Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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140 DIE LT Nr. 5 ln der Nacht vom 13. auf den 14. Januar, der hiesigen Neujahrsnacht, reisten wir nach Sofia. Die Bahnstrecke war überall militärisch besetzt. Wir kamen am 14. Januar gegen 11 Uhr (statt fahrplanmäßig 7 Uhr) morgens in Sofia an. Am gleichen Tage um 5 Uhr nachmittags hatten wir eine offizielle Sitzung im Hause des Großrabbiners Dr. Ehrenpreis, die von Berlin aus bereits telegraphisch vorbereitet war, mit dem Zentralkomitee für Bulgarien. Während wir m Serbien von der Einsetzung eines besonderen Komitees Abstand nehmen konnten, setzten wir in Sofia ein Zentralkomitee ein. Dem Zentralkomitee unterstehen die in ganz Bulgarien und in den okkupierten Gebieten, soweit eine Verbindung mit diesen bisher herbeigeführt werden konnte, schon eingerichteten Lokalkomitees, die wir gleichfalls bestätigten. Generell wurde von uns erklärt, daß wir in den vom Krieg nicht berührten Gebieten, die sich in Not befinden, nur subsidiär helfend eingreifen können, nur dann, wenn sowohl die politische Gemeinde wie die jüdischen wohlhabenden Glaubensgenossen selbst entsprechende Zuschüsse machen. Das Zentralkomitee legte uns vollständig glaubhaft dar, daß in Bulgarien tatsächlich die Hilfeleistung auch in dieser Weise gehandhabt wird. Es wurde uns nachgewiesen, daß man bisher fast ohne Hilfe von außen ausgekommen sei. Für den Monat Januar (julianischer Kalender) seien aber die einheimischen Mittel erschöpft, für ganz Bulgarien ist für diese Zeit ein Betrag von 60000 Frcs. notwendig. Davon sind von den verschiedenen eingegangenen Geldern von auswärts noch vorhanden 30000 Frcs., 20 000 Frcs. sollen in Bulgarien aufgebracht werden. Wir fanden es nach Lage der Verhältnisse für richtig, die restlichen 10000 Frcs. zu bewilligen. ln den eroberten Gebieten liegen die Verhältnisse anders, die Wunden des Krieges sind schwerer, die örtliche Bevölkerung ist selten in der Lage, ihrerseits etwas Wesentliches beizusteuern. Wir bewilligten für diese Gebiete, soweit Bulgarien sie okkupiert hat, vorerst einen Dispositionsfonds bis 5000 Frcs. Für das ehemalige Bulgarien (also mjit Ausschluß natürlich der eroberten Gebiete) halten wir mit unserer Bewilligung ■die Hilfsaktion für ganz oder doch fast ganz, soweit w i r in Betracht kommen können, abgeschlossen, vorausgesetzt, daß der Krieg nur noch kürzere Zeit dauert. Nach Lage der Verhältnisse müssen wir aber die baldige Etablierung von Leihkassen, um der jüdischen Bevölkerung wirtschaftlich wieder aufzuhelfen, seitens der Ica aufs allerwärmste befürworten. Wir haben die Ueberzeugung gewonnen, daß unsere bulgarischen Glaubensgenossen in entsprechender Höhe sich finanziell an diesen Leihkassen sicherlich beteiligen werden. Die Frage von Adrianopel mußte für sich allein behandelt werden. Wann die Stadt wieder zugänglich wird, läßt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen, immerhin kann das schon in verhältnismäßig kurzer Zeit eintreten. Es war nötig, in zweifacher Weise Vorsorge zu treffen. Einmal muß das, was in Bulgarien nicht erhältlich ist, aus dem Auslande schon jetzt herbeigeschafft werden; was hier zu bekommen ist, muß angekauft und in die Nähe Adrianopels gebracht werden, damit im Augenblick der Zugänglichkeit für die Kranken und Halbverhungerten sogleich Hilfe vorhanden ist. Die Kosten, die die Hilfe für Adrianopel erfordert, werden sehr bedeutend sein. Wir müssen nach allem, was wir erforscht haben, von den 25 000 Juden, die eingeschlossen sein dürften, 10000 mit allen Lebensbedürfnissen für mindestens acht Tage unterstützen; leider läßt sich sagen, daß auch schwere Krankheiten in Adrianopel herrschen, wahrscheinlich Erkrankungen der Atmungswege, Typhus, Lungenentzündungen, Dissenterie, Pocken, vielleicht auch Cholera. Nach genauen Berechnungen brauchen wir an Lebensmitteln, Heizung, Kleidung usvv. mindestens 52 000 Frcs., ein Dispositionsfonds für unvorhergesehene notwendige bare Geldausgaben muß bereitgestellt werden; wir bewilligten dafür. 13000 Francs. Da größter Mangel an Aerzten und Schwestern herrschen wird, haben wir bereits einen jüdischen Arzt vom russischen Roten Kreuz für 20 Frcs. pro Tag engagiert, ferner haben wir zwei Krankenschwestern aus Berlin bestellt, die Medikamente, kondensierte Milch, Erbsmehl und für Kranke und Schwache andere Dinge, die in Bulgarien nicht zu haben sind, mitbringen. Wir rechnen für Arzt, Schwestern, Medikamente sowie für Krankenpflege 10000 Frcs. Es liegt weiter im Interesse einer schnellen Gesundung der Verhältnisse, sobald Adrianopel offen ist, daß diejenigen, die nur durch die Belagerung vorübergehend in Not sind, so schnell wie möglich in den Stand gesetzt werden, wieder ihre Tätigkeit aufzunehmen, daß die aus anderen Orten Geflüchteten möglichst rasch zurückkehren, um die Stadt von Nichtansässigen zu leeren. Für diesen Zweck halten wir eine provisorische, nur für die Beseitigung der Augenblicksnot berechnete Leihkasse für notwendig, für die 20000 Frcs. von uns bereitgestellt werden sollen, aber nur in dem Falle, wenn die wohlhabenden Glaubensgenossen in Adrianopel ihrerseits hinreichende Garantie für die Rückzahlung dieser" Summe geben. Sollte eine solche Aenderung der Kriegslage eintreten, daß man die angehäuften Lebensmittel überhaupt nicht nach Adrianopel hineinbringen kann, so sind diese doch zu benutzen, um statt Geld an die Opfer in Thracien und Macedonien verteilt zu werden. Außerdem wird nur der Bedarf für zwei bis drei Tage sofort gekauft, also etwa ein Drittel der ganzen Summe, der andere Teil wird auf Abruf bereitgehalten. - Arzt, Krankenschwestern und Medikamente sind auch außerhalb Adrianopels für eine Zeitlang notwendig und verwendbar. Einstweilen sollen allerdings Arzt und Schwestern für Adrianopel zur Verfügung bleiben. Sollte es noch einige Zeit dauern, bis Adrianopel wieder offen wird, so haben wir uns entschlossen, diese drei Personen der Königin für Zwecke der Krankenpflege ohne Beschränkung auf die Juden einstweilen zur Verfügung zu stellen. . Wir glauben auf diese Weise dazu beizutragen, das gute Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden und zwischen den Juden und den Behörden zu kräftigen. Die Durchführung unserer Pläne und unserer Hilfsaktion ist in den jetzigen Zeiten und Verhältnissen zweifellos nur erreichbar, insofern die bulgarische Regierung uns ihre Unterstützung und ihr Wohlwollen zu gewähren bereit ist. Insbesondere ist eine Reise in die eroberten Gebiete, um nur eines hervorzuheben, nicht durchführbar, wenn nicht die Militär- und Zivilbehörden eine ausdrückliche und besondere Erlaubnis hierzu gewähren. Seitens der serbischen Regierung haben wir diese Erlaubnis durch Vermittlung des deutschen Gesandten für die deutschen, durch Vermittlung des englischen Gesandten für das englische Mitglied unserer Kommission erhalten. Von der bulgarischen Regierung mußten Erlaubnisscheine seitens des Ministers des Innern und des Kriegsministers eingeholt werden. Bei dieser Sachlage war es geboten, mit den Ministern und wenn möglich mit dem König sowie auch mit der Königin, die alle humanitären Bestrebungen unter ihre Patronage genommen hat, in unmittelbare Beziehung zu treten. Wir haben Unterredungen gehabt mit dem Handelsminister, der den abwesenden Finanzminister vertritt. Wir erlangten von ihm die Zusage, daß er, wenn nur irgend möglich, die vom Ausland einzuführenden Waren zollfrei lassen werde. Dann mit dem Eisenbahnminister, der uns ermäßigte Tarife für die Beförderung der Waren und beschleunigten Transport an den Bestimmungsort zusagte. Der Minister des Innern, bei dem wir gleichfalls waren, hat uns gemeinsam mit dem Kriegsminister Passierscheine für alle eroberten Gebiete ausgestellt, in denen die Behörden gleichzeitig aufgefordert werden, uns größtes Entgegenkommen zu beweisen. Schließlich waren wir beim Ministerpräsidenten und Minister des Aeußeren G e s c h o w. Am Donnerstag abend um 7 Uhr hatten wir zusammen