Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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120 LT Nr. 4 Brooklyn. Am 8. Dezember hielt Prof. Israel Friedlaender vom jüdischen theologischen Seminar einen öffentlichen Vortrag über „Zionismus und Amerikanismus“, der von dem Civic Forum veranstaltet war. Baltimore. Die Ohawe Zion Society of Baltimore veranstaltete ein jüdisches Konzert, das großes Interesse erregte. Der Deberschuß von 190 Dollars soll dem Bezalel überwiesen werden. Bangor. Der Darchei Zion-Verein, welcher vor ca. 10 Jahren begründet wurde, ist jetzt reorganisiert worden. Der Verein zählt 50 Mitglieder und veranstaltet jeden Sonntag Nachmittag eine Versammlung. Cincinnati. Mr. Leo W i s e hielt in der Sons and Daughters of Zion Society einen Vortrag über „Jüdische Tagesfragen“. Los Angeles. Die verschiedenen zionistischen Vereine von Los Angeles in Kalifornien haben kürzlich dem Jüdischen Nationalfonds ca. 36S0 M. für die Landspende überwiesen. Das Land soll den Namen der Zionisten von Los Angeles tragen. Weitere Gelder sollen gesammelt werden für die Anpflanzung von Bäumen und zur Erbauung von Häusern für jüdische Landarbeiter in 'Palästina. Dallas (Texas). Die Texas Young Zionists of Dallas veranstalteten am 15. Dezember ein Chanukahfest. Am Abend fand eine große öffentliche Versammlung statt □□□□□□ FEUILLETON □□□□□□ o Schnitzlers „Professor Bernhardi“ Von Sch. Gorelik Arthur Schnitzler, sonst so elegant und graziös — hat für sein letztes Stück absichtlich oder unabsichtlich eine etwas wuchtigere Form gewählt. Damit kränkte er gewissermaßen die ihm stets so wohlgesinnte Presse, und die Kritik findet sein Stück schwach, obgleich es tagtäglich mit großem Erfolg auf der Bühne des „Kleinen Theaters" in Berlin aufgeführt wird. Dem in künstlerischer Hinsicht angeblich schwachen Drama wird außerdem der Vorwurf einer übertriebenen Sachlichkeit und der Tendenzreiterei gemacht. Man war so sehr an die leichte Schnitzlerische Ironie, an sein graziöses Skeptikerlächeln gewöhnt, daß man in seiner ernsten Miene fast einen Verrat an seinem Talent, an seinen Gaben erblickte. Die allgemeine Meinung hielt es für Schnitzlers Sendung, stets nur über das Erdenleben hinzuschweben und im Schweben alles Kleinlich-Gemeine dieses Lebens aufzudecken, sich darüber zu empören, aber dabei unbedingt das obligate Lächeln zu bewahren. Dies Lächeln sei die Hauptsache, so ungefähr: „Mir, dem echten Wiener Arthur Schnitzler ist es vollkommen Schnuppe, was auf dieser ungereimten Welt geschieht, aber als Künstler fühle ich mich von Zeit zu Zeit aesthetisch verletzt und schreibe eine Satyre. Meine Natur drängt mich zu einem feingeschliffenen Dialog, zum graziösen Flirt — das alles durch das Prisma eines eleganten Skeptizismus gesehen." Der Künstler aber geht seine eigenen Wege, unbekümmert, ob es den Herren von der Presse gefällt oder nicht gefällt. Die „Schwäche" im Sinne der Abwendung vom Leichten, vom Gefälligen zu Kompliziertem und Schwerem hat man an Schnitzler schon wiederholt wahrgenommen. Zuzeiten verläßt er die Welt der mondänen und demimondänen Dame, der geistreichen und der blöden Lebemänner und sinnt über das nach, was wir gewöhnlich unter dem banal-langweiligen Wort „Problem" verstehen. Daß er bei dieser Tätigkeit an dem Problem des Judentums nicht ohne weiteres Vorbeigehen konnte, ist doch nur zu begreiflich und natürlich. Er ist Jude und obendrein ein feinsinniger Künstler. Sein echtes und empfindsames Künstlertum zwingt ihn geradezu, über die Judenfrage nachzusinnen. Seine Reflexionen bewegen sich nach zwei Richtungen. Zunächst: „Die Gesellschaft und ihre Stellung zu den Juden" und dann: „Juden, die sich ihres Judentums schämen." Die Stellung der Gesellschaft zum Judentum ist nur geeignet, die pessimistische Auffassung über den angeblichen Sieg der Humanität zu nähren und zu vertiefen. Die ganze niedrige Komödie der menschlichen Gesellschaft, die Herrschaft der allmächtigen Niedertracht kann man nicht besser durch und durch studieren, als indem man die Behandlung des Judentums als Paradigma auf stellt. Das wäre das Eine. Dann aber wendet er sich zu den Juden selbst, zu jenen Juden, die sich aus Feigheit oder aus knechtischer Gesinnung fürchten, sich als solche zu bekennen, die darum fremde Formen annehmen, nachäffen und ein Heiliges im Menschen verraten und beleidigen: das Schönheitsgefühl. Was ist ein Assimilant? Für den Nationalisten ist er ein Mensch, der die nationale Sache schädigt und die Rolle eines Verräters spielt, so oft er sich als Assimilator aktiv betätigt. Für den Künstler aber ist der Assimilator hauptsächlich und vor allem ein Mensch von schlechtem Geschmack, ein Mensch ohne Schönheitsgefühl, und an solchen Menschen rächt sich der Künstler durch seinen Sarkasmus nicht minder wie der eifrigste Nationalist. In Schnitzlers Drama sind nun diese beiden Gesichtspunkte vereinigt. Was die Gesellschaft betrifft, so ist sie über Professor Bemhardis Handlungsweise empört und fällt über ihn her. Sie nimmt die Verleumdung, die Undankbarkeit, die Frömmelei zu Hilfe. Das ganze Vergehen der allgemein anerkannten Leuchte der Wissenschaft bestand in folgendem: er verwehrt einem Geistlichen den Zutritt zu einer sterbenden Kranken, die er als Seelsorger der Krankenanstalt besuchen will, um sie mit den Sterbesakramenten zu versehen. Er tut dies, weil er den besonderen Zustand der Patientin kennt, die sich in einer seligen Unkenntnis ihrer gefährlichen Lage befindet. Sie träumt wachend vom Geliebten, der kommen und sie mitnehmen wird. Sie geht vollkommen auf in der Welt ihres berauschenden Traumes. Die Wissenschaft kennt solche Seelenzustände bei Sterbenden und Professor Bernhardi läßt sich ausschließlich vom Gefühl der Humanität leiten, als er sich weigert, das Märchenreich zu zerstören, in dem die Kranke weilt, was doch mit dem Erscheinen des Pfarrers unweigerlich geschehen müßte. Es entsteht ein Konflikt zwischen dem unmittelbaren Gefühl der Menschlichkeit einerseits und dem Dogma andererseits. Der Geistliche macht sein Recht geltend, denn unmöglich kann die Sterbende, obendrein noch in ihrer Sünden Maienblüte, diese Welt ohne die Geleitworte des geistlichen Hirten verlassen. Dem widersetzt sich nun Professor Bernhardi in seiner Eigenschaft als Direktor der Klinik ganz entschieden und zwingt den Geistlichen, sich zu entfernen. Dieses Vorkommnis bildet den Knoten der Handlung. Alles, was folgt, ist lediglich die Wirkung dieser Verweisung des Geistlichen aus dem Krankenzimmer. Die Verleumdung wächst, ein Berg von ungeheuerlichsten Anschuldigungen stürzt über dem Haupte Professor Bemhardis zusammen und im Hintergrund dieses