und verwertet, indem es sich ein in der Weltliteratur einzig dastehendes, unvergleichliches Volksliederbuch schuf: den Psalter! Ein Liederbuch, woraus das Volk Jahrtausende hindurch, in leid- und freudvollen Tagen, Trost und Erhebung schöpfte. Aber mit dem Buche der Psalmen allein begnügte sich das Volk nicht, denn neue äußere Ereignisse und seelische Erlebnisse veranlaßten stets neue Volksdichtungen, und so entstanden die volkstümlichen Schöpfungen der synagogalen Poesie, die häuslichen Gesänge für Sabbat, die Festtage und sonstige festliche Gelegenheiten, die unter dem Namen „Semiroth“ allgemein bekannt sind. Hauptsächlich aber blühte das Volkslied bei den orientalischen Juden, und es ist bemerkenswert, daß es kaum einen Juden im Orient gibt, der nicht eine Anzahl Volkslieder auswendig singen könnte. Im Orient wurde das hebräische Volkslied liebevoll gepflegt, und die orientalischen Juden waren hierin für die okzidentalen Stammesgenossen tonangebend, denn die beliebtesten Semiroth der europäischen Juden sind orientalischen Ursprunges. Hier im Orient, und speziell in Syrien, wurden, von altersher besondere Sammlungen beliebter Gedichte und Melodien veranstaltet, und die Juden dieses Landstriches entwickelten eine sehr reiche poetische Produktion, die bis auf den heutigen Tag nicht versiegt ist. So lebt noch gegenwärtig ein erblindeter Dichter in Aleppo, der hebräisch im Volkston dichtet und gleichzeitig komponiert und ungemein produktiv ist. In dem jüngst erschienenen Liederbuche der syrischen Juden sind mehr als hundert Lieder von diesem Dichter enthalten, welche von allen syrischen Juden mit Vorliebe gesungen werden. Zu einer solchen Popularität hat es noch kein neuhebräischer Dichter in Osteuropa gebracht. Wenn nun diese Volkslieder in ihrem poetischen Werte weit hinter den Psalmen zurückstehen, sind sie doch vom Geiste der Psalmen und ihren religiösen, sittlichen und nationalen Leitmotiven erfüllt und stellen somit eine weitere Entwicklungsphase echtjüdischer Volkspoesie dar, die sich namentlich in formaler Hinsicht durch die Verwendung des Reims charakteristisch von der althebräischen Poesie unterscheidet. Bezeichnend ist, daß die arabische Metrik in der Volkspoesie der orientalischen Juden im Gegensatz zu den Schöpfungen der spanischen Dichterschule nicht streng durchgeführt ist. Der Psalter ist zu einem Volksliederbuch des ganzen Volkes geworden. Von den später entstandenen Liedersammlungen jedoch läßt sich dies, abgesehen von vereinzelten Liedern, die eine Verbreitung im ganzen Volke gefunden haben, nicht sagen. Hingegen entstanden in den verschiedenen Ländern unter dem Einflüsse lokaler nichtjüdischer Volkspoesie Volksdichtungen von landschaftlichem Charakter, welche die Grenzen ihres Entstehungsgebietes fast niemals überschritten haben. So entstanden Liederbücher der türkischen Sephardim1), der syrischen Sephardim2), der arabisch sprechenden syrischen Juden3), der babylonischen Juden4), der Juden in Indien5), der Jemeniten6) und der marokkanischen Juden7). All diese Liedersammlungen enthalten nur eine verschwindend kleine Anzahl von Poesien der spanischen Dichter. Gewöhnlich ist Jehüdah Halevi mit zwei bis drei, Abraham Ihn Esra mit einem und Salomo ben Gabriol ebenfalls mit einem Gedichte vertreten, während I s - raelNagara aus Damaskus8) den Kern aller Liedersammlungen (mit Ausnahme jener der Jemeniten) bildet. Die Ursache, weshalb die spanische Schule in diesen Sammlungen eine so geringe Berücksichtigung findet, liegt darin, daß sie zu wenig jüdisch-volkstümlich war, denn der arabische Einfluß wirkte auf ihre Poesie zu sehr ein und entfremdete sie dem jüdischen Volkston. Ebenso kann (mit geringen Ausnahmen) die neuhebräische Dichtkunst in Osteuropa keineswegs auf Volkstümlichkeit Anspruch erheben — weder inhaltlich, denn sie enthält Motive, die dem jüdischen Volkscharakter fremd und zum Teil sogar verächtlich sind, noch in formeller Hinsicht, denn sie bedient sich der Metrik europäischer Sprachen, was dem orientalischen Charakter der hebräischen Sprache durchaus widerstrebt. Auch Bialik ist in seinen meisten Gedichten nicht volkstümlich, und gerade seine „Volkslieder“ sind die schwächsten Erzeugnisse seiner Muse9). Die Ursache ist genau die gleiche wie bei der spanischen Dichterschule. Unsere modernen Dichter sind eben von der deutschen, russischen und französischen Poesie stark beeinflußt. Ihre Dichtungen sind Erzeugnisse der Kunstpoesie; viele von ihnen machen sogar den Eindruck, als seien sie Uebersetzungen aus dem Deutschen, Russischen usw. — In Europa hat die hebräische Poesie seit dem Chanukahliede „Maos Zur“ (aus dem 15. Jahrhundert) aufgehört, Volkslieder zu produzieren, und die europäischen Juden mußten sich solche aus dem Orient holen. So sind die Lieder im Volkston von Isak L u r i a und Salomo *) Nöthen Semiroth, Saloniki 1S79. — -) Jizchak jerannen, Jerusalem 1855; Jage! Jakob, Jerusalem 1885; Jismach Israel, ebenda 1875. — 3) Schirah Chadascha, Jerusalem 1888; Schir u’schebacha Jerusalem 1906. — 4) Sepher Haschirim, Bagdad 1906. — 5) Sepher Hapismonim, Kalkutta 1843, 2. vermehrte Aufl. 1856, 3. Aufl. Bombay 1887. 6) Chuppath Chathanim. Aden 1899; Schiroth, Jerusalem. — 7) Zilzelei Schama, Alexandrien 1891. Abgesehen von diesen gedruckten Sammlungen (die sich in meinem Besitze befinden) kursieren noch eine Unmenge handschriftlicher Lieder, wovon ich ca. 1000 Stück besitze. 8) Lebte ca. 1570—1610. Seine Liedersammlung ließ er zuerst in Safed 1587 drucken, dann vollständiger in Venedig 1599—1605 in vier Teilen, wovon die Teile I—III in 2. Aufl. in Belgrad 1839 erschienen. Ein handschriftlich verbreitete Sammlung edierte Friedländer, Wien 1858. 9) Eine Ausnahme bildet das herrliche nationale Lied „Birkath Am".