Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 4 (24.1.1913)
- Date
- 1913-01-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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112 Nr. 4 DIElfoELT klares Bild von der traditionellen Volksschule im Ansiedlungsravon zu gewinnen. Diese Untersuchungen, deren Ergebnisse im offiziellen Organ der Gesellschaft niedergelegt sind, dienten als Ausgangspunkt für die Petersburger Beratungen; sie wurden übrigens durch wertvolles, von einzelnen Abteilungen und Mitarbeitern gesammeltes Materialergänzt und zum Teil berichtigt. Es war von vornherein klar, daß die meisten Abteilungen die Ansicht des Zentralkomitees teilten, wonach die Bildungsgesellschaft eine ihrer wichtigsten Aufgaben auf dem Gebiete des Cheders zu erfüllen hätte. So erklärt sich auch die merkwürdige Tatsache, daß selbst die unversöhnlichsten Vorkämpfer der alleinseligmachenden - „Aufklärung“, die Leiter der Odessaer Abteilung, jetzt mürbe wurden und zum ersten Male, seitdem es hier einen Kampf zwischen Aufklärern und Zionisten gibt, der nationalen Opposition eine ihrer zahlenmäßigen Stärke entsprechende Anzahl von Mandaten für die Petersburger Konferenz einräumten. Freilich ließen es sich die Herren nicht nehmen, ihren abweichenden Standpunkt zur Geltung zu bringen. In der Generalversammlung der Odessaer Abteilung brachte das Komitee eine Resolution ein, in welcher ausdrücklich betont wurde, daß die Bildungsgesellschaft sich mit dem Cheder nicht etwa wegen seiner historisch-nationalen Bedeutung, sondern lediglich deshalb befassen müßte, weil er schließlich doch für hunderttausende jüdische Kinder die einzige zugängliche Elementarschule darstelle. Allein diese Auffassung des Cheders als eines notwendigen Uebels wurde von der überwiegenden Mehrheit der Petersburger Konferenz keineswegs geteilt. Vielmehr stellte sich die Konferenz auf den historisch-nationalen Standpunkt und bekundete Verständnis für die Entwicklungstendenzen des jüdischen Volkslebens. Es gab freilich auch eine Gruppe „radikal“gesinnter Delegierten, die sich von einem übel angebrachten Doktrinarismus nicht befreien können, aus ihren politischen Programmen von anno 1905 die Forderung nach „Trennung von Staat und Kirche“ mitbrachten und aus dieser Forderung die Ablehnung des Cheders wegen seines konfessionellen Charakters ableiteten. Glücklicherweise aber bildeten 'diese weltfremden Doktrinäre eine unbedeutende Minderheit, und die Konferenz faßte mit großer Mehrheit eine Resolution, die die Fürsorge für das Cheder als eine der wichtigsten Aufgaben der Bildungsgesellschaft erklärte. Durch diesen Beschluß hat sich die Konferenz nicht nur ein großes national-kulturelles Verdienst erworben, sondern sie bekundete damit auch ein gesundes Verständnis für die pädagogische Seite der Frage. Sie sanktionierte mit diesem Beschluß den Standpunkt des Zentralkomitees, das den unvergleichlichen Vorzug des Cheders darin erblickt, daß dieses den Anforderungen weiter Volksschichten entspricht. Diese Vorzüge sind es aber gerade, die das Cheder zur jüdischen Volksschule par excellence machen. Man kann sich eben eine normale Volksschule nicht anders denken, als in nahen Beziehungen zum Volksleben, sonst fehlt die für die Ausbildung einer gesunden harmonischen Persönlichkeit unentbehrliche Voraussetzung — das einträchtige Zusammenwirken von Haus und Schule. Für den jüdischen Ansiedlungsrayon Rußlands läßt sich aber ein solches Zusammenwirken nur dann erreichen, wenn die Volksschule auf traditioneller Grundlage ruht und ihre geschichtlich ausgebildete Eigenart bewahrt Freilich lag es den Verteidigern des Cheders durchaus fern, die großen Schattenseiten, desselben leugnen zu wollen. Von seiten des Zentralkomitees und der Vertreter der Mehrheit wurde immer wieder auf die ungeheuren Schäden hingewiesen, die es zu' heilen gilt. Die ungenügende Ausbildung der „Melamdim“, ihre trostlose materielle Lage, ihre Abhängigkeit von den unwissenden Eltern der Schüler, die sich allzu gern in die inneren Angelegenheiten des Cheders einmischen, die völlige Plan- und Systemlosigkeit im Unterricht, die unzulänglichen sanitären Verhältnisse — all diese schwerwiegenden Mängel geben den Freunden unserer traditionellen Volksschule Anlaß zu ernsten Besorgnissen. Gleichwohl können sie die Freunde einer gesunden Volksbildung nicht dahin bringen, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Und so hat sich denn die Petersburger Konferenz entschlossen, die Schäden unserer tausendjährigen Volksschule nicht durch die radikale Verwerfung der ganzen Institution, sondern durch planmäßige positive Arbeit zu heilen. Es war eine Ironie des Schicksals, daß der Führer der siegreichen nationalen Richtung auf der Konferenz ein Vertreter der Odessaer Abteilung war — der Dichter Ch. N. B i a 1 i k. Wir Zionisten haben allen Grund, auf die jüngste Entwicklung der russisch-jüdischen Bildungsgesellschaft stolz zu sein. Sie ist in erster Reihe unser Verdienst. Zur Beilis- Affäre Petersburg. Der Gehilfe des Justizministers Werewkin ist im Verein mit einigen anderen höheren Justizbeamten beauftragt worden, die Berichte der Petersburger geistlichen Akademie und des berüchtigten Mönchs Pranaitis betreffs der Existenz jüdischer Ritualmorde zu prüfen und ihr Gutachten darüber abzugeben. Sicherem Vernehmen nach hat sich die genannte Ministerialkommission trotz der günstigen Urteile der befragten theologischen Autoritäten für die Aufrechterhaltung der Anklage gegen Beilis ausgesprochen. Pogrompanik in Russisch - Polen K i e 1 c e. Der hiesige Rabbiner M. N. Jerusalimsky erhielt dieser Tage ein anonymes Schreiben, worin den Juden für die nächsten Tage ein Pogrom angedroht wurde. In Anbetracht der in letzter Zeit verschärften Gegensätze zwischen Polen und Juden geriet darum die jüdische Bevölkerung in große Panik. Der Rabbiner wandte sich sofort an den Gouverneur um Schutz. Dieser ließ nun die Straßen mit verstärkten Patrouillen bewachen, worauf Ruhe eintrat. Die Juden auf den Philippinen Manila. Auf den Philippinen leben gegenwärtig etwa 3000 jüdische Familien, die meist aus Rußland stammen. Sie sind größtenteils Kaufleute und Handwerker und haben es bisher noch nicht zu einer regelrechten Gemeindeorganisation gebracht. Von einem jüdischen Zusammenleben, wie es in anderen Einwanderungsländem so charakteristisch zutage tritt, ist hier nichts zu merken. Nur an den hohen jüdischen Festtagen vereinigen sich größere Gruppen von Juden zu einem gemeinsamen Gottesdienst □□□□□□□□□□□□□□□□□□□□ Zur gefl. jBeachtungf Wir machen unsere Leser auf die Ausgabe der „Welt“ auf holzfreiem Papier aufmerksam und empfehlen insbesondere allen Vereinsbibliotheken, Archiven asw. deren Bezug. — Diese Ausgabe kann selbstverständlich nur an ganzjährige Abonnenten geliefert werden und kostet für Deutschland und Österreich-Ungarn M. 18,— pro Jahr für alle übrigen Länder.„ 24,— „ „ Verlag „Die Welt“. □□□□□□□□□□□□□□□□□□□□