Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERUH W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRG. BERLIN, 31. Januar 1913 1ZN17Z7 T'onn 'X V2V V'3 Nr. 5. INI HAI T* B L*: Geschichte — WELTCHRONIK — OTTO ABELES: Dreissig Jahre Kadimah - REVUE DER S IINI IflLl . PRESSE — PALÄSTINA RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG — LITERARISCHE RUND- : SCHAU — Geschäftliche Nachrichten — Mitteilungen des Hauptbureaus des Jüdischen National - Fonds — Inserate GESCHICHTE Der einzigartige Reinfall, der den Großmächten mit der Ueberreichung ihrer Drohnote an die Türkei beschieden war, hat etwas Erfrischendes: Die Weltgeschichte wird also doch nicht von den beamteten Berufspolitikern gemacht, sondern von ganz anderen Leuten. Das ist .für die Schulkinder sehr angenehm, denn gerade das Ueberraschende, das plötzliche Auftreten neuer Männer, die Macht der Persönlichkeiten, die handelnd eingreifen und der „historischen Entwicklung“ eine neue Richtung weisen — das gerade macht das Studium der Geschichte so reizvoll und anziehend. Unser naturwissenschaftliches Zeitalter hat eine übertriebene Ehrfurcht vor den Begriffen „Entwicklung“ und „Gesetz“. Aber es wird Gott sei Dank nicht gelingen, aus der Geschichtswissenschaft eine Unterabteilung der Zoologie zu machen, mit Stammbäumen und Artgesetzen, aus denen» alles „notwendigerweise“ folgt. Nein, die Geschichte kennt keinen naturgesetzlichen Zwäng. Aus Leidenschaft und Liebe, aus Hunger, Furcht und Haß — aus allen menschlichen Trieben und Ideen ringen sich unaufhörlich geschichtsbildende Kräfte ans Licht. Freilich kann man gewisse Tendenzen der Entwicklung ermitteln und darf jederzeit versuchen, aus Milieu und Volkscharakter, geistiger Veranlagung und wirtschaftlichen Bedingungen der Menschen und Nationen eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu konstruieren. Ohne diese Möglichkeit wäre ja überhaupt keine Politik denkbar. Aber man muß sich hüten, dieser Rechnung allzu sehr zu trauen, man muß sich vor allem hüten, in kalter Nützlichkeitsberechnung jene unwägbaren Urkräfte zu verhöhnen, die in der Menschheit schlummern. Sonst rächt sich das beleidigte Gefühl in einem jähen Ausbruch, und Flammen schlagen aus einem Krater, der längst erloschen schien. Die Türkei hatte in den letzten Jahren so schwere Verluste zu verzeichnen, daß man in Europa von ihrem Untergang bereits wie von einer Naturnotwendigkeit sprach. Und wirklich hat die Kraft des Nationalitätsgedankens, der die Balkanvölker im Laufe der letzten Jahrzehnte zum Abfall von der türkischen Herrschaft trieb, in Gemeinschaft mit dem Eroberungsdrang der europäischen Großstaaten die Türkei immer mehr zurückgedrängt, hat ihr den größten Teil ihrer Besitzungen in Europa und Afrika genommen und greift bereits auf ihre asiatischen Provinzen über. Die Türkei ist überdies ein sehr armes Land, sie braucht den europäischen Kredit, und so schien es den Diplomaten gar nicht schwer, die Türken mit dem Hinweis auf den höher gehängten Brotkorb zu jedem Frieden zu zwingen. Es war auch bereits alles in Ordnung, die „Entwicklung“ schien sich ganz programmäßig zu vollziehen, die Friedenstafel war schon gedeckt — da kam ein junger Offizier, hieb auf den Tisch, daß die Teller tanzten und riß die ganze, so trefflich begründete Kette der Geschehnisse auseinander. Freilich, freilich — es kann schon sein, daß die Perücken, die jetzt bedenklich wackeln, bald wieder befriedigt nicken werden. Man hat das Auftreten Enver Beys mit dem Napoleons verglichen und hat die Frage erörtert, ob seine Taten ihm den Weg zu napoleonischem Ruhm bahnen werden. Doch sieht es nicht so aus, als stände er am Beginn einer Siegeslaufbahn, wie sie dem jungen Bonaparte beschieden war. Man denkt vielmehr an das Ende jener Herrlichkeit, man denkt an den Wiener Kongreß, auf dem — wie jetzt in London — die gewiegtesten Ordensträger Europas die Beute verteilen wollten, während Napoleon nach seiner Abdankung auf Elba saß. Man denkt an den letzten verzweifelten Versuch des Kaisers, als er, nachdem Frankreich schon von ihm abgefallen war, heimlich mit sechs kleinen Schiffen nach der französischen Küste zurücksegelte. Sobald er ans Land sprang, fiel ihm Frankreich wieder zu — die Bourbonen flohen, der Wiener Kongreß lief auseinander — aber es war doch nur das letzte Auf flackern eines gewaltigen Herrscherwillens. Es kam die Schlacht bei Waterloo, es kam die Flucht, die Gefangenschaft, es kam St. Helena. Es kann wohl sein, daß Enver Bey, der junge kecke Offizier mit dem mutigen Blick und dem dunkelblonden Schnurrbärtchen, gar rasch verspielt haben wird. Aber es ist schön, daß die Türken in diesem Augenblick gezeigt haben, was männliche Entschlossenheit vermag. Noch bleibt ihnen die Hoffnung. Napoleon hätte die Schlacht bei Waterloo ja auch beinahe gewonnen und nur das Eintreffen der Preußen entschied seine Niederlage. Vielleicht trägt Enver Bey mit seinen Freunden beim türkischen Waterloo den Sieg davon — besonders, da die Preußen diesmal fembleiben. ... R. L.