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Die Welt · 1913-02-07 · 6 (7.2.1913) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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174 Nr. 6 DIE^ELT In den jüdischen Kreisen Rußlands und Polens reift nun die Einsicht und. das Verständnis dafür, daß jüdische Mittelschulen geschaffen werden müssen, die hinsichtlich der allgemeinen Bildung wenigstens auf derselben Höhe wie die offiziellen Mittelschulen stehen und ihren Zöglingen zugleich eine jüdische Erziehung angedeihen lassen. Diese Schulen sollen der nach jüdischem Wissen und allgemeiner Bildung strebenden jüdischen Jugend durch den gründlichen Unterricht der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte un<H Wissenschaft, durch die Erschließung des jüdischen Geistes 'den seelischen Halt geben, der nötig ist, um als Jude zu leben und. zu kämpfen. Eine solche Erziehungs- und Bildungsstätte zu sein, verspricht das vor etwa einem halben Jahre gegründete Lodzer jüdische Gymnasium. Die großen Sympathien und das rege Interesse, das es in der jüdischen Gesellschaft fand, der große Erfolg, der sich gleich am Anfang einstellte und auch die optimistischen Erwartungen der Gründer überflügelte, zeugt davon, daß diese Anstalt einem gewaltigen Bedürfnisse des jüdischen Lebens entsprungen ist. Auch der Umstand, daß im jüdischen Gymnasium (dessen allgemeines Erziehungsprogramm den Anforderungen der besten Mittelschulen entspricht) selbstverständlich der Sonnabend Ruhetag ist, beseitigt eines der Haupthindernisse, die dem Bildungsdrange der religiös gesinnten jüdischen Jugend einen Damm entgegensetzen. Trotzdem das Gymnasium nur kurze Zeit besteht, besitzt es schon eine ausgeprägte jüdisch-nationale Physiognomie, die zur Hoffnung berechtigt, daß es Pioniere des Jung-Judentums erziehen wird. Herr Dr. Brau de, dessen Initiative und konsequentem Eifer das Gymnasium sein Bestehen verdankt, hat sich große Verdienste um diese Sache erworben. Möge diese Idee überall Nachahmung finden und zur Losung unserer nationalen Arbeit erhoben werden. Im allgemeinen ist es charakteristisch für Lodz, daß die zionistischen und nationalen Elemente es nicht verstehen, Stimmungen zu schaffen, daß sie aber dank ihrem praktischen Sinn auf dem Gebiete konkreter nationaler Arbeit oft Pioniere sind. So entstand zuerst in Lodz der Hasomir, der sich jetzt zu einer breiteren nationalen Arbeit reorganisiert; hier entstand unlängst der erste jüdische Tum- und Sportverein, dem sich ganze Scharen der jüdischen Jugend angeschlossen haben; in Lodz wurde der erste jüdische Handwerkerklub mit nationalem Gepräge gegründet. Lodz ist auch die einzige Stadt, wo die Juden trotz der Opposition der Umgebung die Wahl eines jüdischen Kandidaten für die Duma beschlossen und durchgeführt haben. ProtestversammlungjüdischerAkademiker Berlin. Für Mittwoch, den 29. Januar, hatten die Berliner Verbindungen des Bundes Jüdischer Korporationen und des Kartells Zionistischer Verbindungen eine öffentliche Studentenversammlung nach den Sophiensälen einberufen, um zur Ausländerfrage an den deutschen Hochschulen und zu den Beschlüssen der kürzlich stattgefundenen allgemeinen Studentenversammlung *) Stellung zu nehmen. 1200—1500 Personen füllten bei Beginn der Versammlung den Saal, der zeitweilig polizeilich geschlossen werden mußte. Das Referat des Abends lag in den Händen des Herrn Dr. Rosenberg. Von zionistischer Seite sprachen in der Diskussion: Ref. Rosenb 1 ü t h, Rechtsanwalt Greifenhagen, Prof Dr. Carl Lewin, Rechtsanwalt Grone mann und Herr M o t z k i n , dessen Ausführungen mit besonderer Begeisterung aufgenommen wurden. Er führte u. a. aus, welche niederschmetternde Wirkung die Annahme der von den Klinikern vorgeschlagenen Maßnahmen auf die jüdische studierende Jugend Rußlands ausüben müßte. Es sprachen außerdem Herr C z a p s k i und Herr Dr. Bernhard vom K. C., dem assi- *) Vgl. „Welt", Nr. 5 d. J., S. 141. milatorisch gerichteten Verband farbentragender jüdischer Verbindungen. Ein jüdischer Student aus Rußland überbrachte den Dank der Ausländer dafür, daß die jüdischen Studenten ihren Stammesgenossen in ihrer bedrängten Lage ihre Solidarität bewiesen. Es sei besonders bemerkenswert, daß die nationaljüdischen Studenten hier wieder einmal die Initiative ergriffen hätten. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, in der sich die Versammlung mit der Forderung des Physikums für die ausländischen Studierenden einverstanden erklärt, in der aber jede Maßnahme, die, wie etwa eine Prozentnorm, geeignet sei, den von den russischen Universitäten verdrängten Studierenden das Studium an deutschen Universitäten unmöglich zu machen, mit Entschiedenheit abgelehnt wird. Jüdischer Kindertag (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Der Israelitische Landesverein für die Jugendpatronage (Jugendwohlfahrt) beabsichtigt am 23. März d. J. einen jüdischen Kindertag abzuhalten. Diese Absicht wird in einem Aufruf bekannt gegeben, welcher überaus betrübende Daten enthält. Nachdem bereits eine große Anzahl von interkonfessionellen und christlichen konfessionellen Patronagevereinen dem Staate die in den Kinderschutzgesetzen vorausgesetzte Hilfe leisteten, wurde vor drei Jahren endlich auch ein israelitischer Patronageverein gegründet. Dieser hätte die Pflicht, für weit mehr als 3000 von jüdischen Eltern stammende Kinder zu sorgen, diese bei jüdischen Familien unterzubringen und sie dem Judentum zu erhalten. Dazu reichen aber die materiellen Kräfte nicht aus und es konnten bisher nur 1200 Kinder in Pflege genommen werden, und selbst der Unterhalt dieser ist nicht genügend gesichert, da der Verein die nötige Summe nicht mehr aufbringen kann. Daher wurde der jüdische Kindertag ins Auge gefaßt. Es wird ferner ganz offen erklärt, daß wenigstens für die bereits in Pflege genommenen 1200 Kinder gesorgt werden müsse, die Pflege der weiteren 2000 jüdischen Kinder „bleibt vorläufig eine Hoffnung". Dies ist der traurige Tatbestand. Man möge aber nicht glauben, daß von Juden für Zwecke der Kinderwohlfahrt kein Geld zu bekommen sei. Weit gefehlt! Die christlich-konfessionellen Patronagevereine erhalten von den Täuflingen, die interkonfessionellen Patronagevereine aber von den „Israeliten“ die prozentuell größten materiellen Beiträge. Nur das jüdische Patronagewesen hat sich zu beklagen. Der Israelitische Patronageverein kennt seine Leute nur zu gut, da er in seinem Aufrufe sagt: „Wir wollen dem jährlich abgehaltenen Kindertag unseres wirklich segensreich wirkenden Brudervereins, der Landesliga für Kinderschutz, keinen Schaden zufügen, aber wir sind überzeugt, daß diejenigen Glaubensgenossen, welche bei dieser Gelegenheit auf dem Altäre der Kinderrettung in so reichlichem Maße zu opfern pflegen, sich auch jetzt nicht verschließen werden, da von ihrem Blute, von der Errettung vieler Tausender jüdischer Kinder die Rede ist." Antisemitische Agitation in Ostgalizien Lemberg. Unter der Landbevölkerung in Ostgalizien waren zur Zeit, als der österreichisch-serbische Adria-Konflikt ausbrach, wilde Gerüchte verbreitet, wonach ein Krieg mit Rußland unmittelbar bevorstehe. Die jüdischen Landbewohner flüchteten in die Städte, wodurch die ohnehin große Not der ansässigen Bevölkerung erhöht wurde.' Die massenhafte Landflucht der jüdischen Dorfbevölkerung wurde hauptsächlich dadurch hervorgerufen, daß die russophilen Elemente der ruthenischen Bevölkerung von panslawistischen Agitatoren gegen die Juden und Polen aufgehetzt wurden. Man drohte den Dorfjuden mit Pogromen, verweigerte die Einlösung der bei Juden kontrahierten Schulden, ja man nahm ihnen vielfach, ohne daß sic

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