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Die Welt · 1913-01-31 · 5 (31.1.1913) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 P1E3CTELT 139 teilweisen Nachlaß der bestehenden Forderungen bewilligen wollen. Alle diese Schwierigkeiten würden sich noch ganz erheblich steigern, wenn eine der beiden Mächte, die Ansprüche auf Saloniki erheben, Griechenland oder Bulgarien, in den definitiven Besitz der Stadt gelangen würde. Das würde den vollständigen Ruin unseres Handels und zugleich der jüdischen Gemeinde -bedeuten, denn dann würden die weiten Gebiete, die heute das wirtschaftliche Hinterland von Saloniki bilden, für uns durch Zollmauem verschlossen sein, die unübersteiglich sind. Damit wäre der Handel von Saloniki gelähmt und die Juden, welche die Majorität der Bevölkerung bilden, würden zum größten Teil auswandern müssen. Es gibt daher nur ein Mittel, um diesen Ruin zu verhindern: aus Saloniki einen freien Hafen, eine freie Stadt zu machen. Die zionistische Bewegung in Saloniki Die Verfolgungen, unter denen die Juden seit dem Einmarsch der Griechen zu leiden haben, und der Wechsel der politischen Herrschaft haben neuerdings hier eine Stimmung geschaffen, die dem Zionismus sehr günstig ist. Alle Klassen der Bevölkerung haben sich dem nationalen Ideal zugewandt, da sie eingesehen haben, daß nur die große nationale Bewegung dem Judentum das Heil bringen kann. Man ist sich darüber klar geworden, daß die Juden ein unteilbares Ganze bilden müssen, um ihren Feinden zu widerstehen. So bemerken wir in letzter Zeit viele Aeußerungen jüdisch-nationaler Gesinnung, auch von solchen Leuten, die der Bewegung früher feindlich waren. Neben dem Cercle Makkabi hat sich ein neuer zionistischer Klub gebildet, dem etwa 50 Personen angehören. Diese beiden Gruppen haben sich nun, um jede Zersplitterung der Kräfte zu vermeiden, vereinigt. Kürzlich veranstaltete der Turnverein Makkabi einen Vortragsabend. Herr A. P a r d o sprach über das Leben des Herrn Joseph Marco Barouch, jenes begeisterten Apostels des Zionismus, der in Bulgarien wirkte, in Philippopel die Zeitschrift Carniel redigierte, in Tunis und Marokko für den Zionismus kämpfte. Es wurde einiges aus seinen Schriften und Gedichten vorgelesen und für eilten Gelbaum im Herzlwald auf seinen Namen gesammelt. Zum Schluß wurde die Hatikvvah angestimmt. Auf Veranlassung des Cercle Makkabi wurde eine Nationalfondskommission aus acht angesehenen Kaufleuten gebildet. Das spaniolische Blatt El Liberal, das den Zionismus früher heftig bekämpfte, hat seinen Standpunkt geändert und einen Artikel zugunsten des Zionismus veröffentlicht. Der Cercle Makkabi und der Turnverein Makkabi veranstalteten am 13. Schebat eine Soiree, deren Erfolg jede Erwartung übertraf. Die Herren Joseph U z i e 1, Isac M o 1 h o , Abraham R e c a n a t i und Herr C a i m i, Redakteur der „Revue Israelite“ in Athen, hielten begeisterte Reden über die jüdische Kolonisation und die jüdische Kultur. Es herrschte große Begeisterung bei den zahlreichen Zuhörern, es wurden hebräische Gedichte rez tiert, und Sammlungen für den Nationalfonds veranstaltet. Wir hoffen, daß die Bewegung anhalten und der großen Sache des Zionismus nützen wird. Hilfsaktion für die Juden des Balkan Wie die Zeitungen gemeldet haben, befindet sich zurzeit eine jüdische Hilfskommission, bestehend aus den Herren Dr. Paul Nathan. (Berlin), Elkan Adler (London) und Dr. Kahn (Berlin) auf einer Reise durch die Balkanstaaten und die vom Balkanbund besetzten Gebiete, um der dortigen jüdischen Bevölkerung, die sich in schwerer Bedrängnis befindet, Hilfe zu bringen. Diese Aktion scheint durch eine Konferenz jüdischer Wohlfahrtsgesellschaften veranlaßt zu sein, die vor einigen Wochen in Brüssel stattfand. An dieser Konferenz nahmen Vertreter des Hilfsvereins der deutschen Juden, der Anglo-Jewish-Association und des Ordens Bne Brith teil. Außer diesen Organisationen haben das American Jewish Committee und die lea Mittel zur Verfügung gestellt, die dem Hilfsverein zur Verteilung überwiesen wurden. Geber den ersten Abschnitt der von der genannten Kommission unternommenen Reise ist dem Hilfsverein ein genauer Bericht zugegangen, dem wir folgendes entnehmen: Sonntag, den 12. Januar, früh morgens, reisten wir über Budapest nach Belgrad. Wir trafen gegen 11 Uhr abends dort ein, hatten aber trotz der späten Stunde noch eine kurze vorbereitende Besprechung mit dem Rabbiner Dr. Alcalay, der uns am Bahnhof erwartet hatte. Die Konferenz wurde am anderen Tage fortgesetzt. Dr. Alcalay, ein für unsere Zwecke sehr eifriger Herr, schilderte uns ausführlich und detailliert die Lage der Juden in Serbien und in den von den Serben besetzten Gebieten. In Serbien leben etwa 7500 Juden. Verhältnismäßig sind sehr viele Juden eingezogen worden, aus Belgrad, wo unter Ö2 000 Einwohnern 5600 Juden leben, allein 670. Sehr viele davon sind bei der Miliz, sie sind also nicht direkt auf den Kriegsschauplatz entsandt worden. Schabads (30—35 000 Einwohner), Juden 250 Seelen, 35 Soldaten, Pirott (30 000 Einwohner), 350 Juden, 32—35 Soldaten, Pezarewats (25 000 Einwohner), Juden 150—200 Seelen, jüdische Soldaten 30. Diese Stadt hat infolge des Krieges von Belgrad her verhältnismäßig die meiste Unterstützung haben müssen. Seskowats (20 000 Einwohner), 150—200 Juden, 20 jüdische Soldaten. Vereinzelte jüdische Familien in Kruschewats, J a g o d i n a , W a 1 j e w o , Saidschar. Die von Serbien eroberten Städte, in denen Juden wohnen, sind folgende: Novibazar (6—7000 Einwohner), 40—50 jüdische Familien, haben vor dem Krieg viel durch Arnauten gelitten, im Kriege nicht. Prischtina (13—20 000 Einwohner), 60 jüdische Familien, haben vor dem Krieg ebenfalls unter Arnauten sehr gelitten, im Krieg nicht. Kumanowo (10 000 Einwohner), 10 jüdische Familien, nicht gelitten, bei Kumanowo blutige Schlacht. In Sjanitza und Feriso witsch zirka 5—6 jüdische Familien, ln Mitrowitza etwa 10, nirgends Juden geschädigt. Ebenso nicht in Ueskueb (60—70 000 Einwohner), über 2000 jüdische Seelen. Die Reichen waren nach Saloniki geflüchtet und sind jetzt zurückgekehrt. Viele zum türkischen Heer ausgehoben; dort waren auch viele türkische jüdische Soldaten aus Saloniki, die, beim Rückzug abgeschnitten, hier blieben, unterstützt werden mußten und später nach Saloniki heimkehrten. Durch direkte Kriegsschädigung haben die Juden Ueskuebs nicht gelitten. Hilfe von außen scheint nicht notwendig. M o n a s t i r (90 000 Einwohner), 12000 Juden, ca. 30—40 waren zum türkischen Heer ausgehoben. Keine besondere Schädigung von Juden erfolgt, sie können im großen und ganzen ohne fremde Hilfe auskommen. Das ist die Lage in Serbien und den von den Serben besetzten Gebieten, die wir durch eingehende Nachforschungen und Untersuchungen feststellen konnten. Diese erfreulichen Resultate lassen erkennen, daß das Verhalten der serbischen Zivil- und Militärbehörden unseren Glaubensgenossen gegenüber ein außerordentlich gutes ist. Auf Schritt und Tritt begegneten wir dem besten Einvernehmen zwischen Juden und Behörden, zwischen Juden und der übrigen Bevölkerung. Jüdische Gemeinden und Private sind stark genug, um etwaige Schädigungen durch den Krieg aus eigener Kraft gutzumachen. Wir reisten in der zuversichtlichen Hoffnung ab, daß die serbische Regierung auch die türkischen Gefangenen jüdischen Glaubens jeden Augenblick freilassen wird gegen die Sicherheit, daß sie nicht wieder gezwungen würden, gegen die Balkanstaaten zu kämpfen. Zu der eventuellen Repatriierung dieser gefangenen jüdischen Soldaten (etwa 50 bis 60 an der Zahl) war Herr S. Molcho als Vertreter aus Saloniki nach Belgrad gekommen, mit dem wir die nötigen Besprechungen hatten.

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