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Die Welt · 1913-01-31 · 5 (31.1.1913) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 5 DIE^qKELT barische Herabdrückung der Juden zu minderwertigen Sklavenmenschen. Der unmittelbare Anlaß ist noch in Erinnerung. Prof. Notnagel hatte dagegen Stellung genommen, daß man aus rassenantisemitischen Gründen in der Wiener Rettungsgesellschaft Judensperre einführen wollte. Dafür wurde er im Kolleg von alldeutschen Hörern angerempelt, ja insultiert, und die Kadimahner sprangen dem christlichen Gelehrten in dankbarer Treue bei. Es kam zu langwierigen Duellaffären. Das Häuflein unserer Nationaljuden schlug sich prachtvoll. Man darf nicht Kleines an Größtem messen. Aber nicht anders mag die erlösende Tat des alten Matithjahu auf das junge Geschlecht in Juda gewirkt haben, als er am Marktplatz zu Modeim den Schergen des Königs erschlug, als die Waffengänge der Kadimahner auf uns Gymnasiasten wirkten. Die helle, klirrende jüdische Tat war uns eine neue, köstliche Musik und — heute darf man es sagen — sie war unser erstes jüdisches Glück.- Daß das „Partienschlagen“ damals kein Sport war und kein Nachäffen der Mensurunsitten näselnder Korpsgecken und hohlköpfiger Proletenverächter, zeigte die weitere Entwicklung der Kadimah. 1891 gründete sie die „Hasmonäa“ in Czemowitz und 1892 die „Jüdischakadeniische Lese- und Redehalle“ zu Wien, deren erster Präsident Rubin Vierers Sohn, der Kadimahner Josef Vierer war. Wohlgerüstet, mit reifem Geist und gestählten Muskeln stand die Kadimah da, als Herzls „Judenstaat“ erschien. Wer weiß nicht, was Herzl für die Kadimah und die Kadimah für Herzl war? Die jungen Menschen — es umgab sie schon eine Zahl trefflicher nationaljüdischer Akademikervereine — fühlten instinktiv, daß der Moment zur Ralliierung des bewußten Judentums unter Herzls Führung gekommen sei. Sie überreichten ihm eine Massenadresse und Koke s c h und Schnirer suchten ihn zu veranlassen, an die Spitze der zionistischen Bewegung zu treten. Bekanntlich lehnte Herzl zunächst ab und erklärte den 147 Sendboten, nur der Architekt bleiben, nicht aber der Baumeister werden zu wollen. Da fand jene historisch-denkwürdige Versammlung der Kadimah im Ronachersaale statt — die erste jüdische Versammlung, in der Herzl erschien. Eine spontane, nicht endenwollende Ovation empfing ihn. ln tiefer Ergriffenheit bestieg er das Podium und erklärte, jetzt fühle er sich gedrängt und berufen, die Leitung der zionistischen Bewegung zu übernehmen. So hat der Kongreßzionismus im Schoße der Kadimah seinen Vater und Meister erhalten und die besten Söhne der Kadimah, Dr. Kokesch, Dr. Schalit, Dr. Schnirer und Dr. Werner zählten zu seinen ersten, tatkräftigsten und treuesten Mitarbeitern. Die Kadimah, die Erste unter den Jungen, ist uns ein teures Symbol. Sie verkörpert die Jugend, die mit herrlichem Instinkt den Weg ins Volk zurück freilegte, der so lange versperrt war. Sie war da, als wir verzweifeln wollten, sie war mit seltener Tatkraft und in erlesener geistiger Verfassung da, als der Führer kam, und sie geleitete Theodor Herzl in Treue bis auf den Döblinger Friedhof. „Wache über uns, du Geist des toten Führers!“ rief anläßlich des fünfzigsemestrigen Stiftungsfestes ein Kadimahner an Herzls Gruft. Mögen Herzls Manen den neuen Studentengenerationen zur Seite stehen, denn nach diesen dreißig Jahren, die wie ein einziger Auftakt zum jüdischen Freiheitsliede waren, bricht eine neue Zeit an und stellt die jüdische Jugend vor neue Aufgaben. Der erste Rausch ist verflogen, Weckruf, Kommerswort und das Pfeifen der Säbelklingen haben nicht mehr die frühere Bedeutung. Jetzt ist die Zeit der Arbeit im Judentum und der zionistischen Tat gekommen. Daß sie richtunggebend dastehen möge, wie ein Leuchtturm, ist die Bitte des jüdischen Volkes an seine Kadimah. I REVUE DER PRESSE j k - - —- ——.... Lieber den Boykott gegen die Juden in Polen schreibt die „Frankfurter Zeitung“: „Diese polnische Boykottpolitik zeugt nicht gerade von einem hohen Stande politischer Kultur. Die Warschauer Juden, die einen sozialdemokratischen Polen wählten, haben nichts getan, was als ein Unrecht gegen die polnische Nation bezeichnet werden könnte. Sie haben vorher bei den polnischen Kandidaten Nachfrage gehalten, ob sie für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied eintreten. Diese Frage ist von allen, mit Ausnahme des Sozialdemokraten, verneint worden. Es ist nun doch ein ganz natürliches Interesse der Selbsterhaltung, den Kandidaten zu wählen, der für die Gleichstellung der Juden eintritt, und gerade die Polen, die sich zu den unterdrückten Völkern — mit einem gewissen Recht — zählen, sollten Billigkeitsgefühl genug besitzen, eine solche Haltung zu verstehen. Wie können die Polen an Recht und Menschlichkeit appellieren, wenn sie selbst sie nicht üben! Aber der Boykott gegen die Juden ist auch noch aus einem anderen Grunde sehr unklug. Es kann nicht a.usbleiben, daß der Boykott auf die Dauer nicht bloß die Juden, sondern das gesamte Wirtschaftsleben Polens auf das schwerste schädigt, und es ist ungeheuer kurzsichtig von den Boykotthetzem, wenn sie meinen, sie könnten den wirtschaftlichen Krieg lokalisieren oder auf diejenigen beschränken, die sie vernichten wollen. Der Boykott muß notwendigerweise auch über die Grenzen Polens hinaus wirken und die Kreditfähigkeit aller polnischen Unternehmungen, nicht bloß der jüdischen, ins Wanken bringen. Im Auslande und auch im übrigen Rußland, überall, wo man Geschäftsverbindungen mit Polen unterhält, wird man bedenklich werden und die Gewährung von Krediten im eigenen Interesse einschränken oder einstellen. Wenn schon andere Erwägungen bei den polnischen nationalistischen Hitzköpfen keine Wirkung haben, so wird dann vielleicht diese Wirkung sie auf die Zweischneidigkeit des Boykotts aufmerksam machen. Daß die russischen Behörden an der Verschärfung des Gegensatzes zwischen Polen und Juden ihre Freude haben und ruhig dem Kampf Zusehen, ist nach ihrer Natur begreiflich. Aber auch sie sollten sich nicht bloß von ihrer politischen Gegnerschaft leiten lassen, sondern bedenken, daß es sich um das Wirtschaftsleben einer großen und im Verhältnis zum übrigen Reiche gut entwickelten Provinz handelt.“ Das vom Zentralkomitee der galizischen Zionisten in jüdischer Sprache herausgegebene „Tagblatt“ in Lemberg erscheint seit dem 1. Januar in vergrößertem Umfang. Das Blatt ist sowohl in seinem publizistischen Teile als im Feuilleton und in der Nachrichtenrubrik stets reichhaltig und lesenswert. Von kulturhistorischem Interesse ist die Artikelserie von Isak E w e n, die eine Geschichte des galizischen Chassidismus und eine lebensvolle Charakteristik seiner Hauptvertreter enthält. Das „Tagblatt“ bringt auch Originalkorrespondenzen

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