Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4 111 diei^kelt den Waldman jüngst vor der State Conference of Charities hielt, bewies er an der Hand eines reichen Zahlenmaterials, daß der von der Regierung erhobene Vorwurf durchaus unbegründet ist, daß die Zunahme der Geistesgestörten im Verhältnis zur Zunahme der Bevölkerung nur 24: 25 Prozent beträgt, und daß die Zahl der im Auslande geborenen Irren kaum größer ist, als die der in Amerika geborenen; daß endlich die Einwanderer aus Nord- und West-Europa einen viel größeren Teil der Irren liefern, als die aus Ost- und Süd-Europa. Klerikaler „Asemitismus“ in Ungarn (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Seit dem Ausbruche des Kulturkampfes in Frankreich ist Ungarn die Zufluchtsstätte der heimatlos gewordenen Kleriker, welche nunmehr hierzulande in erster Reihe ihren Judenhaß betätigen. Die „Belebung“ des Katholizismus (dies ist ihr Schlagwort) macht nie geahnte Fortschritte, noch größere aber die mit dieser „Belebung“ Hand in Hand gehende Schürung des Judenhasses. Die hierher verpflanzten marianischen Kongregationen sind die weltlichen Streitkräfte der mächtig umsichgreifenden klerikalen Strömung, deren Theorien durch diese Kongregationen in die Tat umgesetzt werden. Die Stellungnahme zur Judenfrage wurde einer eingehenden Erörterung in den von dem Jesuitenpater Be 1 a Bangha gehaltenen „Homiletischen Vorträge für das gebildete katholische Publikum“ unterzogen. Von den bereits gedruckt vorliegenden Vorträgen nimmt derjenige, welcher die Judenfrage behandelt, den größten Raum ein. ln einer Objektivität heuchelnden Weise werden nach bekannter Methode die einzelnen Momente der Judenfrage (Rasseneigenschaften, Moral, Kriminalität, Beziehungen zum Wirtschaftsleben, zur Presse usw.) untersucht und nach den alten Vorbildern festgestellt, daß das Judentum an dem Niedergang der katholischen Religiosität die Schuld trage. Der Kampf gegen das destruktive Judentum sei demnach nicht nur ein Recht, sondern direkt eine Pflicht der Katholiken, sagt der ehrwürdige Pater. „Der Kampf muß aber mit den Waffen des zwanzigsten Jahrhunderts ausget'ochten werden,“ bemerkt er diplomatisch. „Kein Pogrom und keine Beleidigung der Juden, hingegen Asemitismus, die Asemitisierung des gesellschaftlichen und Geisteslebens, sowie der Presse, die Bekämpfung des entchristlichenden Einflusses des Judentums, damit diesem die Möglichkeit zur Abbröckelung der christlichen Gesellschaft und Kultur entzogen werde.“ Deutlich und klar wird also der Weg gewiesen, den die Gläubigen zu beschreiten haben. Dabei ist man auch noch human, da der indirekt herbeigeführte Hungertod des Delinquenten der Todesstrafe vorgezogen wird. Liebchen, was willst du noch mehr? Neu sind diese Grundsätze freilich nicht. Sie werden schon seit Jahren praktisch befolgt, worüber so mancher geschäftlich ruinierte ungarische Jude ein Lied zu singen wüßte. Statistisches von den ungarischen Juden Ungarn wird vielfach als ein Eldorado der Juden bezeichnet, eine Ansicht, welche durchaus nicht zutrifft. Einen Beweis hierfür liefern die Daten der jüdischen Auswanderung. Während in den früheren Jahrzehnten das ungarische Judentum auch durch Einwanderung vermehrt wurde, macht sich schon seit 30 Jahren eine große Auswanderung fühlbar. Es wunderten aus in den Jahren: 1880 i890: 37 SG I Juden 1890 1000: lß ttid 1000 1010: 44 010 Die Auswanderung nahm zuerst hauptsächlich die Richtung nach Wien und anderen Städten Westösterreichs, seit der Luegerischen Aera aber meist nach Amerika. Obwohl Ungarn eine starke ständige Auswanderung hat, übersteigt die jüdische Auswanderungsquote den Landesdurchschnitt. An der Rückwanderung sind die Juden verhältnismäßig wenig beteiligt, so beträgt die gesamte Zahl der Rückwanderer in den letzten 4 Jahren durchschnittlich 32 "o der Auswanderer, bei den Juden hingegen bloß 0 Die natürliche Zunahme der Juden verringert sich merklich. So betrug der Koeffizient der natürlichen Bevölkerungszunahme bei den Juden in den Jahren 1896 1000 durchschnittlich 17,S °/00 1000-1905 „ 14,8 o/oy 1905- 1910 „ 13,3 °/00, das sind in absoluten Zahlen 1896 1900 durchschnittlich 14 504 1900 1905 „ 12 918 1905 -1910 „ 12 283 Wir sehen hier also die gleichen Erscheinungen, wie sie in Westeuropa bereits seit langem beobachtet und wissenschaftlich beschrieben werden. Die Gründe hierfür sind auch analog: der durch wirtschaftliche und kulturelle Momente hervorgerufene Zug nach der Stadt, das Ein- und Zweikindcrsvstem usw. Der Kampf um das „Cheder“ in Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Die jüngste Konferenz der „Bildungsgesellschaft" hatte neben dem wichtigsten Punkt der Tagesordnung, der „Chederfrage“, auch darüber zu beraten, wie das fünfzigjährige Jubiläum der Gesellschaft würdig geleiert werden sollte. Es liegt etwas Symbolisches im zeitlichen Zusammentreffen dieser beiden Fragen. Die Erörterung der Chederfrage sollte gleichsam vor aller Welt bekunden, daß die „Bildungsgesellschaft“ in eine neue Aera ihrer Tätigkeit ein tritt. Es gab eine Zeit, wo eine Erörterung innerhalb der „Bildungsgesellschaft“ über die Reform und Reorganisation des Cheders schlechterdings undenkbar gewesen wäre. Die rationalistische „Aufklärung“, die für nationale Eigenart und historische Entwicklung kein Verständnis hatte, wußte für die Chederfrage wie übrigens für alles, was nicht in die neuzeitliche Bildungsschablone paßte, nur eine einzige radikale Lösung: die erlösende Vernunft, die klare und deutliche Erkenntnis sollte das Verbildete, das Unzweckmäßige und „ Vernunftwidrige" einfach aus der Welt schaffen und an dessen Stelle das nach klaren Vernunftbegriffen Konstruierte setzen. Das Volksschulprogramm unserer ehemaligen Aufklärer, der Begründer und Leiter der russisch-jüdischen Bildungsgesellschaft, lautete kurz: Vernichtung des traditionellen Cheders und Ersetzung desselben durch eine neue, nach den Grundsätzen und Forderungen der „Aufklärung" eingerichtete Volksschule. Nun scheint das rationalistische Programm unserer wurzellosen Weltverbesserer überwunden zu sein. Das Zentralkomitee der Bildungsgesellschaft gelangte schließlich zur L Überzeugung, daß es das „Cheder" in seinen Wirkungskreis einbeziehen müsse. Seit einiger Zeit befaßt sich das Zentralkomitee ernstlich mit der Frage der Sanierung des Cheders. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß das radikal geänderte Verhältnis zu unserer traditionellen Volksschule nicht zuletzt das Ergebnis der vieljährigen Kämpfe der zionistischen und nationaljüdischeu Kreise gegen die herkömmliche assimilatorische Haskala-Riclitung ist. Diese Kämpfe endeten überall mit einem völligen oder teilweisen Siege der neuen Richtung, der wichtige Zugeständnisse gemacht wurden. Namentlich erhielt die nationale Strömung im Petersburger Zentralkomitee die Oberhand. Und so war es nur natürlich, daß dieses vor einigen Monaten in verschiedenen Gegenden des Ansiedlungsrayons eingehende Studien über den gegenwärtigen Stand des Cheders anstellen ließ, um an der Hand charakteristischer, zahlenmäßig gegliederter Typen ein