Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-01-24 · 4 (24.1.1913) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
4 (24.1.1913)
Date
1913-01-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316575--57003-3375474
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

116 Nr. 4 DIESqKELT presse sowohl wie in den Konferenzen der Landarbeiter diese zur Förderung der Jemenitensiedlung in jeder Beziehung aufzufordern. In der Tat gilt es in den Kreisen, die sich für die Ansiedlung der Jemeniten interessieren, als eine feste Regel, daß die Jemeniten in jenen Kolonien am besten aufgehoben sind, wo auch aschkenasische Arbeiter vorhanden sind. Wo die letzteren fehlen, beispielsweise in Obergaliläa, da können auch die Jemeniten nicht heimisch werden. Gewiß sind noch nicht alle Schwierigkeiten, die mit dieser Angelegenheit verbunden sind, beseitigt. Ja, je größere Dimensionen die Einwanderung dieser gequälten, von einer mitunter halbjährigen Wanderschaft abgehetzten, im Laufe von Generationen unterernährten Menschen annimmt, um so mehr entstehen auch neue Probleme, die eine ernste Beachtung erfordern. Es ist sehr löblich, wenn unsere Institutionen mit modernen, sozialwirtschaftlichen Mitteln nationale Arbeit in Palästina leisten wollen. Nur sollte man bedenken, daß die Jemenitenansiedlung eine Angelegenheit sui generis ist und demgemäß auch eigenartig behandelt werden muß. Beispielsweise wäre es meines Erachtens richtiger, wenn man die 1000 Francs - Spenden für Ansiedlung einer Jemenitenfamilie, statt ihnen ein steinernes Häuschen zu bauen, in folgender Weise verwenden wollte: 500 Frcs. für die Erbauung einer guten, geräumigen Holzbaracke mit Zementfliesen als Fußboden und den üblichen Dachziegeln als Decke, während die anderen 500 Frcs. für die Erwerbung eines größeren Stück Gemüselandes verwendet werden sollten. Der Jemenite wäre dann in wenigen Jahren in der Lage, sowohl seine Schuld zu bezahlen als sich allmählich ein Häuschen aus Steinen zu bauen. Auch würde er, wenn er reichlich eigenes Gemüse hätte, sich besser als jetzt nähren, was ja nicht minder im Interesse der künftigen Generation Hegt! Daß es auch in Palästina nur darauf ankommt, mutig und mit Ausdauer ehrliche Arbeit zu leisten und daß dann, nach Jahr und Tag, auch das Interesse der „maßgebenden“ und finanzkräftigen Kreise sich wie von selbst einstellt, dafür hatten wir in letzter Zeit nicht bloß auf dem landwirtschaftlichen Gebiete mehrere Beweise. Wenn jemand beispielsweise im Jahre 1906 bei der Gründung des Hebräischen Gymnasiums in Jaffa vorausgesagt hätte, daß nach sechs Jahren die Wiener israelitische Kultusgemeinde diese Schule subventionieren würde, dann wäre er sicherlich ausgelacht worden. Und doch ist dies heute Tatsache. Auf dem Gebiete der Hausindustrie schreitet der „Bezalel“ erfolgreich vorwärts. Im abgelaufenen Jahre fand er weitgehendste Unterstützung bei Nathan Straus und Baron Edmund Rothschild. Besonders erfreulich ist es, daß die Qualität seiner Erzeugnisse sich immer mehr vervollkommnet und die Bezalel-Waren überall sehr begehrt werden. In letzter Zeit wurde bekanntlich in Jerusalem am Jaffator der Bezalelpavillon errichtet, der gewiß von allen jüdischen Touristen aufgesucht werden wird. Als neue Schulen sind in der letzten Zeit das Lehrerinnenseminar in Jaffa und die landwirtschaftliche Mittelschule in Pethach-Thikwah — beide gleich wertvolle Institutionen — entstanden. Besonders ist zu erwarten, daß manche Palästinafreunde, die mit dem Gedanken umgehen, sich in den nächsten Jahren hier als Landwirte oder Pflanzer anzusiedeln, zuerst ihre Kinder hierher zum Besuche der landwirtschaftlichen Schule schicken werden, damit sie an ihnen nachher eine Stütze haben. Das Jerusalemer Gymnasium hat unter der Leitung des Herrn S. Schiller, der mit Recht zu unseren führenden Intellektuellen gezählt wird, und dem in 20 Jahren harter Arbeit die Nationalisierung der galizischen Jugend gelungen ist, einen starken Aufschwung genommen. Was Dr. G. Zipper für diese Anstalt geleistet hat, ist den Lesern der „Welt“ ebenfalls bekannt. Um so verwunderlicher ist es, daß das große zionistische Publikum außerhalb Galiziens dieser so wichtigen Schule nicht das erforderliche Interesse entgegenbringt. Die Folge ist, daß sich das Jerusalemer Gymnasium andauernd in kritischer Lage befindet. Wir dürfen aber dem Opfersinn der Lehrer nicht allzuviel aufbürden. Wenn man treu und mit voller Hingebung den ganzen Monat an der Bildung der jungen Generation gearbeitet hat, muß man schließlich doch am Ende des Monats das bescheidene Gehalt beziehen. Ohne dies geht es auf die Dauer auch in Palästina nicht. Dabei unterliegt es ja keinem Zweifel, daß die Schule sich mit der Zeit durchsetzen wird. Vielleicht genügt unseren Freunden dieser kurze Hinweis, damit sie den Emst der Situation erkennen und wissen, wo hilfreich einzugreifen ist. Es wäre wahrlich für uns alle mehr als eine Blamage, wenn wir diese unsere Position in Jerusalem aufgeben müßten. Eine erfreuliche Erscheinung waren in diesem Jahre die Ferienkurse, die in der Kolonie Sichron-Jakob für die Lehrer abgehalten wurden. Aaronsohns Organisationstalent und Arbeitseifer haben dieser Veranstaltung das eigentliche Gepräge verliehen. Auf sanitärem Gebiete wurde in diesem Jahre von Nathan Straus das Gesundheits- Amt begründet, von dem viel zu erwarten ist. In Jaffa entstand die Jüdisch-Medizinische Gesellschaft, die zwar noch nicht das ganze Programm, wie es Dr. Joffe in Nr. 24 der „Welt“ vom Jahre 1911 aufgestellt hat, sich zu eigen machte, aber nichtsdestoweniger bereits eine ersprießliche Tätigkeit entfaltet. Auch die jüdische T urnbeweg u n g in Palästina nahm im letzten Jahre einen vielversprechenden Aufschwung, und nun wird in Stadt und Land drauf losgeturnt, daß es eine Freude ist. Ueber die literarische Ernte des Jahres soll in einem besonderen Aufsatze berichtet werden. Auf dem Gebiete der Industrie war die Schließung der Maschinenfabrik „A t h i d“ in Haifa ein trauriges Ereignis. Hingegen dehnen sich die Fabriken für Zementziegel und -fliesen immer mehr aus. Neuerdings ist ein Versuch mit der Herstellung von Perlmutterarbeiten in Jerusalem gemacht worden, wo man sich bestrebt, neuartige Erzeugnisse hervorzubringen, um mit den Erzeugern ähnlicher Waren nicht zu konkurrieren. Auch die Spitzenateliers beschäftigen eine immer größere Zahl von erwerbstätigen jüdischen Mädchen. So sehen wir, daß wir in unserer Arbeit, trotz Krieg, Choleragespenst und finanzieller Krisis, keinen Stillstand zu verzeichnen haben. Aber auch jene belebende Kraft, die keine Gesellschaft von Menschen auf die Dauer entbehren kann: „Die Freude, der harmlos fröhliche Genuß der Stunde“, ist zu ihrem Rechte gekommen. Dafür sorgten vornehmlich die Musikschulen in Jerusalem und Jaffa, die im letzten Jahre noch neue gediegene Lehrkräfte erhielten. Um so tiefer und allgemeiner war daher der Schmerz, daß die edle Begründerin dieser Schulen, Frau Sulamith Ru pp in, so jäh vom Schauplatze ihrer Tätigkeit abberufen wurde. Die A. P. C. und die hebräische Sprache Eine in Palästina erscheinende hebräische Wochenschrift hat vor kurzem die Mitteilung gebracht, die Direktion der Anglo-Palestine Co. Ltd. in Jaffa hätte ihren Filialen in einem Zirkular vorgeschrieben, für den brieflichen Verkehr der Filialen untereinander nur die französische Sprache zu benutzen. Diese Mitteilung ging auch in eine Reihe nichtpalästinensischer Zeitungen über und hat in vielen gesinnungsgenössischen Kreisen begreifliche Verwunderung hervorgerufen. Es ist selbstverständlich, daß diese Nachricht völlig aus der Luft gegriffen ist. Der Sachverhalt, der zu diesen Gerüchten Anlaß gegeben hat, ist folgender: Vor kurzem ist in die Bank ein höherer Beamter eingetreten, der bisher in Aegypten tätig gewesen war und die hebräische Sprache noch nicht in genügendem Maße beherrscht. Die Filialen sind nun in einem Rundschreiben ersucht worden, solange der betreffende Beamte sich die nötigen Kenntnisse noch nicht angeeignet hat, wozu er sich bei seinem Eintritt verpflichtete, gewisse interne, ausschließlich für die Buch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.