Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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142 Nr. 5 Der Wiener jüdische Volksrat befaßte sich eingehend mit den im laufenden Jahre auszuführenden Bauplänen der Kultusgemeinde, die sich auf ungefähr 15 Millionen belaufen sollen. (Kinderspital in der Leopoldstadt, Gemeindetempel, Amtsgebäude und Friedhof.) Da es nach den bisherigen Erfahrungen leicht geschehen könnte, daß die Arbeiten an einzelne Firmen vergeben werden, ohne daß ordnungsmäßig allen jüdischen künstlerischen, technischen, gewerblichen und kaufmännischen Kräften Gelegenheit geboten würde, ihr Angebot zu stellen, überreichte der Volksrat der Gemeinderepräsentanz ein bezügliches Memorandum und beschloß, Willenskundgebungen der betreffenden Fachvereine anzuregen, sowie eine Massendemonstration zu veranstalten, um zunächst zu verhindern, daß die Arbeiten für den Spitalsbau nach freiem Ermessen unter der Hand vergeben werden. Der Kultusvorstand scheut die Oeffentlichkeit. Es ist daher Pflicht der Opposition, die Agenden der Kultusstube vor die breite Wählerschaft zu bringen, und ihre Meinung einzuholen. Ein Gutachten englischer Gelehrter zum Beilis-Prozeß (Von unserem Berichterstatter.) London. Der Board of Deputies hat in seinem Jahresbericht einen interessanten Passus über den Beilis-Prozeß, der von allgemeinem Interesse ist. Es wird dort folgendes berichtet: Als man erfuhr, daß Beilis nicht des gewöhnlichen Mordes, sondern des „Ritualmordes“, bezichtigt wird, daß ein gewisses medizinisches Gutachten die Grundlage dieser Anklage bildet, wurde das betreffende Gutachten und die dazu gehörigen Akten den hervorragendsten wissenschaftlichen Koryphäen Englands unterbreitet. Es wurde nun von diesen festgestellt, daß das russische Gutachten jeglicher Grundlage entbehre, und daß die Akten ganz entschieden gegen die Annahme eines Ritualmords sprechen. In dem Bericht wird die Hoffnung ausgesprochen, daß das englische Gutachten in dem bevorstehenden Prozesse benutzt werden wird. Ein Interview mit den Balkandelegierten in London über die Judenfrage Lon d o n. Im Aufträge des „Jewish Chronicle“ hatte unser Gesinnungsgenosse Dr. S. M. Melamed vorige Woche eine Unterredung mit den Friedensdelegierten der Balkanstaaten über die Rechtslage der Juden in den vom Balkanbund eroberten Gebieten. Dr. Daneff, der Chef der bulgarischen Delegation, äußerte sich u. a. wie folgt: „Die 40000 Juden Bulgariens befinden sich im Vollbesitze aller bürgerlichen Rechte und Freiheiten. Sie nehmen am staatlichen Leben mit demselben Eifer und Ernst teil wie die besten meiner eigenen Volksgenossen. Unser nationaler Handel liegt in ihren Händen, und wir wüßten in der Tat ohne sie nichts anzufangen. Sie sind keine Jobber, wie ihre Feinde behaupten, sondern. Kaufleute im besten Sinne des Wortes. Namentlich jetzt sind die Juden uns durchaus unentbehrlich, denn sie sind berufen, die neueroberten Gebiete wirtschaftlich zu erschließen und so das Werk der Bulgaren erst nutzbar zu machen. Bezüglich der jüdischen Bevölkerung der neuen bulgarischen Provinzen kann ich feierlich versichern, daß sie mit ihren Brüdern in Altbulgarien vollständig gleichgestellt sein werden. Keine Macht der Welt kann uns verleiten, unseren guten Traditionen nach dieser Richtung hin untreu zu werden. Auch Rußland, dem wir sehr zu Dank verpflichtet sind, könnte uns niemals bewegen, eine antisemitische Politik gegen die Juden unseres Landes einzuschlagen. Es gibt in Bulgarien jüdische Richter, aktive jüdische Offiziere, höhere jüdische Staatsbeamte und jüdische Abgeordnete, die den verschiedensten politischen Parteien angehören.“ — Dr. Daneff gab schließlich seiner Verwunderung Ausdruck, daß einzelne von Juden geleitete europäische Tageszeitungen die Partei des judenfeindlichen Rumäniens gegen Bulgarien ergreifen. Herr Venizelos, der Chef der griechischen Friedensdelegation, versichert ebenfalls in einem Schreiben an den „Jewish Chronicle“, daß die Juden in Griechenland in jeder Beziehung mit dem hellenischen Bevölkerungsteil gleichberechtigt sind und die griechische Regierung es mit den jüdischen Bewohnern der neubesetzten Gebiete ebenso halten werde. Bezüglich der Ausschreitungen in Saloniki sagte der Kabinettschef des Herrn Venizelos in seiner Unterredung mit Dr. Melamed, daß die griechische Regierung über die Vorgänge in Saloniki anfänglich falsch unterrichtet worden sei (!), sonst hätte sie gleich energische Maßregeln zum Schutze der jüdischen Bevölkerung eigriffen. Ein anderes Mitglied der griechischen Friedensdelegation, der Wiener Gesandte Dr. v. Streit, sagte dem Interviewer, der größte Teil der Berichte von den judenfeindlichen Ausschreitungen der Griechen in Saloniki stamme aus tendenziöser türkischer Quelle. (!) In Wirklichkeit lebten Juden und Griechen in Saloniki friedlich nebeneinander. (!) Wenn die griechischen Staatsmänner glauben, durch derartige „Darstellungen“ die Greueltaten von Saloniki sühnen und das Vertrauen der Juden gewinnen zu können, so werden sie sich gründlich täuschen. Von einer Bestrafung der griechischen Pogromhelden in Saloniki hört man noch immer nichts und auch die Londoner Friedensdelegierten Griechenlands haben sich über diesen Punkt gründlich ausgeschwiegen. Unter diesen Umständen erscheinen die feierlichen Beteuerungen von der Freiheits-, Friedens- und Gerechtigkeitsliebe der Hellenen sowie von den freundschaftlichen Beziehungen des griechischen Herrscherhauses zu einzelnen Juden als leere Redensarten, die niemanden über die judenfeindliche Gesinnung weiter griechischer Volks- und Regierungskreise hinwegtäuschen können. Eine Aktion zu Gunsten jüdischer Gefangener in Belgrad (Von unserem Berichterstatter.) Belgrad. Herr J. Molho, Kaufmann aus Saloniki, kam im Aufträge des dortigen Großrabbiners Jacob Meir hierher, um von der Regierung die Befreiung der jüdischen Gefangenen zu erbitten. Mit Hilfe hiesiger jüdischer Bürger gelang es Herrn Molho, von der Regierung die Repatiierung der jüdischen Gefangenen zu erlangen, so daß die 80 jüdischen Gefangenen nach Hause geschickt wurden. Massenausweisungen von Juden aus Petersburg Petersburg. Seit einiger Zeit hat hier ein Massenauszug jüdischer Familien eingesetzt, die sich nach dem sogenannten Ansiedlungsrayon begeben. Der Grund dieser Erscheinung liegt in der Verschärfung der Bestimmungen, die den Aufenthalt der Juden in der russischen Hauptstadt beschränken. In sämtlichen Stadtvierteln Petersburgs ist neuerdings das Wohnrecht der dort ansässigen jüdischen Kaufleute und Handelsangestellten „revidiert“ und den neuen Vorschriften entsprechend eingeschränkt worden. Gleiche Vorschriften wurden auch für Finnland er-