Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 5 PIE^ELT Ein besonderer Teil des Buches ist diesmal der Emigration gewidmet, 15 statistische Tabellen mit allgemein interessierenden, recht wertvollen Angaben. „Zionismus und Erez Israel" ist der Titel des nächsten Teiles, der 65 Seiten umfaßt, erheblich erweitert gegen die vorjährige Ausgabe. Mit dem Kongreß und dem Baseler Programm beginnend, werden uns hier zunächst alle zionistischen und größeren Palästina-Institutionen — 42 an der Zahl — vorgeführt, sämtlich in knapper Form die wichtigsten Angaben bis in die neueste Zeit enthaltend, auch die Bankbilanzen des letzten Jahres, eine graphische Darstellung der Arbeit des Nationalfonds in Palästina und Bilder von palästinensischen höheren Schulen. Dann kommen kürzere Abhandlungen über die einzelnen Kolonien, die sehr viele sonst nicht bekannten Angaben besonders über die Größe und über die Anpflanzungen bringen. Darauf folgt noch eine Statistik der russisch-jüdischen Emigration über Odessa nach Palästina für die Jahre 1905—11, die Ziffern für den Handel Jaffas, eine Zusammenstellung der jüdischen Bevölkerungszahlen für die Städte Palästinas und Syriens, dann eine Aufzählung des jüdischen Landbesitzes in Palästina und schließlich eine Zusammenstellung der für Jerusalemer Anstalten jährlich eingehenden Unterstützungsgelder, eine allerdings zum Teil nur auf Schätzungen beruhende Statistik. Den letzten Teil des Buches bilden Preistabellen und Dividendenangaben für die Aktien unserer Banken und eine Zusammenstellung aller zionistischen und wichtigeren Palästina- Adressen. Der vorige Jahrgang enthielt außerdem noch eine große allgemein-jüdische Chronologie von der Eroberung Kanaans bis in die neueste Zeit, die nicht weniger als 26 eng bedruckte Seiten umfaßte, der aber noch eine ganz ins speziellste gehende zionistische Chronologie auf weiteren 14 Seiten folgte, deren Umfang ja schon für die Genauigkeit und Ausführlichkeit spricht. Die Herausgabe dieses Jahrbuches erscheint uns so als eine überaus verdienstliche Arbeit, für die wir Boris Goldb e r g und seinen Mitarbeitern zu großem Dank verpflichtet sind. Wir sind sicher, daß es auch bei uns, die wir sonst nicht Jüdisch-Deutsch lesen, viele Freunde finden wird, wenn man von seiner Existenz erst etwas erfährt. Von ihm Kenntnis zu geben, war dieser Zeilen Veranlassung. Breslau. Hugo Schachtel. Sch. Gorelik: Die liebe Provinz. (Vom alten Stamm. Eine Sammlung jüdischer Bücher.) Jüdischer Verlag, Berlin W. 15. _ Ein Band Gedichte in Prosa, eine Anzahl Bilder, aus denen eine hoffnungslose Schwermut spricht. Spiegel, die das russische Elend aufnehmen und düstre Hintergründe zeigen, von denen sich einzelne Figuren wirkungsvoll abheben. Harmlosigkeit, die lächelnd und unbewußt den Dornenpfad des Unglücks schreitet, ererbtes Leid, das selbstverständlich und ohne Auflehnung durch ganze Menschenleben getragen wird. „Die liebe Provinz" ist das Erinnerungsbild verflossener Tage am kleinen Platze, wo das Leben langsam und traurig dahinfloß, wie ein trüber Bach. Die Jugend ist hoffnungsvoll ausgezogen, um draußen einen Platz an der Sonne zu erobern, und sie kehrt enttäuscht und gebrochen heim, um dem frühem Leben den Trost abzugewinnen, daß es eben nicht mehr bieten kann. Eine kummervolle Beschaulichkeit waltet über dem ganzen Buche, in dem jedes Bild ein Typus ist, der sich wiederholt, solange das russische Reich seinen jüdischen Bewohnern Luft und Raum zum Atmen und Gedeihen verweigert. Gorelik schildert die im Leid erworbene Kraft des Duldens, die dem Unglück ihren passiven Mut entgegensetzt, wie das in der zweiten Novelle aus dem Satze klingt: „Alte Uhren und alte Juden fühlen sich so fest. Und die Jungen fühlen sich so gar nicht sicher, sie sind so verzweifelt, so traurig." Da ist Asriel, der Buchbinder, mit seinem liebevollen Gemüt, 153 das selbstvergessen um andere sorgt, bis er sein Leben unter den Hieben der Kosaken aushaucht. Gewiß sind diese Erinnerungsbilder berechtigtes und auf Beobachtung beruhendes Eigentum des Dichters, der sein eigenes Bild in vielen Typen spiegelt. Er gewährt dem Leser Einblick in die Entwicklung stiller Philosophen, die sich dem Geschehenden anzupassen suchen und mit der trüben Erdenwelt, als der Vorbereitung für himmlische Glückseligkeit, rechnen. Da ist „der erloschene Stern", der erfolglose Schauspieler, der von seinen Hoffnungen nicht lassen kann; Chaschie, die Zarte, mit dem empfindsamen Gemüte und dem Drang nach Selbstaufopferung, die der Cholera erliegt; da ist eine ganze Zahl phantasiebegabter, feiner Menschen, die dem grausamen Leben erliegen, und von denen jeder einen idealen Zug in sich trägt, der Sympathie erweckt, und unverschuldetes Elend duldet. Die Kunst des Erzählers ist bewundernswert, mag ein gesundes, natürliches Empfinden sich auch gegen diese Aufzählung von jungen Reisern eines alten Stammes wehren, die da kommen und gehen und mit angeborener Resignation ihren Weg verfolgen, bis ihr Schicksal sich erfüllt. G. M. rnSNri 1SC Sammlung ausgewählter Aggadoth aus dem Talmud und Midrasch, sachlich geordnet und erläutert. Herausgegeben von J. Ch. R a w n i t z k i und Ch. N. B i a 1 i k. 6 Teile in 3 Bänden. Preis Rubel 5.40. Odessa, Verlag „Moriah“. Der größte hebräische Dichter unserer Zeit Ch. N. B i a 1 i k liefert uns in Verbindung mit J. Ch. R a w n i t z k i zum erstenmal eine im Urtext systematisch und sachlich geordnete Ausgabe der im Talmud und Midrasch zerstreuten Aggadoth. Nach den bahnbrechenden Arbeiten Bachers über die Aggadaliteratur und ihre Autoren schien gerade eine nach Materien geordnete Edition dieser wertvollen literarischen Erzeugnisse des jüdischen Volksgeistes als dringende Notwendigkeit. Denn die Aggada war im Volksleben keine ephemere Erscheinung, die nur vorübergehend und zeitweise wirkte, sie war eine klassische Schöpfung, die im Geistesleben der Juden noch heute nachwirkt und deren Einfluß wohl Jahrtausende überdauern wird. In der Form eines Buches für alle liegt das „Buch der Aggada" uns vor. Nicht nur der Literarhistoriker, Ethnologe, Folklorist, sondern auch der Theologe, der Hebraist und semitische Philologe, der Prediger sowie der Mann aus dem Volke finden im „Buche der Aggada" einen unversieglichen Born der Erkenntnis und des geistigen Genusses. Insbesondere aber eignet sich diese musterhafte Aggada-Ausgabe zur Einführung junger Theologen und Hebraisten in das nachbiblische Hebräisch, da die Sammlung der Aggadoth die beste und umfassendste neuhebräische Anthologie darstellt. In diesem „Buche der Aggada" sind vertreten: Mischnah und Tossefta, Gemara (babylonische und jerusalemische), M e c h i 11 a , Sifra, Sifre, Midrasch Rabba, Midrasch Tanchuma, Pesikta di R. Kahana, Pesikta Rabbathi, Pirke di R. Elieser, die kleinen Traktate, die kleinen Midraschim, das Buch Jezira, Tana debe Elijahu, Jalkut Simoni, das zweite Targum zum Buche Esther und noch vieles andere. Die Anordnung des Stoffes ist entweder nach historischen Ereignissen oder Persönlichkeiten gegliedert. So z. B. sind die Aggadoth über die Weltschöpfung, über die Urväter, über Israel in Aegypten, Israel in der Wüste, über die Richterzeit und die der ersten Könige und Propheten im einzelnen der biblischen Chronologie parallel laufend angeordnet. Es folgen die Aggadoth über die Zerstörung des ersten Tempels und über die Zwischenzeit der Wiedererrichtung des Reiches und des Tempels. Darauf folgen die Aggadoth über die Periode des zweiten Tempels und die anschließende Epoche der Schriftgelehrten, der Tannaiten und Amoräer. Durch diese Art der Anordnung gewinnt also das weithin zerstreute, vielgestaltige Material einen inneren historischen Zusammenhang und eine äußere Uebersichtlidikeit.