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Die Welt · 1913-02-07 · 6 (7.2.1913) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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176 Nr 6 DIE^ELT Pioniere der Arbeit (Die Arbeitergenossenscliaft in Dagania) Von Jehoschua Feldmann, Jaffa Man wird es draußen nicht gleich verstehen. Gibt es doch selbst im Lande noch viele, die sich über das Problem der jüdischen Arbeit noch nicht klar geworden sind. Spricht man nämlich hüben oder drüben von jüdischen Landarbeitern in Palästina, so regt sich zunächst ein Gefühl des Mitleids: Ach Gott, die armen Leute haben nebbich den Arbeitsgroschen nötig. Bei den Tieferbiickenden ist es dann das nationalpolitische Moment, das wachgerufen wird. Man erinnert sich, daß überall der Arbeiter das Rückgrat der Bevölkerung bildet. Will nun die jüdische Kolonisation zu einem achtungswerten Faktor im Lande werden, so kann sie des jüdischen Arbeiters nicht entraten. Von diesem Gesichtspunkte aus hat auch beispielsweise vor einem halben Jahre Achad-Haam in seinem viel diskutierten Aufsatz: „Ssach-Hakol" (Das Endresultat) die palästinische Arbeiterfrage betrachtet. Hier sei nur soviel gesagt, daß die Idee der jüdischen Arbeit bereits ihre erprobten Pioniere hat. Zu diesen Pionieren gehört in erster Reihe die Gruppe der Arbeiter von D a g a n i a, die in Palästina unter dem Namen „Die Kommune von Dagania" bekannt ist. Sie halten nämlich schon über drei Jahre Gütergemeinschaft untereinander, einerlei, ob die Arbeitsleistung des einzelnen höher oder niedriger als die des Durchschnitts ist. Es verschlägt auch nichts, wenn einer durch Krankheit oder sonstwie monatelang am Arbeiten verhindert ist. Mit einem Worte, diese Arbeitergruppe bildet eine Art geschlossene Familie. Ihre Mitglieder sind aber auch fast durchweg vorzügliche, treue Arbeiter. Wenn jetzt das Vertrauen zur jüdischen Arbeiterschaft in Palästina sich gesteigert hat und die Versuche mit Arbeitergenossenschaften immer zunehmen, so ist das nicht zum geringen Teile das Verdienst der Kommune von Dagania. Dagania oder wie es arabisch heißt: Um-il- D j u n i („Die Mutter des Kornes") ist das einzige Besitztum des Jüdischen Nationalfonds im Ost jordanland. Es hat den Tiberiassee zur einen und den Jordan zur anderen Seite. Es liegt nämlich links vom Jordanfluß, dort, wo er aus dem Tiberiassee hervorsprudelt, um sich viele Kilometer lang zum Toten Meere hindurchzuschlängeln. Vom .Westen wird Dagania von einem steilen Gebirge eingeschlossen, durch welches die Eisenbahn Haifa—Damaskus sich hindurchärbeiten muß. Fährt man von Haifa aus etwas über drei Stunden bis zur Station Sam ach, so kann man von dort in einer Viertelstunde den Boden von Dagania erreichen. Auf diesem jüdischen Besitztum herrscht nun seit einigen Jahren ein schönes jüdisch-soziales Leben. Es ist nicht bloß das Kommunistische, das hier eigenartig berührt. Wer sich auf die Gesinnung und die treibenden geistigen Kräfte dieser jungen Leute versteht, der wird die Errichtung der Gütergemeinschaft gewissermaßen als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen. Wichtig ist vielmehr der ganze Charakter der Arbeitergenossenschaft. Dank dem Geiste kühner Entschlossenheit, der bis jetzt unsere Kolonisationsgesellschaften (N. F. und P. L. D. C.) beseelt hat, haben sie es nicht gescheut, den Versuch mit den Genossenschaften vorzunehmen. Das heißt mit anderen Worten: entgegen dem bis dahin allein herrschenden Prinzip der Verwaltung der landwirtschaftlichen Betriebe durch einen Administrator, der allein dem Besitzer gegenüber die Verantwortung trägt, haben die genannten Gesellschaften in Dagania zum erstenmal einer Gruppe von Arbeitern Land, Inventar, Betriebskapital und Arbeitslohn zur freien Verwaltung unter eigener Verantwortlichkeit zur Verfügung gestellt. Das Selbstinteresse der Arbeiter wurde nur insofern angeregt, als festgesetzt wurde, daß nach Ablauf des Wirtschaftsjahres die Genossenschaft die Hälfte des eventuellen Reingewinnes erhält. Nun denn, unsere Kolonisationsgesellschaften haben den kühnen Versuch nicht zu bereuen. Er hat sich zumindest bis jetzt als weniger riskant .und lohnender erwiesen, als die bis dahin allein übliche Verwaltung durch eine Administration. Unsere Arbeiter haben das ihnen entgegengebrachte Vertrauen vollständig gerechtfertigt. Sie haben den ihnen unterstehenden Betrieb mit einem Verantwortlichkeitsgefühl verwaltet, das dem der Administration in keiner Weise nachsteht. Sie haben aber auch bezüglich der Arbeitsleistung, obwohl sie ganz sich selbst überlassen waren und keiner Aufsicht unterstanden, ihre Kräfte bis zum äußersten angespomt. Tatsächlich hat der Betrieb in Dagania in den ersten zwei Jahren mit einem Reingewinn abgeschlossen, und wenn das dritte Wirtschaftsjahr dem Vernehmen nach finanziell weniger erfolgreich war, so wird es doch niemand in den Sinn kommen, mit der Behauptung hervorzutreten, daß es bei einer anderen Wirtschafts form besser gekommen wäre. Wahrscheinlich wären dann noch die Ausgaben für die Administration, die immer einen ansehnlichen Betrag ausmachen, auf das Verlustkonto zu buchen. Es ist also, wie Dr. A. R u p p i n im Märzheft der Monatsschrift „Palästina" bezüglich der Arbeitergenossenschaft gesagt hat: „Diese Form steigert das Verantwortlichkeitsgefühl der Arbeiter auf den höchsten Grad, weil die Arbeiter hierbei ganz auf sich selbst angewiesen sind, und sie ist der Psychologie der freiheitsdurstigen russischen jungen Leute besonders gut angepaßt." Hingegen scheinen die dort von Ruppin als „Fehler dieses Systems" geltend gemachten Bedenken vorläufig akademischer Natur zu sein. Indes wäre es ein Trugschluß, wenn man die guten Erfahrungen von Dagania einfach verallgemeinern wollte. Die Leute dort sind Pioniere. Was ein derartiger Menschenschlag aus sich an verschiedenen Kräften und Leistungen herausholen kann, darf man dem Durchschnittsarbeiter nicht zumuten. Ich habe vor vier Jahren einige Monate in Gesellschaft dieser Gruppe verbracht und stets hat sich mir die Ueberzeugung aufgedrängt, daß wir es hier in vielfachem Sinne mit einer Elite zu tun haben. Drei Merkmale sind es in erster Reihe, die diese Pioniere auszeichnen: 1. Sie sind sämtlich guter Leute Kind. Sie entstammen nicht fluktuierenden Proletarierfamilien. Sie kommen vielmehr aus einer sozialen Schicht, die gut jüdisch ist und die auf jüdische Erziehung Gewicht legt. Sie bringen also von Hause aus einen moralischen und intellektuellen Fonds mit, der ,nicht jedem Arbeiter eigen ist. 2. Sie gehörten außerhalb Palästinas zionistischen Jugendorganisationen an. Sie haben also dort eine zionistische Erziehung par excellence empfangen und das zionistische Ideal mit dem Feuereifer jugendlicher Begeisterung in sich aufgenommen. Sie sind auch aus reinem Idealismus nach Palästina gegangen, denn in materieller Beziehung hatten sie es fast durchweg draußen viel besser. Den meisten von ihnen ist auch ein tieferes Verständnis des zionistischen Problems eigen und sie betrachten es von einer

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