Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 143 &iei|kelt Der zweite Kongreß der jüdischen Jugend in Italien (Von unserem Berichterstatter.) Wir berichteten in Nr. 1 dieses Jahrgangs kurz über den Jüdischen Jugendkongreß, der vom 22.-25. Dezember in Turin stattfand. Unser Berichterstatter übermittelt uns nun einen ausführlichen Bericht, den wir hier wiedergeben, da er ein sehr interessantes Bild von den Stimmungen des modernen italienischen Judentums gibt. Die erste Sitzung wurde'im großen Saale des Co lieg io lsraelitico, der bis auf den letzten Platz gefüllt war, eröffnet. Den Vorsitz führt der Oberrabbiner von Turin, cav. Giacomo Bolaffio, der die Delegierten mit tiefempfundenen Worten begrüßt und besonders die Tätigkeit der Florentiner hervorhebt, die zuerst den Plan einer Organisation der jüdischen Jugend verfochten. Es folgen eine Reihe von Begrüßungsansprachen seitens des Präsidenten der Turiner Gemeinde, Commendatore Benedetto Foä, des Dr. Umberto Cassuto, der hebräisch spricht, des Herrn Adv. Felice Ravenna, Ferrara, Präsident der Federation der italienischen Zionisten, und des Herrn E m i 1 i o B a c h i, der die Anwesenden im Namen des vorbereitenden Komitees begrüßt. Dann erteilt der Vorsitzende dem ersten Referenten Adv. Alfonso Pacific!, das Wort, der über „Die hebräische Sprache“ referiert. Der Redner führt aus, daß die Pflege der hebräischen Sprache nötig sei, um das jüdische Bewußtsein zu erhalten. Eine der Hauptursachen des Verfalls des Judentums liege in der Vernachlässigung der Sprache. Wir müssen von der Uebersetzung unserer Gedanken zum Original zurückkehren. Wir müssen unsere Nationalsprache wiedererwerben, denn in der hebräischen Sprache findet unser Denken und Fühlen seinen natürlichen Ausdruck. Sowohl unsere national Denkenden wie die Religiösen müßten in diesem Streben einig sein. Ist aber die Wiedererweckung der hebräischen Sprache als Umgangssprache überhaupt möglich? Das Beispiel Ben-Jehud a s solle uns lehren. Als dieser nach Palästina kam, sprach man dort nicht hebräisch. Dieser Mann sagte sich: ich werde hebräisch sprechen, meine Frau wird hebräisch sprechen, meine Söhne werden hebräisch sprechen, ganz Palästina wird hebräisch sprechen. Und heute spricht man überall in Palästina hebräisch. Redner zitiert noch andere Beispiele und besonders die galizischen und russischen Schulen, wo die Methode Ivrith be’ivrith eingeführt ist. Warum soll nicht in Italien möglich sein, was in anderen Ländern gelungen ist? Die praktischste Art, eine Sprache zu erlernen, sei, in das Land zu gehen, wo sie gesprochen wird. Deshalb empfehle sich von selbst der Vorschlag, für den Redner schon früher in der hiesigen Presse Propaganda gemacht hatte, eine Borsa di Studio palestinese zu schaffen. Zweck dieses Stipendiums solle sein, junge Leute, die bereits genügende hebräische Kenntnisse besitzen und das Hebräische auch sprechen lernen wollen, für ein oder zwei Jahre nach Palästina zu entsenden, nach ihrer Rückkehr müßten sich diese jungen Leute dem Unterricht des Hebräischen widmen. (Langanhaltender Beifall.) In der lebhaften Diskussion, die diesem Referat folgt, heben Prof. Kräuterkraft und Schriftsteller Aldo S o - r a n i besonders die Notwendigkeit hervor, überall P r o - Cultura Vereine zu gründen, die die Propaganda der hebräischen Literatur und Geschichte fördern könnten. Rabb. Dante Lattes (Triest) meint, der Redner habe übertrieben, als er forderte, sich der hebräischen Sprache als Umgangssprache zu bedienen. , Dies sei in Italien immöglich, da wir im Exil lebten, in einem Lande, das unserer Sprache und Literatur fremd sei. Man müßte zufrieden sein, wenn man dazu kommen könnte, der hebräischen Sprache sich soweit bedienen zu können, um unser Selbst, unsere jüdische Seele wiederfinden zu können. Auch Adv. F e 1 i c c Ravenna meint, daß der Redner übertrieben habe. Man müßte das Hebräische wie die modernen Sprachen unterrichten. In diesem Sinne sprechen viele andere Redner. In der Erwiderung konstatiert der Referent, daß alle Kongressisten im Prinzip einig seien: man müsse zur Erlernung der hebräischen Sprache wiederkehren und das dürfe man mit großer Genugtuung konstatieren. Auch gegen die Einrichtung der „Borsa di Studio palestinese“ sei nichts eingewandt worden. Nun müsse sie in die Tat umgesetzt werden. Er schlägt hierfür ein Komitee vor. Darauf wird folgende Resolution angenommen: „Der II. Kongreß der jüdischen Jugend, überzeugt von der Notwendigkeit der Renaissance der hebräischen Sprache, spricht den Wunsch aus, daß 1. die jüdischen Gemeinden und alle jüdischen Institutionen zur Verwirklichung dieses Programms durch die Borsa di studio palestinese nach Kräften beitragen; 2. daß durch unaufhörliche Propaganda die Idee der Wiederbelebung des Hebräischen in immer weiteren Kreisen verbreitet werde.“ Die zweite Sitzung wird vom Adv. Felice Ravenna geleitet. Sie beginnt abends 9 Uhr. Der große Saal ist voll besetzt. Unter den Anwesenden befinden sich die markantesten Persönlichkeiten der Turiner Gemeinde. Der Vorstand ist korporativ erschienen. Unter den Eingeladenen sind auch viele Frauen und Mädchen. Der Präsident eröffnet die Sitzung, indem er dem Publikum Dr. David Krinkin vorstellt, der soeben von seiner Palästinareise zurückgekehrt ist. Unter regem Interesse des Publikums schildert der Redner den Aufschwung der jüdischen Kolonisationstätigkeit. Er gibt zunächst eine historische Darstellung der Palästinaidee. Dann schildert er ausführlich die Entwicklung der Kolonien und das neue jüdische Leben in Palästina. Er spricht über das Schulwesen und hebt besonders die Tätigkeit des Hebräischen Gymnasiums und des „Bezalel“ hervor. Redner, der über eine Stunde voll Enthusiasmus über die Renaissance Palästinas gesprochen hat, schließt dann mit folgenden Worten: „Endlich ist Palästina das Land geworden, wo ihr einen stolzen Juden findet, der sich nie beugt und sich nicht schämt, öffentlich zu erklären: ich bin Jude und bin stolz darauf!“ Der stürmische Beifall zeigte uns das Interesse, mit dem das Publikum dem Redner gefolgt war. Die Rede Dr. Krinkins war einer der besten Erfolge der Tagung. Ihr folgten interessante kinematographische Projektionen, die dem Publikum ein lebendiges Bild von der jüdischen Kolonisation gaben. Mit stürmischem Beifall wurden die Bilder Herzls und Nordaus begrüßt. Die Diskussion, die diesem Referat folgte, zeigte uns, daß auch von seiten der Nichtzionisten der kolonisatorischen Tätigkeit in Palästina Sympathie entgegengebracht wird. Es wurde am Schluß der Sitzung folgende Tagesordnung angenommen: „Bezüglich der zionistischen Bewegung, die den Juden ein jüdisches Ideal, und jenen Juden, die sich nach einem Heimatland sehnen, ein Gebiet, wo sie frei leben könnten, geben will, beschließt der Kongreß, mit allen Mitteln dahin zu arbeiten, daß diese Hoffnungen Verwirklichung finden.“ Die dritte Sitzung wird \on Herrn Dr. Umberto Cassuto geleitet. Herr Emilio Bachi aus Turin hält eine Rede über „Die beste und praktischste Art, die jüdische Jugend in Italien zu organisieren“. Nach eingehender Untersuchung der Ursachen, die zum Verfall des Judentums in Italien führten, kommt der Referent zu dem Schluß, daß das einzige Mittel zur Belebung des Judentums in Italien die Gewinnung der Jugend sei. Redner schlägt dann folgende Resolution vor, die einstimmig angenommen wird: „Der zweite Kongreß der jüdischen Jugend erkennt die Notwendigkeit der Sammlung aller jüdischen Kräfte, welche die Re-