Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 6 (7.2.1913)
- Date
- 1913-02-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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172 Nr. 6 eines von ihr gelieferten Bauplatzes kann sie eine Wertzuwachssteuer erheben, die eine Spekulation unlohnend macht. Vor allem wird sie alle ihre Befugnisse, Forderungen und Reformtendenzen auf die bürgerliche Gemeinschaft übertragen, zu der sich die Hausbesitzer des jüdischen Viertels zusammenschließen werden. Diese werden sie im eigensten Interesse aufs schärfste handhaben und weiter ausbauen. Sie werden sich die Möglichkeit der Ausdehnung durch Erwerb von Land zur gesamten Hand sichern und jeden privat Bauenden zum Anschluß an ihre Gemeinschaft durch die Vorteile gemeinsamer Wasser- und Lichtversorgung und öffentlicher Institutionen zwingen. Es wird kein Paradies, aber eine rüstig fortschreitende Bürgergemeinde entstehen, deren Organisation den Juden in den Städten Palästinas einen gewaltigen Vorsprung vor der übrigen Bevölkerung geben wird. Darum sollte zur Gründung einer solchen Häuserbau-Gesellschaft möglichst bald geschritten werden. □□□□□□ WELTCHRONIK □□□□□□ Die neue Regierung und die Juden (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Das neue türkische Ministerium ist endgültig gebildet worden, und ein jüdisches Mitglied gehört ihm nicht an. Wir sehen darin keine Ursache zu irgendwelchem Bedauern. Ob der in Aussicht genommene Nissim Mazliach Effendi wirklich der Mann ist, unserer Nation, an so hervorragender Stelle Ehre zu machen und seinem Vaterlande wertvolle Dienste zu leisten, ist sehr die Frage. Für die wahren Empfindungen der wieder zur Macht gelangten Partei den Juden gegenüber besagt natürlich dieses Verhalten gar nichts. Es ist sicher, daß die osmanischen Juden jetzt vom ganzen Lande und um so sicherer von der heutigen Regierung mehr geschätzt werden, als zuvor, nachdem sie auf dem Schlachtfelde, in der Arbeit für den Roten Halbmond und ganz besonders durch ihr Verhalten in Saloniki soviel Aufopferung, Heldenmut und unerschütterliche Treue bewiesen haben. Die wärmeren judäophilen Empfindungen sind übrigens diese Woche besonders zutage getreten, als der Großrabbiner den neuen Ministern seine Visite machte. Der Scheikh-ül-IsIam sowohl wie der Minister des Innern wußten sich gar nicht genug zu tun in Ausdrücken der Hochachtung, Bewunderung und Dankbarkeit für die jüdische Nation. Hoffen wir, daß unter dem Einflüsse dieser Gefühle endlich die alten Ungerechtigkeiten der Türkei gegenüber unserer Nation sich leichter beseitigen lassen, als das bisher geschehen konnte. Hier wäre eine Möglichkeit, Anerkennung und Dankbarkeit m sichtbarer Form zu beweisen. Es bleibt natürlich eine Selbstverständlichkeit, daß die Juden, ob nun ihre Treue die gerechte Anerkennung findet oder nicht, in derselben Weise fortfahren, ihre Pflicht gegenüber dem Vaterlande zu tun. Die schwere Stunde der Gefahr verlangt ja die Einsetzung aller Landeskräfte bis zum letzten. So wird es uns denn nicht wundem, daß in dem Momente, wo die Feindseligkeiten wieder aufgenomanen. werden sollen und sich ein „Komitee zur Verteidigung des Vaterlandes" bildet, das das Volk aus seiner Erschlaffung erwecken und seine Hilfsmittel, besonders die finanziellen, organisieren soll, uns innerhalb dieses Komitees auch jüdische Namen begegnen. Und während diese in der Hauptstadt ihre Nation zu Neuanstrengungen für das Vaterland heranziehen werden, stehen ihre Brüder, die jüdischen Soldaten, mit ähren moslemischen Kameraden draußen im Felde. Die jüdische Hilfsaktion in Konstantinopel Am Donnerstag, den 30. Januar sind die Herren Dr. Paul Nathan, Dr. Bernhard Kahn und Elkan Adler mit dem Schiffe des Oesterreichischen Lloyd aus Saloniki hier eingetroffen. Am Nachmittage desselben Tages fand eine gemeinsame Sitzung der Delegation und der hiesigen Hilfskommission statt, der eine Inspektion der beiden Vororte Hasköj und Balat durch Herrn Elkan Adler vorausgegangen war. Die Besprechung wurde durch einen Generalbericht des Sekretärs der Kommission, unseres Gesinnungsgenossen Dr. Auerbach, über deren Organisation, Aufgaben und bisherige Tätigkeit eingeleitet Es wurden sodann folgende Fragen besprochen: Die Höhe der den Kriegsflüchtigen weiterhin zu gewährenden Unterstützungen, die Möglichkeit der Schaffung von Arbeitsgelegenheit und Verdienst für Männer und Frauen derselben, die Beschaffung von Kleidern und Schuhwerk sowie die Kassenfrage. Die Tagung beschloß, die bisherige Unterstützungsrate in der von der Kommission festgesetzten Höhe, unter gewissen ergänzenden Abweichungen, beizubehalten, nämlich 60 Para — 30 Centimes pro Kopf und Tag der Emigranten; für Arbeitsgelegenheit zu sorgen, soweit angängig, aber die ökonomische und Arbeitskrise in Konstantinopel bei der Unterstützung der Arbeitslosen in Betracht zu ziehen; die durch die Hilfskommission am Anfänge ihrer Tätigkeit aufgenommene Anleihe von 14 000 Frcs. erst nach Abschluß ihrer Arbeiten, d. h. bei Liquidation des Hilfswerkes, zurückzuzahlen; endlich so schnell, als irgend tunlich, die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückzubefördern. Als wöchentliches Mittel für die Höhe der notwendigen Hilfsgelder wurden 10000 Frcs. festgestellt Herr Dr. Nathan mußte früher als ursprünglich beabsichtigt, nach Deutschland zurückkehren und ist bereits am Freitag Nachmittag nach eintägigem Aufenthalt an Bord des Lloydschiffes „Brünn" nach Triest abgereist Die Herren Adler und Dr. Kahn setzen ihre Tätigkeit hier weiter fort. Laut Beschluß der Delegation sind die Hilfswerke für die Abgebrannten von Balat und für die Erdbebengeschädigten von Tschoriu und Gallipoli bis nach Beendigung der Hilfsaktion für die Kriegsgeschädigten suspendiert worden. Die Hilfsaktion für die Juden des Balkan Berlin. Die Herren Dr. Paul Nathan-Berlin, Elkan Adler - London und Dr. Bernhard Kahn- Berlin, die zur Organisation des Hilfswerks in den Balkanländern nach dem Orient gereist sind*), haben sich am 19. Januar von Sofia nach Saloniki weiterbegeben, wo sie bis zum 27. Januar blieben. Sie besuchten die Orte Uesküb, Monastir, Karaferia und Serres. Durch ortsansässige Vertrauensleute wurden ferner die einschlägigen Verhältnisse In Castoria, Strumitza, Istip, Drama und in anderen kleineren Plätzen untersucht. Die allgemeine Sicherheit war zur Zeit des Berichtes der Kommission, der vom 27. Januar datiert ist, zufriedenstellend; die Schädigungen durch den Krieg und seine Folgen waren aber groß. *) VgL „Welt“, Nr. 5 d. Js„ Seite 139.