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Die Welt · 1913-01-31 · 5 (31.1.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
5 (31.1.1913)
Date
1913-01-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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138 LT Nr. 5 o II □□□□□□ WELTCHRONIK □ □□□□□ j) o Der neueste jungtürkische Umsturz (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Wir stehen vor dem letzten, dem allerletzten Versuche der türkischen Welt, sich vor dem drohenden Untergange zu retten. Die neueste jungtürkische Revolution, die wir an dieser Stelle wiederholt vorausgesagt haben, ist eingetreten. Sie kam sehr spät und darum kaum noch erwartet. Es hieß, die militärische, finanzielle und diplomatische Lage des Reiches sei so verzweifelt, daß selbst die Unionisten und die fanatischsten Militaristen schließlich der Friedenspolitik des Kabinetts Kiamil hätten zustimmen und all ihre Träume hätten begraben müssen. Und als auf der „Ratsversammlung“, die Kiamil zur Deckung seiner Verantwortlichkeit einberief, bevor er den Mächten die Antwort auf die Kollektivnote gab, alle unionistischen oder komiteeverdächtigen Männer fehlten, da sah man dahinter nur den begreiflichen Wunsch der Jungtürken, einem so gehaßten Manne wie Kiamil Pascha nicht seine Verantwortung vor dem Volke und der Geschichte zu erleichtern. In dem Momente aber, da das Kabinett Kiamil im Begriffe stand, das Fazit aus dem Beschlüsse der Ratsversammlung zu ziehen, in dem Momente, da zum letzten Male die unterwürfige Antwortnote im Ministerkabinett verlesen wurde, bevor sie abging, brach Enver Bev mit einer Handvoll Getreuer in die Hohe Pforte, auf seinen Stern und seinen Revolver vertrauend, zwang Kiamil zum Rücktritt, sperrte die Minister in ihren Bureaus ein, seine Mitverschworenen übernahmen die Regierung, und die Revolution war fertig. Opfer sind darüber gefallen, unbeabsichtigt scheint es, aber niemand wird sie beklagen, wenn die, die an ihnen schuldig oder unschuldig sind, wenigstens ihr hohes Ziel damit erreichen. Es gilt ja nicht weniger als die Rettung der nationalen Ehre, die Rettung des osmanischen Reiches, die Rettung des Islams. Traurigerweise kann der Weg, wenn überhaupt noch einer vorhanden ist, nur über eine Wiederaufnahme des Krieges führen. Alle die unsagbaren und unberechenbaren Greuel werden also wieder von neuem beginnen. Aber die Jungtürken müssen wohl fest daran glauben, daß sie das Kriegsglück wieder wenden können, wenn sie es aufs neue wagen. Freilich stehen dem Gelingen ernste, schwere Zweifel entgegen. In Tschataldscha ist eine mächtige Armee vorhanden, das ist wahr; jedoch fehlt es ihr an vielem, vor allem an Pferdematerial. Schlimmer als alles ist aber der Mangel an Geld. Es wird zwar behauptet, daß die Regierung, trotzdem sie die Beamtengehälter seit eineinhalb Monaten nicht bezahlte, doch noch einen Reservefonds für den Krieg besitze; auch möchte man wissen, daß die Unionisten selber gewisse Summen in Händen haben. Das bleibt indessen zu bezweifeln. Wenn Europa wirklich einig ist und die Taschen zuhält, so wird der heiligste und heldenhafteste Wille der Enver, Mahmud Schefket und Talaat die Schlachten kaum gewinnen können. Gute oder böse Freunde Deutschlands sagen, daß dieses Reich den Unionisten das nötige Geld leihen werde, wie es ihnen schon Waffen, Munition und durch Oesterreich-Ungarn auch Pferde geliefert habe. Andere Kundige in Stambul wissen, daß die jüdische Delegation, die aus Deutschland in ein paar Tagen hier eintreffen werde, nicht weniger als zwölfeinhalb Millionen Pfund Anleihe im Namen der Judenheit für die Türkei mitbringt. Und so werden weiter phantastische Rätsel geraten, ln Wirklichkeit liegen die Dinge ganz im Dunkeln. Einstweilen hat sich das neueste Ministerium gebildet, in dem es für uns interessante Persönlichkeiten gibt. Da ist der Minister der öffentlichen Arbeiten Batzaria E f - f e n d i, Christ und Kutzo-Wallache, der als ein Freund und i .. U : ——^ 1 *'.±1 ft «Vi A« Rouruounnr rlnrrV» cpinP PllKlizistik bekannt ist. Da ist ferner das Portefeuille für Ackerbau und Minenwirtschaft, von dem heute in den Blättern behauptet wird, daß es einem jüdischen Deputierten übertragen werden solle. Warten wir das ab. Ohne überspannte Hoffnungen daran zu knüpfen — denn die Situation des Kabinetts wie des Landes ist ja von sehr fraglicher Sicherheit — werden wir doch, wenn diese Voraussagung wahr wird, ein begreifliches Interesse daran haben dürfen. Auf alle Fälle läßt der neue Umsturz erkennen, daß die Verhältnisse in der Türkei leider absolut jeglicher Stabilität entbehren, und daß es müßig und übrig ist, an ihre inneren Wandlungen oder herrschenden Faktoren irgendwelche bestimmten kleinen oder großen Rechnungen zu knüpfen. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wenn das Reich nicht wieder erstarkt und gesundet, so wird die endgültige Gestaltung der Dinge mehr von außen als von innen erwartet werden müssen. Darum beschäftigt sich hier auch die allgemeine politische Phantasie damit, zu erforschen, inwieweit eine oder die andere Großmacht die neueste türkische Entwicklung begünstigt oder gar in die Wege geleitet habe. Die zweite Frage ist, inwieweit die Mächte der Gegenkonstellation nun darin gehen werden, diese Entwicklung durch Intrigen im Keime zu ersticken oder gewaltsam zunichte zu machen. Im Hinblicke darauf sind auch alle weiteren Prophezeiungen vollkommen belanglos. Wir Juden werden natürlich nicht aufhören, der Türkei ihre Wiederauferstehung zu wünschen, aber die Entscheidung liegt in London oder in Berlin, nicht in Konstantinopel. Auf diese Entscheidung werden immerhin die’Kanonen von Tschataldscha nicht ohne Einfluß bleiben, deren Donner wir wohl bald wieder vernehmen dürften. Die wirtschaftliche Lage in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Die Kaufmannschaft von Saloniki, die hauptsächlich aus Juden besteht, befindet sich in großer Erregung. Infolge der neuen Situation, die durch die Besetzung des größten Teils der europäischen Türkei seitens der Balkanstaaten geschaffen wurde, ist der Handel unserer Stadt außerordentlich gefährdet. Die serbische und bulgarische Regierung haben auf die Waren, welche von hier nach den besetzten Gebieten geliefert werden, einen Zoll von 11 o« des Wertes gelegt, außerdem noch Ergänzungszölle und Abgaben, und dazu kommt noch das Verbot, in diese Gegenden solche Warjen einzuführen, die Staatsmonopole bilden, z. B. Salz, Streichhölzer, Petroleum und Tabak. Andererseits steht zu befürchten, daß die Kunden in diesen Gegenden, die ihre Waren bisher aus Saloniki bezogen und unseren Kaufleuten viele Millionen schulden, die Zahlungen verweigern, da sie in Zukunft nicht mehr in Saloniki einzukaufen brauchen. Die hiesigen Kaufleute machen die größten Anstrengungen, um sich in dieser kritischen Lage zu helfen. Die Handelskammer hat sich an die Handelskammern der europäischen Hauptstädte gewandt und sie gebeten, die nötigen Schritte zu tun, damit der Zoll auf diejenigen Waren aufgehoben werde, welche von hier nach den zwar besetzten, aber doch noch nicht endgültig annektierten Gebieten gehen. Ferner haben sie sich, um die gewaltigen Kosten und Unannehmlichkeiten zu vermeiden, welche eine gerichtliche Belangung ihrer Schuldner vor den verschiedenen Gerichten verursachen würde, an die Konsuln der Großmächte mit der Bitte gewandt, die nötigen Schritte zu tun, damit die verbündeten Staaten die gerichtlichen Entscheidungen anerkennen, die in Saloniki gegen Hif» cäiitnio-en 7ahier arefällt werden, wobei sie diesen einen

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