Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316578--57051-3375496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
144 LT Nr. 5 naissance des Judentums erstreben, an, und beschließt die Bildung einer einzigen Leitung, die die Direktion der Bewegung in die Hand nimmt und sie lenkt; er erklärt die „Federation der jüdischen Jugend“, die der Erneuerung des jüdischen Bewußtseins dienen soll, für begründet und überläßt es einer Kommission von neun Mitgliedern, unter denen ein Vertreter der Pro- Cultura Vereine, einer der Federation der Zionisten, einer des Gemeindebundes und sechs Vertreter des Kongresses sein sollen, die Modalitäten der Konstitution und das Programm zu bestimmen und sich mit den verschiedenen Lokalinstitutionen über die eventl. Schaffung von Sektionen ins Einvernehmen zu setzen. Der Kongreß ernennt schon jetzt dieses Komitee zum Exekutiv-Komitee für das Jahr 1913, bis zum nächsten Kongreß, mit der Bevollmächtigung, diesen Kongreß einzuberufen und ihn zu organisieren.“ In der lebhaften Diskussion, die diesem Vortrag folgt, heben besonders Prof. Foä, Amar, Dante Lattes, Adv. M o i s e Foä die Notwendigkeit der „praktischen“ Arbeit hervor, während Adv. Pacific!, Sorani, Momigliano und Kräuterkraft empfehlen, auch für die Erneuerung der „theoretischen Basis“ des Judentums zu arbeiten. Prof. Felice Momigliano schlägt diesbezüglich eine Tagesordnung vor, die ebenfalls — wie die „praktische“ Tagesordnung Bachis — einstimmig angenommen wird. Abends um 9 Uhr fand ein Empfang der Kongressisten durch die Gemeinde Turin statt, an welchem alle Teilnehmer des Kongresses sowie fast alle Vorstandsmitglieder der Gemeinde mit ihren Damen teilnah men. Allgemein bewundert wurden besonders die Resultate der Kolonisation in Palästina, die Dr. Krinkin so meisterhaft geschildert hat. Adv. Foä verlas die vielen Telegramme und Briefe, die aus Italien und aus dem Ausland kamen, von denen besonders die Briefe des Actions- Comitesund des Direktoriums des Nationalfonds allgemeinen Beifall finden. Eine kurze Ansprache hält der Falascha Emanuel Taamrat, der auch in Deutschland bekannt ist, über die Not der Falaschas. Die Versammlung fand ihren Abschluß mit dem Gesang der zionistischen Hatikwah, die von Dr. Krinkin vorgetragen wurde. In der nächsten Sitzung, in der Dr. David Krinkin den Vorsitz führte, referierte Rabb. Dante Lattes über „Die religiösen Zeremonien“. Redner findet im allen jüdischen Feierlichkeiten und in den sich daran schließenden Zeremonien, außer dem allgemein-ethischen und religiösen, besonders einen national-ethnischen Charakter: so im Pessachfest, Schabuoth und Sukkoth. Durch das lange Galuth haben sie diesen nationalen Sinn verloren. Die religiösen Handlungen sind nur das Kleid der Idee, der Geschichte und der Individualität des Juden. In der Diskussion erklärt Prof. Momigliano, mit dem Redner nicht einverstanden zu sein, da man aus der jüdischen Religion — die eine Universalreligion sei — nicht eine Nationalreligion machen könne. Außerdem wünscht er eine Reform des jüdischen Kultus. Gegen diese Reform sprechen fast alle Redner und besonders Schriftsteller Aldo Sorani, der besonders auf die Reform in Deutschland hinweist, die in einer gänzlichen Entfremdung vom Judentum endete. Es wird folgende Resolution angenommen: „Der jung-jüdische Kongreß erklärt es für eine Aufgabe der jung-jüdischen Bewegung, gegen die überhandnehmende Gleichgültigkeit in religiösen Fragen anzukämpfen. Er erkennt die Existenz verschiedener Richtungen an und drückt die Hoffnung aus, daß dieser Gegenstand genau studiert werde und die religiösen Fragen in allmählicher Entwicklung zur Reife kommen.“ Der folgenden Sitzung präsidiert Adv. Moise Foä- Turin. Dr. Elia S. A r t o m referiert über „Die jüdische Schule in Italien“. Als ich am ersten Kongreß — sagt der Redner — mein Referat über „Die hebräische Sprache“ las, forderte ich die Einsetzung einer Kommission zur Untersuchung der jüdischen Schulen in Italien. Die Kommission wurde eingesetzt und konnte während des laufenden Jahres ihre Arbeiten beginnen. Sie wandte sich an alle Gemeinden mit einer Rundfrage über die Verhältnisse der Schulen, und fast alle — mit Ausnahme von Genua, Vercelli und Siena — beantworteten die Fragen. Alle Gemeinden haben wenigstens eine Schule, mit Ausnahme von Reggio Emilia, Cuneo und Parma. Zirka 1490 jüdische Schüler besuchten unsere Schulen im letzten Jahrgang, das sind 0,4 o,o der jüdischen Bevölkerung — ein sehr geringer Prozentsatz, wenn man bedenkt, daß selbst im entlegensten italienischen Dorf mindestens 0,5 % die Schule besuchen. In 14 jüdischen Schulen rekrutiert sich mehr als die Hälfte der Besucher aus der ärmsten Schicht der Bevölkerung, in einigen Schulen sogar 75 o/o. Redner macht einige Vorschläge, um auch die wohlhabenderen Klassen für die jüdische Schule zu gewännen. In vielen Schulen fehlen tüchtige Lehrkräfte — besonders für das hebräische Fach. Deshalb wäre es erwünscht, ein jüdisches Lehrerseminar in Italien zu gründen. In keiner Schule wird das Hebräische als lebendige Sprache unterrichtet. Ein Versuch wird jetzt nur in der Florentiner Talmud-Thora gemacht. Die Jahresausgaben für das jüdische Schulwesen in Italien belaufen sich auf etwa 200 000 Frcs. Redner schlägt dann eine Resolution vor, die unter anderem erklärt: „M an möge zur sofortigen Gründung eines Lehrerseminars schreiten, dessen Lehrer ihre Ausbildung in Palästina vervollkommnen sollen. Man möge dann den Unterricht des Hebräischen als lebendige Sprache, von den Kindergärten angefangen, einführen. (Allgemeiner Beifall.) In der Diskussion vertritt Rabb. Dante Lattes einen Vorschlag des Dr. Israel Zoller (Triest) betreffend Publikation einer jüdischen Geschichte in italienischer Sprache. Der Antrag wird per Akklamation angenommen und es wird eine Kommission gewählt, die mit der Ausführung dieses Vorschlages beauftragt wird. In dieser Sitzung selbst wird der Grund zur Bildung der „Federation der jüdischen Jugend in Italien** gelegt und das Turiner vorbereitende Komitee zum Vorstand ernannt. ln der nächsten Sitzung, in der Herr Emilio Bachi den Vorsitz führte, referierte Herr Dr. Umberto C a s s u t o (Florenz) über das Thema: „Für eine Geschichte der Juden in Italic n.“ Am ersten Kongreß — führt der Redner aus -- habe er die Bildung eines Vereins vorgeschlagen, der das Material zu einer Geschichte der Juden in Italien sammeln sollte. Im Laufe des Jahres ist auch dieser Verein gebildet worden; er bestehe aus 30 der besten Forscher in Italien. Redner schlägt dann folgende Tagesordnung vor: „Der zweite Kongreß der jüdischen Jugend empfiehlt die Verbreitung der jüdischen Geschichte, und besonders der italienischjüdischen, unter der Jugend. Die Jugend verpflichte sich, den Geschichtsvereinen mit allen Mitteln beizustehen.“ Die Tagesordnung wird per Akklamation angenommen. In der Diskussion drückt Oberrabb. Prof. Bola ff io (Turin) den Wunsch aus, daß in allen Städten wieder die alte Jeschiba erstehe, wo jüdischer Geist gepflegt werde. Adv. S u 11 a m , in Abwesenheit des Referenten Dr. David Prato, spricht kurz über „Die Juden in Tripolis“. Die italienischen Juden müßten dafür sorgen, daß den tripolitanischen Juden nicht das Schicksal der algerischen Juden bereitet werde; besonders die Juden im Inneren, unter denen es viele Ackerbauer gebe, müßten bei ihrem Beruf bleiben. Uns fehlen Ackerbauer und eine der Hauptaufgaben des Zionismus sei eben, das jüdische Volk zur Scholle zurückzuführen. (Beifall.) Dr. Modena schlägt vor, daß der nächste Kongreß in Rom abgehalten werde. (Beifall.) U g o A y o , Redakteur des „Corriere Israelitic o“, dankt im Namen seiner römischen Freunde für die Wahl Roms zum dritten Kongreßort. Aldo Sorani konstatiert unter allgemeinem Enthusiasmus die zufriedenstellenden Resultate des