Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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110 LT Nr. 4 Umstand, daß an dem Verkauf des Opiums das indischjüdische Handelshaus S a s s o o n beteiligt ist, wird in der Anti-Opium-Agitation gehörig verwertet. Also auch hier dient der jüdische Name als Schlachtruf. Zur englischen Chief Rabbi-Frage London. In einer Sitzung des Rabbiner-Wahlkomitees der Vereinigten Synagogen, die hier vorige Woche stattfand, wurde beschlossen, von den am 22. Juni v. J. nominierten zwei Kandidaten, nämlich dem Londoner Dajan Dr. Hyamson und dem Johannesburger Rabbiner Dr. Hertz, den letztgenannten der Wahlversammlung besonders zu empfehlen. Die Wahlversammlung tritt am 22. Februar zusammen. Infolge der Empfehlung des Wahlkomitees erscheint die Wahl von Dr. Hertz gesichert. Voraussichtlich wird Dr. Hyamson seine Kandidatur zurückziehen. Ein jüdischer Lehrerverband für die Vereinigten Staaten und Kanada (Von unserem Berichterstatter.) New York. Nicht weniger als 210 jüdische Lehrer aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und Kanadas haben Ende Dezember eine Konferenz in Browns ville abgehalten, in der sich die Lehrer zu einem Nationalverband zusammengeschlossen haben. Der Zweck dieses Verbandes ist die Regelung der jüdischen Lehrerbildung sowie der Anstellungsverhältnisse der jüdischen Lehrer und eine Verbesserung ihrer materiellen Lage. Hiermit ist der erste Schritt zu einer Reform des gesamten jüdischen Religionsunterrichts getan worden, der sich hier in einer kläglichen Verfassung befindet — nicht zum wenigsten dadurch, daß die Lehrer entweder zwar moderne amerikanische Lehrmethoden beherrschen, aber von jüdischem Wissen und Hebräisch keine Ahnung haben, oder umgekehrt einseitiges jüdisches Wissen aus den osteuropäischen Ghetti mit nach Amerika bringen, dagegen aber von moderner Pädagogik und von der englischen Sprache nichts verstehen. Bei der bisherigen jämmerlichen Besoldung war an eine gründliche Fachausbildung und eine sorgfältige Auswahl des Lehrermaterials nicht zu denken. Welche Wichtigkeit man den Lehrerberatungen beimißt, erhellt daraus, daß die hervorragendsten jüdischen Persönlichkeiten Amerikas, darunter Jacob H. Schiff, der Lehrerversammlung Glückwünische und Anregungen übersandten. Organisation der jüdischen Jugend in Amerika In Amerika mehren sich die Anzeichen, daß die Judenheit endlich die Notwendigkeit einer Organisierung ihrer Kräfte einzusehen beginnt und entsprechende Vorkehrungen trifft. Und was das Erfreulichste ist: auch einflußreiche Persönlichkeiten gelangen in der letzten Zeit (vielleicht aufgeschreckt durch die. im Rosenthal-Prozeß zutage getretenen schweren Schäden am jüdischen Volkskörper) zu der Ueberzeugung, daß die bedrohlich wachsende Judenfrage in Amerika nur durch soziale Arbeit auf national-jüdischer Grundlage gelöst werden kann. Nachdem die Young Men’s Hebrew Association seit Jahren wenig mehr als ein geselliges Zentrum für die jüdische Jugend der einzelnen Städte und Stadtgegenden gewesen ist, haben ihre Leiter und Spender kürzlich den Plan gefaßt, das Institut beträchtlich auszudehnen und vorwiegend zu einem Zentrum sozialer und erziehlicher Arbeit zu machen. In einem Interview mit dem Korrespondenten einer amerikanisdien Zeitschrift hat sich der bekannte Philanthrop Jacob H. Schiff eingehend über den neuen Arbeitsplan ausgesprochen: Die Y. M. H. A. wird künftig durch Tum- und Wanderklassen besonderen Wert auf die physische Ausbildung ihrer Mitglieder legen. Ferner sollen Abendkurse in allgemeinen Fächern und Fachklassen für Berufsausbildung eingerichtet werden, die den staatlichen Schulen an Wert nicht nachstehen sollen. Durch Vorträge und gemeinsame Feiern soll das religiöse und moralische Verantwortlichkeitsgefühl der jüdischen Jünglinge gestärkt und das ganze Institut durchaus auf eine nationale und demokratische Basis gestellt werden. Gleichzeitig ist — dank der Hochherzigkeit von Frau Schiff — dem entsprechenden Institut für Mädchen, der Young Women ’s Hebrew Association, noch vor Schluß des alten Jahres ein neues, bedeutend größeres Heim gesichert worden. Von einem anonymen Freunde der Vereinigung war ihr ein Geschenk von 40 000 Dollars für einen Neubau versprochen worden, falls es ihr gelänge, bis zum Ende des Jahres 1012 weitere 210000 Dollars aufzubringen. Da in den letzten Tagen des Jahres noch 18 000 Dollar zu dieser Summe fehlten, wurde ein letzter Appell an Frau Schiff gerichtet, den diese sofort mit der Uebersendung eines Schecks in diesem Betrage beantwortete. Das neue Heim wird Schlafräume für 150 Mädchen, einen Hörsaal, ein Gymnasium, Klubräume und Klassenzimmer enthalten, und auch hier soll neben der jüdischen Erziehung der jungen Mädchen auf eine erweiterte Berufsausbildung hingearbeitet werden. Wenn doch in der amerikanischen Judenheit alles so vorbildlich wäre, wie ihre Opferwilligkeit im Spenden großer Summen für gemeinnützige Zwecke! Annahme der Burnettschen Einwanderungsvorlage im amerikanischen Repräsentanten hause New York. Nachdem in einer Sitzung des von den beiden Häusern des Kongresses eingesetzten Komitees zur Prüfung der Burnettschen Einwanderungsvorlage eine Einigung erzielt worden war, wurde die modifizierte Gesetzesvorlage am 17. Januar vom Repräsentantenhause angenommen. Sie bestimmt, daß die Einwanderer imstande sein müssen, ihre eigene Landessprache zu lesen. Von dieser Bestimmung sind Gattinnen, Witwen und ledige weibliche Personen ausgenommen. Die Forderung der Kenntnis des Schreibens wurde fallen gelassen. Die Kopfsteuer für Einwanderer wird von 4 auf 5 Dollar erhöht. Jedes Einwanderer befördernde Schiff muß behördlich ernannte amerikanische Aerzte, Inspektoren und Wärterinnen an Bord haben. Hierzu wird uns von unserem Berichterstatter noch folgendes geschrieben: Vermutlich um die einwandererfeindliche Burnettsche Gesetzesvorlage zu rechtfertigen, werden augenblicklich von amerikanischen Politikern wieder alle möglichen Zahlen angeführt, um zu beweisen, daß die Einwanderer den größten Teil der Insassen von Wohltätigkeits-, namentlich Irrenanstalten, bilden. Der Grund zur Verschärfung des Einwanderungsgesetzes soll ja der sein, daß die Staaten und Städte entlastet werden und ihnen die Kosten erspart werden, die durch eine Flut von Einwanderern entstehen, welche bald nach ihrer Ankunft, teils aus angeborener Veranlagung, teils infolge widriger Schicksale, dem Irrsinn oder der Not verfallen. Wenn man in Amerika von „Einwanderern“ spricht, so meint man heutzutage damit Juden und Italiener, und in diesem Sinne erscheint der erwähnte Vorwurf als ein neuer Ausfall der amerikanischen Staatsregierung gegen die jüdischen Einwanderer, noch dazu als ein völlig unberechtigter, wie aus den Ausführungen des bekannten New Yorker Soziologen und Philanthropen Morris D. Waldraan, dem Manager der „United Hebrew Charities“, hervorgeht In einem Vortrag,