Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 141 DIESqEELT mit Dr. Ehrenpreis eine Privataudienz bei der Königin. Sie empfing uns außerordentlich wohlwollend und liebenswürdig und gab uns in einer halbstündigen Audienz für unsere Arbeit, die sie in jeder Weise zu unterstützen versprach, schätzenswerte Anregungen und Winke. Am Schluß der Audienz kam auch seitens der Königin die rumänische Judenfrage zur Sprache. Sie sprach freimütig und human über die Verhältnisse. Am Freitag wurden wir vom König in Audienz empfangen. Auch beim König war der Empfang überaus freundlich und wohlwollend. Der Monarch unterhielt sich mit uns über eine Stunde in sehr angeregtem Gespräch. Wir setzten auch ihm wie der Königin die Aufgaben auseinander, die die vereinigten jüdischen Organisationen gegenüber den Opfern des Krieges erfüllen wollen. Er dankte und versprach seine volle Unterstützung. Besonders interessierte den König das Schicksal Adrianopels. Er legte der Tatsache, daß fast 1/1 der Bevölkerung Adrianopels aus Juden besteht, große Bedeutung bei. Die Angaben über die Einwanderung der seinerzeit vertriebenen Juden aus Spanien und Portugal nach der Türkei, die Beibehaltung ihrer Sprache usw. schienen ihm von großem Interesse zu sein. Der König versicherte wiederholt, daß alle Juden in seinem Reiche auf sein Wohlwollen rechnen könnten und völlig gleichberechtigt behandelt werden und behandelt werden sollen. Zur „Ausländerfrage“ an den deutschen Universitäten (Eine Kliniker Versammlung in Berlin.) Berlin. Mit dem Erlaß des preußischen Kultus-Ministeriums vom Id. Dezember 1912, der den Forderungen der Hallenser Klinikerschaft entgegenkam, schien der Grund zu den Beschwerden gegen die „ausländischen“ Studenten beseitigt zu sein. Aber der deutsche Antisemitismus, der diese Bewegung gegen die „Russen“ hervorrief, läßt sich an diesem Siege nicht genügen. Als in Berlin eine Anzahl „deutscher Medizinstudierender in klinischen Semestern“ ihre deutschen Kommilitonen zu einer Versammlung am 23. Januar einlud, war man in jüdischen Akademikerkreisen über den Zweck dieser Versammlung völlig im klaren. Daher nahmen auch fast sämtliche Mitglieder der Vereine jüdischer Studenten an der Universität Berlin, der K. Z. V.-Verbindung „Hasmonaea“ und der K. O.-Verbindüng „Sprevia“ an der Versammlung teil. Der Verlauf der gut besuchten Versammlung sollte alle Befürchtungen bestätigen. Gleich der erste Referent ließ die Worte fallen, die Bewegung richte sich nicht gegen alle Ausländer, sondern hauptsächlich gegen die Russen, besonders die russischen Juden. Allerdings vermied es der Hauptredner, der Leiter des Hallenser Streiks, mit großer Geschicklichkeit, Farbe zu bekennen und betonte lieber die zum Teil berechtigten Beschwerden der inländischen Kliniker. Als wesentliche Forderungen stellte er auf: 1. Die Ausländer müssen ein Reifezeugnis beibringen, das dem deutschen Abiturientenexamen entspricht. 2. Die Ausländer müssen zur Immatrikulation ein von der Heimatsbehörde ausgestelltes Führungszeugnis vorlegen. 3. Die Erlaubnis des Praktizierens, sowie die Zulassung zur Doktorprüfung ist von der Vorlegung eines deutschen Zeugnisses über eine Prüfung in der deutschen Sprache abhängig zu machen. 4. Es dürfen nur solche Ausländer praktizieren, die die ärztliche Vorprüfung bestanden haben. 5. Die Zahl der Ausländer ist prozentual zu beschränken. 6. Die Ausländer haben die doppelten Gebühren zu entrichten. 7. Die Ausländer erhalten die Kolleggelder nicht gestundet. S. Die Ausländer haben sich bei der Inskription in eine besondere Liste einzutragen und sollen erst einige Zeit nach der für die Inländer festgesetzten Inskriptionszeit belegen dürfen. 9. Die Verwendung der Ausländer zu Famuli- und Volontärstellen darf erst erfolgen, wenn die reichsdeutschen Studenten berücksichtigt worden sind. In der Debatte wurden zwar die Herren des Vorstandes auf die oben zitierte Aeußerung über die russischen Juden festgelegt, doch zogen sie es vor, jede antisemitische Absicht abzustreiten. Eine redliche Klärung der Streitfrage konnte also nicht erzielt werden. Die Redner der deutschnationalen Partei variierten mit großer Gewandtheit immer wieder ihre Klagen und setzten den verfänglichen Fragestellungen der jüdischen Redner geheucheltes Erstaunen entgegen. Dazu kam, daß die Debatteführung seitens der Juden keineswegs auf der Höhe stand. Am eindrucksvollsten sprach unser Gesinnungsgenosse Dr. med. Z w i r n. In hohem Grade bedauerlich war das Verhalten der Redner aus den Reihen der assimilatorischen K.-C. er. Einer dieser Herren ging so weit, zu erklären, daß sie die den Antisemitismus ableugnende Erklärung der Einberufer loyal zur Kenntnis nehmen wollten, gegen die Ausländeraktion im Prinzip nichts mehr einzuwenden hätten und nur allzu große Schärfen, wie die Prozentnormforderung, vermieden sehen möchten. - Unter diesen Umständen war das Resultat der Abstimmung ganz im Sinne der Deutschnationalen. Eine Gegenerklärung jüdischer Kliniker ist wohl geplant, wird aber kaum irgendwelche Wirkung ausüben. Aus dem Wiener jüdischen Gemeindeleben (Zwei Anträge der zionistischen Kultusräte. - Eine Aktion des Wiener jüdischen Volksrates.) (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die zionistischen Mitglieder des Kultusvorstandes überreichten zwei Anträge, welche hoffentlich das volle Verständnis des Vertreterkollegiums finden werden, das sie zunächst zu behandeln hat. Der erste fordert prinzipielle Oeffentlichkeit derSitz ungen desPlenums, natürlich unter Berücksichtigung jener Fälle, deren vertrauliche Behandlung geboten erscheint. Es erübrigt sich, die an dieser Stelle wiederholt besprochene Wichtigkeit und Dringlichkeit dieses Antrages nochmals zu erörtern. Kein Vorstandsmitglied, dem die Würde unserer Repräsentanz und eine gedeihliche Entwicklung der jüdischen Großgemeinde Wiens am Herzen liegt, wird dem Oeffentlichkeitsprinzip entgegentreten können. Der zweite Antrag betrifft die Einsetzung einer Palästinakommission und lautet: In Anbetracht der aktuellen Frage der Hilfsbedürftigkeit der im nahen Orient seßhaften Juden, ferner der Wichtigkeit dieses Ländergebietes für die Niederlassung eines Teiles der aus Osteuropa emigrierenden Stammesgenossen, ferner in Anbetracht der immer steigenden Bedeutung der jüdischen Siedlung in Palästina für das Ansehen des Gesamtjudentums, für die Entwicklung der hebräischen Sprache und die Regenerierung des jüdischen Volkes, beantragen wir: „Der Kultusvorstand beschließt die Einsetzung einer zumindest aus acht Mitgliedern bestehenden Palästinakommission. In diese Kommission, welche jederzeit zur Beiziehung von Experten berechtigt ist, können auch Personen berufen werden, welche dem Kultusvorstand nicht angehören. Diese Kommission hat die Aufgabe, sich über die jüdische Siedlung in Palästina fortlaufend zu informieren, allen Entwicklungsmöglichkeiten dieser Siedlung ihre ständige Aufmerksamkeit zuzuwenden, über die Ergebnisse ihrer Erhebungen dem Kultusvorstande zeitweise zu berichten und Vorschläge zur Förderung der erwähnten Siedlungen zu erstatten.“ Auch diese zeitgemäße Forderung unserer Vertreter im Kultusvorstande spricht für sich und bedarf in diesen Blättern keines Kommentars.