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Die Welt · 1913-02-07 · 6 (7.2.1913) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
6 (7.2.1913)
Date
1913-02-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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170 Nr. 6 kommenden Käufer ist ein billiges Wohnen kaum mehr möglich. Wer also rechnen muß, wird hier nicht mehr bauen, weil er in einem anderen Teile der Stadt billiger zur Miete wohnt. Teils eine Folge, teils eine Genossin der Bodenspekulation ist weiter die Mietsspekulation. Tel Awiw hat bereits seinen Mieterverein zur Abwehr der übertriebenen Forderungen der Hausbesitzer — ganz wie in Berlin. Das Uebel liegt darin, daß überhaupt in Tel Awiw zuviel zur Miete gewohnt wird. Und das hat wieder zwei Gründe. Von seiten der Mieter: Durch den hohen Bodenpreis ist nur Wohlhabenden das Bauen möglich; die anderen müssen, wollen sie in Tel Awiw sein, eine Mietswohnung suchen. Von seiten der Vermieter: Der erlegte hohe Bodenpreis muß durch eine hohe Verzinsung wieder eingebracht werden. Viele, sehr viele, bauen also nicht mehr nur, um ein eigenes Haus zu bewohnen, sondern um es wieder mit Fremden zu teilen. Die menschliche Psychologie bringt es mit sich, daß man den Schaden gern überkompensiert; voilä, der Hausagrarier. Aus demselben Grunde wird bei den neuen Bauten der Platz — soweit zulässig — möglichst ausgenutzt, das Haus möglichst in mehrere Wohnungen zerlegt, die Zimmer möglichst verkleinert. Etliche finden es bereits zweckmäßiger, selbst in der inneren Stadt zu wohnen und ihr Haus in Tel Awiw ganz zu vermieten. So ist es gekommen, daß man pro Zimmer 250—300 Frcs. zahlt, einen exorbitant hohen Preis. Es muß anerkannt werden, daß manches geschehen ist, um die oben genannten Grundsätze moderner Städtegründung zur Durchführung zu bringen. An erster Stelle ist hier das vom Nationalfonds den einzelnen Bauherren gewährte Darlehen zu nennen, durch das es überhaupt erst ermöglicht wurde, an Stelle der Willkür bindende Verpflichtungen des einzelnen gegen die Gesamtheit zu setzen. Daß dem Nationalfonds das größte Verdienst bei der Errichtung der jüdischen Stadt zukommt, ist heute von allen Seiten anerkannt, und die anfängliche Kritik, die den Nationalfonds von diesem Arbeitsgebiet fernhalten wollte, ist verstummt und als unberechtigt erwiesen. Jedoch etwas anderes sollte eine wohlwollende Kritik anstreben, nämlich, daß die Gewährung des Darlehens an Bedingungen geknüpft wird, die die geschilderten Mißstände unmöglich machen. Die bisherigen Sicherungen haben sich als viel zu schwach dafür erwiesen. Der Nationalfonds verlangt, daß innerhalb von fünf Jahren der Bauplatz bebaut wird, er gestattet nur die Ueberhauumg eines Drittels, er behält sich bei Besitzwechsel ein Rückkaufsrecht (zu dem gebotenen Preise, das er also nie betätigen wird!) vor, und er besteuert neuerdings (in Nachlath Benjamin usw.) den Wertzuwachs bis zu 25 o/0. Das ist sehr schön, aber die Praxis hat diese Mittel als unzureichend erwiesen, eine Häuserspekulation fernzuhalten, die schließlich wesentliche Vorzüge der jüdischen Städtegründung aufhob. Wie finden wir bessere? Das wichtigste ist: Der Bau und Erwerb von kleinen Häusern muß so erleichtert werden, daß er, wenn auch nicht jedem, so doch großen Massen möglich ist. Bisher hat der Nationalfonds in Jaffa pro Haus einen in 20 Jahren auszuzahlenden Baukredit von 4000 Francs gewährt. In Haifa wird er voraussichtlich, entsprechend den teueren Materialpreisen, 5000 Frcs. bewilligen. Wenn wir auf Haifa exemplifizieren (wo wohl das nächste jüdische Viertel entstehen wird), so muß jemand, der ein Haus von drei Zimmern und Küche bauen will, für Boden und Haus ca. 10 000 Frcs. aufwenden, mithin außer dem Kredit des Nationalfonds noch 5000 Frcs. besitzen. Da unter den jetzigen prekären Verhältnissen, der seit 11/2 Jahren permanenten wirtschaftlichen Krisis, nur ein kleiner Kreis von Leuten über dieses Kapital frei verfügen kann, drängt alles auch hier dazu, daß dieser kleinere Kreis auf Mietsspekulation baut. Die Wohnungsnot aber — die hygienische und die wirtschaftliche — lastet am schwersten auf der ärmeren Bevölkerung. Sie ist es, die in schmutzigen arabischen Gäßchen 'für schlechte Wohnungen 200—250 Frcs. pro Zimmer zahlt, die unter schlechtem Brunnen- und Zistemenwasser, unter der üblen arabischen Nachbarschaft, ihrem Gezänk, ihrem Schmutz und zuweilen auch ihren Angriffen zu leiden hat, indes die Wohlhabenden schon jetzt in der Lage sind, sich alledem zu entziehen. Es muß also ein Weg gefunden werden, auch dieser Klasse so weit als möglich zum eigenen Haus zu verhelfen. Vom Nationalfonds kann man billigerweise nicht verlangen, daß er noch größere Mittel dafür bereit stellt, etwa den Baukredit beträchtlich erhöht — wenn wir auch das Risiko nicht für größer halten, als bei dem jetzt üblichen Modus. Finanzinstitute, die einen so langfristigen Kredit gewähren könnten, besitzen wir sonst nicht, ebensowenig kapitalgewaltige Institutionen vom Schlage der Ica, die sich einer solchen Aufgabe widmen könnten. Es bleibt also nur die Möglichkeit, privates Kapital heranzuziehen, und zwar in der Form einer Häuserbau- Gesellschaft Diese rein geschäftliche Methode ist nicht neu, sondern bereits vorzüglich bewährt. Sie hat z. B. in der Umgebung von Berlin zur Entstehung hübscher Villenkolonien in Nikolassee, Zehlendorf, Mariendorf, Finkenkrug, Frohnau usw. geführt. Das Wesentliche dieser Methode liegt darin, daß eine Kapitalgesellschaft, anstatt Baulustigen Geld zu leihen, den Häuserbau in eigene Regie übernimmt und die Häuser dann durch langsame Anzahlung als Eigentum an die Bewohner übergehen läßt. Die jährlichen Abzahlungen sind, wenn die Verzinsung sich in mäßigen Grenzen hält, nicht viel höher als normale Mietspreise, zumal, wenn der Einwohner in der Lage ist, vorab eine Anzahlung zu leisten. Wählen wir ein praktisches Beispiel aus Palästina. Jemand will in Haifa mit Hilfe der Häuserbau-Gesellschaft ein Haus im Preise von 10 000 Frcs. erwerben. Er ist in der Lage, den Bodenpreis von 2500 Frcs. als Anzahlung zu entrichten. Für 10000 Frcs. kann ihm die Gesellschaft bequem ein hübsches Haus mit vier Zimmern, Küche, Bad, Keller und Zisterne liefern. Für ein solches Haus müßte er sonst etwa 800—850 Frcs. Miete zahlen. Die Gesellschaft berechnet ihm für Verzinsung und Amortisation, auf 20 Jahre kalkuliert, 91/2 °/o, also eine Zahlung von 950 Frcs. jährlich. Dafür ist er nach 20 Jahren Besitzer. Er braucht sich mit keinem Bauunternehmer zu ärgern, er übernimmt ein fertiges Haus. Er wohnt etwas teuer, so lange er sich als Mieter betrachtet, aber er ist unabhängig von jeder Mietssteigerung, die um ihn her wahrscheinlich bald den Preis, den er zahlt, überschreiten wird. Noch ein zweites Beispiel. Zwei Familien, „kleine Leute", übernehmen auf einem Boden, der 2500 Frcs. kostet, ein Zweifamilienhaus, das zweimal zwei Zimmer, Küche und Zubehör enthält und das die Gesellschaft ihnen mit 11000 Frcs. berechnet. Jede der Familien zahlt 1250 Frcs., die Hälfte des Bodenpreises, an. Sie haben dann noch jede eine jährliche Leistung von 522,50 Francs aufzubringen. Eine sehr erträgliche Last! Besonders, wenn man bedenkt, daß sie auch bisher schon für eine solche Wohnung etwa 500 Frcs. als Mieter zahlen mußten.

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